KommentarZwei Kriegsstrategien, aber nur eine kann gewinnen: Warum die Ukraine die beste Chance seit langem hat und Russland trotzdem nicht auf Frieden sinntRussland hat die militärische Oberhand verloren. Wer die Ukraine im letzten Jahr zu einem Kapitulationsfrieden zwingen wollte, lag falsch. Jetzt gilt es, Putin zu einem bedingungslosen Waffenstillstand zu bewegen.29.07.2026, 05.35 Uhr6 LeseminutenLuftangriffe auf Kiew sind das stärkste Mittel, das Russland noch bleibt, aber sie brechen den ukrainischen Widerstand nicht: Augenzeugen am Ort eines zerstörten Kiewer Wohnblocks.Paula Bronstein / GettyEin russischer Theaterregisseur hat kürzlich ein politisches Experiment mit seinem Publikum durchgeführt. Er inszenierte auf einer Moskauer Bühne eine wilde Schlägerei und liess dann eine seiner Schauspielerinnen ausrufen: «Das muss einfach aufhören. Lasst uns damit aufhören!» Das gutbetuchte Publikum, so berichtet es eine russische Exilzeitung, begriff sofort. Es klatschte begeistert, man tauschte vielsagende Blicke aus. Solche wortlose Kritik am Krieg gegen die Ukraine ist jedoch bereits das Maximum, das man sich im heutigen Russland öffentlich erlauben kann.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Deutlicher wurde am Wochenende ein ausländischer Gast, der kasachische Präsident Kasym-Schomart Tokajew. «Das muss man alles stoppen», sagte er in fast denselben Worten wie die Moskauer Schauspielerin. Aber er tat es ausdrücklich mit Bezug auf den Krieg und direkt ins Gesicht des russischen Staatschefs Wladimir Putin. Nach der Überzeugung Tokajews, eines sonst recht devoten Verbündeten, ist es Zeit, den Krieg «einzufrieren», also einen Waffenstillstand auszurufen.Gutes Zureden genügt nichtPutin schwieg dazu. Nichts deutet darauf hin, dass er solchen Botschaften Gehör schenkt. Viele westliche Politiker hängen dem Irrglauben an, dass man nur mit dem Kreml sprechen müsse, und schon biete sich die Chance auf einen Frieden. «Jeder Krieg endet am Verhandlungstisch», lautet das von der Geschichte längst widerlegte Mantra dieser Leute. Der amerikanische Vizepräsident J. D. Vance wiederholte es kürzlich und nannte als Beispiel dafür sogar den Zweiten Weltkrieg – als habe es die Eroberung Berlins und Hiroshima nie gegeben.In Wirklichkeit enden bewaffnete Konflikte meist aus zwei Gründen – infolge eines Zusammenbruchs der einen Seite oder weil alle Kriegsparteien zum Schluss kommen, dass sie für das Erreichen ihrer Ziele keine vernünftigen militärischen Optionen mehr besitzen. Die Entscheidung fällt somit auf dem Schlachtfeld, nicht am Verhandlungstisch, und schon gar nicht durch gutes Zureden. Die USA erfahren dies gegenwärtig wieder am Golf: Nicht das im Juni unterzeichnete Waffenstillstandsabkommen zählt, sondern die Macht, die Iran seither mit seinen Gegenschlägen demonstriert.Wie der russisch-ukrainische Krieg enden wird, kann niemand wissen. Klar ist nur, dass beide Seiten noch immer militärische Optionen sehen. Doch der Krieg ist in eine neue Phase getreten. Erstmals seit der russischen Invasion scheint keine der beiden Seiten mehr in der Lage, bedeutende Bodenoffensiven zu lancieren. Die Front verschiebt sich kaum noch. Das bringt Russlands Propagandisten in Nöte. Jahrelang beteuerten sie, dass die «Helden der militärischen Spezialoperation» unaufhaltsam vorrückten.Die «Siegesstrategie» des Kremls fusste auf der Annahme, dass Russland in diesem Abnützungskampf den längeren Atem habe. In den letztjährigen Friedensgesprächen gab sich Moskau kompromisslos. Wenn Kiew den kampflosen Abzug aus dem Donbass verweigere, so werde sich Russland das Gebiet eben militärisch holen. Doch im jetzigen Tempo dauert dies noch Jahre oder könnte sich als unerreichbares Ziel erweisen.Putin hat deshalb eine neue «Siegeslogik» präsentiert. Sie blendet das Patt am Boden aus und betont, dass die russischen Luftangriffe zerstörerischer seien als die ukrainischen. Nach diesem Kalkül wird Kiew eines Tages nur die Kapitulation übrigbleiben.Die Ukraine bürdet Russland wachsende Kosten aufAuch die Ukraine hat ihre Strategie angepasst, allerdings nicht aus Not, sondern dank neu gefundener Stärke. Im Zentrum steht nicht mehr die Hoffnung auf westliche Waffen und schärfere Russland-Sanktionen. Die Mehrheit ihrer Waffen stellt die Rüstungsindustrie der Ukraine inzwischen selber her. Dazu zählen weit reichende Kampfdrohnen und Marschflugkörper, welche die Nato-Partner aus Angst vor einer Eskalation nur in geringen Mengen oder gar nicht liefern wollten.Weil die westlichen Sanktionen gegen Russland zu wenig griffig sind, geht die Ukraine auch dieses Problem auf ihre Manier an: Sie setzt russische Erdölhäfen in Brand, beschädigt Tanker und legt die Exportroute über das Asowsche und das Schwarze Meer lahm. Nach dem ukrainischen Kalkül lässt sich Russland besiegen, wenn der ökonomische Schaden für den Kreml zu hoch wird oder die russische Bevölkerung gegen den verlustreichen Kriegskurs rebelliert. Dann müsste Moskau das ukrainische Angebot zu einem bedingungslosen Waffenstillstand annehmen.Nur eine dieser Strategien kann Erfolg haben. Aber welche wird es sein? Sicher ist, dass die Ukraine nicht automatisch die schlechteren Karten hat, nur weil sie das schwächere der beiden Länder ist. Die immer wieder, sogar von Militärexperten, wiederholte Behauptung, dass man eine Atommacht nicht besiegen könne, ist falsch. Die Geschichte liefert genügend Gegenbeispiele, von Vietnam bis zum sowjetischen Debakel in Afghanistan. Auch der amerikanisch-israelische Versuch, Iran niederzuringen, landet dereinst vielleicht auf dieser Liste.Dem Kreml droht schon deshalb eine Niederlage, weil er seine Ziele unrealistisch hoch gesteckt hat. Die seit 2022 eroberten Gebiete, knapp 12 Prozent des ukrainischen Staatsterritoriums, reichen unmöglich aus, um sich als Sieger darzustellen. Putin wollte die Existenz einer prowestlichen, demokratischen und militärisch potenten Ukraine verhindern. Von diesem Ziel ist er weiter denn je entfernt. Seine immer häufigeren Raketenangriffe auf Kiew verursachen zwar enormes Leid und materielle Schäden. Aber diese Strategie zerstört weder den Widerstandswillen noch die rüstungsindustrielle Basis der Ukraine. Deren Fabriken produzieren im Gegenteil immer mehr und schlagkräftigere Waffen.Gleichzeitig häufen sich die Krisensymptome bei der russischen Kriegswirtschaft. Trotz staatlichen Geldspritzen herrscht Stagnation, und die Inflation muss mit prohibitiv hohen Zinsen bekämpft werden. Rekordhohe Militärausgaben reissen ein Loch in den Staatshaushalt, das 2026 doppelt so gross sein dürfte wie budgetiert und die Verschuldung rasant ansteigen lässt. Das alles treibt Russland nicht in den Kollaps, dürfte den Kriegskurs auf lange Sicht aber unhaltbar machen.Die «Macht, weh zu tun» wird zur neuen TrumpfkarteSo scheint plötzlich nicht mehr Moskau, sondern Kiew die Zeit auf seiner Seite zu haben. Die Ukraine verkraftet selbst innenpolitische Krisen wie jüngst den Streit um die Neubesetzung der Militärführung. Mit ihren Luftangriffen erzielt sie wachsende Erfolge: Erstmals in diesem Krieg zerstören ukrainische Marschflugkörper russische Rüstungsfabriken. Die besetzte Halbinsel Krim ist weitgehend isoliert, und mit der Ausschaltung von 40 Prozent der russischen Raffineriekapazität haben die Ukrainer eine landesweite Treibstoffkrise ausgelöst. Hatte der verstorbene amerikanische Senator John McCain einst gespottet, Russland sei bloss eine «Tankstelle, die sich als Land tarnt», beginnt das Problem heute schon bei den leeren Zapfsäulen.Ein ukrainischer Soldat mit einer Hornet-Drohne. Dieser neue Drohnentyp macht seit dem Frühling die russischen Nachschubwege zur Krim unsicher.Nikoletta Stoyanova / GettyVor der russischen Invasion rechnete das amerikanische Militär damit, dass Kiew innert drei Tagen fallen würde – heute dagegen fliegen ukrainische Kamikazedrohnen bis hinter den Ural. Russland verliert damit einen traditionellen Vorteil, seine strategische Tiefe. In die Reichweite ukrainischer Waffen geraten erstmals auch die westsibirischen Erdöl- und Gasfelder, Russlands grösster wirtschaftlicher Schatz.Die Ukraine ist weiterhin schwächer als Russland, aber sie hat eine Trumpfkarte gewonnen: «The Power to Hurt». Diesen Begriff hat vor sechs Jahrzehnten der Strategieexperte, Spieltheoretiker und Nobelpreisträger Thomas Schelling geprägt. Die Macht, einem Gegner weh zu tun, ist ein starkes Mittel der Abschreckung. In Verhandlungen gibt es kaum ein besseres Faustpfand. Mit einem solchen Nachbarn sucht man vernünftigerweise lieber ein Arrangement als einen endlosen Krieg. Der Schrei der erwähnten Schauspielerin – «Lasst uns aufhören!» – müsste auch durch die Korridore des Kremls schallen, hätte man dort das Wohl des Landes vor Augen.Doch Putin ist vermutlich längst nicht mehr in der Lage, zwischen den nationalen Interessen und jenen seines Regimes zu unterscheiden. Um seine verbrecherische Herrschaft zu untermauern, braucht er einen äusseren Feind. Gerade erst wieder hat er die Propagandalüge verbreitet, dass nicht Russland den Krieg begonnen habe, sondern die Ukraine im Bund mit dem Westen. Mit seinem Repressionsapparat kann Putin jede Diskussion unterdrücken. Er warnt vor einer Spaltung des Landes und meint damit, dass ein Abweichen von der offiziellen Sichtweise gefährlich sei. Wer kritische Fragen stellt, macht sich nach Darstellung des Regimes zum Werkzeug des Feindes.Noch kann sich Putin den Krieg leistenSo ist es für Putin politisch einfacher, den Krieg fortzusetzen – selbst ohne jede Perspektive auf Erfolg und obwohl er bereits mehr als eine halbe Million Todesopfer auf dem Gewissen hat. Stoppen lässt er sich am ehesten, wenn ihm die wirtschaftlichen Mittel ausgehen und sein Regime in Gefahr gerät. Neben anhaltenden militärischen Erfolgen der Ukraine braucht es daher stärkeren Sanktionsdruck des Westens.Nicht die Ukraine ist das Hindernis in diesem Krieg, im Gegenteil. Ihr Angebot zu einem Waffenstillstand steht seit anderthalb Jahren. Aber Putin muss zu den entscheidenden Worten gebracht werden: «Lasst uns aufhören.»Passend zum Artikel
Warum die Strategie der Ukraine Erfolg hat, aber Russland trotzdem nicht auf Frieden sinnt
Russland hat die militärische Oberhand verloren. Wer die Ukraine im letzten Jahr zu einem Kapitulationsfrieden zwingen wollte, lag falsch. Jetzt gilt es, Putin zu einem bedingungslosen Waffenstillstand zu bewegen.







