PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungRusslands KriegDie Ukraine hat immer noch gute Chancen, als eigenständiger Staat zu bestehenVeröffentlicht am 22.12.2025Lesedauer: 3 MinutenWolodymyr Selenskyj zeichnet einen Soldaten aus (die Karte im Hintergrund wurde aus militärischen Gründen verpixelt)Quelle: picture alliance/ZUMAPRESS.com/Pool/Ukrainian PresidentiaImmer mehr Beobachter sind überzeugt, dass Moskau den Krieg gewinnen wird. Aber auch wenn die ukrainische Armee an Substanz verliert – sie hält stand. Und Präsident Selenskyj hat weiterhin gute Karten in der Hand.Seit fast vier Jahren dominieren hierzulande Untergangspropheten beider Lager die Debatte über Russlands Krieg gegen die Ukraine. Die einen prognostizierten eine russische Eroberung Kiews innerhalb weniger Tage; die anderen sahen ukrainische Truppen während der Gegenoffensive 2023 bereits kurz vor der Krim und sagen seit langem die Abnutzung des letzten Russenpanzers voraus. Sie alle lagen daneben. In den vergangenen Wochen haben sich erneut jene zurückgemeldet, die Moskau triumphieren sehen. „Dieser Krieg ist für die Ukraine verloren“, sagte AfD-Chefin Alice Weidel jüngst bei WELT-TV. Der Politologe Johannes Varwick, der bereits im März 2022 von einem „aussichtslosen Kampf“ der Ukrainer sprach, sieht es ähnlich, er spricht sich nun für eine „realpolitische Frontbegradigung“ aus.In der Tat ist ein Kollaps der ukrainischen Truppen ein mögliches Szenario. Gleichzeitig bleibt es ebenso realistisch, dass die Ukraine in weiten Teilen – das heißt auf mehr als 70 Prozent des Staatsgebietes – als eigenständiger und freier Staat bestehen bleibt. Der österreichische Historiker und Oberst Markus Reisner verweist auf das Beispiel Finnlands 1940, das nach dem Winterkrieg mit Russland zwar Gebiete verlor, seine Souveränität jedoch bewahrte.Lesen Sie auchUm dies auch für die Ukraine zu erreichen, muss die westliche Allianz – allen voran Europa – ihre Unterstützung auf hohem Niveau halten und die militärische Kooperation mit Kiew ausbauen. Deutschland tut hier mit der Produktion von Drohnen einen überfälligen Schritt. Trotz eines existenziellen Mangels an Flugabwehrsystemen und Frontsoldaten gelingt es der Ukraine weiterhin, russische Vorstöße auf 400 bis 500 Quadratkilometer pro Monat zu begrenzen und dabei dem Gegner schwere Verluste zuzufügen. Dass Wladimir Putin seine Gesandten zu Verhandlungen mit den Amerikanern quer durch die Welt reisen lässt, zeigt deutlich: Militärisch kommt der Kreml der Erreichung seiner politischen Ziele in der Ukraine nur quälend langsam näher. Einen großen Frontdurchbruch gab es seit den ersten Kriegstagen nicht mehr. Allein für die vollständige Einnahme der verbleibenden Gebiete im Donbass dürfte Russland noch mindestens ein Jahr benötigen, sagen führende europäische Geheimdienste.Lesen Sie auchUnd dann bleibt die Grundsatzfrage, worin ein russischer „Sieg“ überhaupt bestehen soll — nach knapp vier Jahren Krieg und mehr als einer Million getöteter oder schwer verwundeter Russen. Nur etwas mehr als ein Fünftel des ukrainischen Staatsgebietes halten Truppen des Kremls derzeit besetzt. Auch wenn die ukrainische Armee durch den Abnutzungskrieg an Substanz verliert, hält Präsident Wolodymyr Selenskyj weiterhin gute Karten in der Hand.Mit weitreichenden Waffen, allen voran ukrainischen Langstreckendrohnen, tragen Kiews Streitkräfte den Krieg zunehmend nach Russland. Insbesondere die Angriffe auf die Energie-Infrastruktur stellen eine ernste Bedrohung für Putins Wirtschaft dar. Und an der Front ist trotz einer besorgniserregenden Welle von Desertionen keine Kapitulation der Ukraine in Sicht. Noch immer gibt es einen harten Kern ukrainischer Soldaten, die bis zum Ende kämpfen werden. Egal, was dieses Ende bedeutet.
Russlands Krieg: Die Ukraine hat immer noch gute Chancen, als eigenständiger Staat zu bestehen - WELT
Immer mehr Beobachter sind überzeugt, dass Moskau den Krieg gewinnen wird. Aber auch wenn die ukrainische Armee an Substanz verliert – sie hält stand. Und Präsident Selenskyj hat weiterhin gute Karten in der Hand.






