PfadnavigationHomePolitikAuslandLage an der FrontExperten sehen Beginn einer „neuen Phase des Krieges“ – und „einmalige Chance“ für UkraineStand: 14:46 UhrLesedauer: 4 MinutenDie Lage an der Front verschiebt sich spürbar zugunsten der Ukraine. Russland reagiert mit neuen Drohungen und Angriffen auf Kiew. WELT-Redakteurin Marie Droste zeigt, wie ukrainische Mittelstreckendrohnen Russlands

zentrale Versorgungsrouten zunehmend unter Druck setzen.Die russische Armee verliert mehr Soldaten, als sie rekrutieren kann – und die Ukraine gewinnt Gelände zurück. Das amerikanische Institute for the Study of War analysiert die Veränderungen an der Front und gibt eine Prognose ab.Der Krieg in der Ukraine hat eine neue Phase erreicht. Zu diesem Schluss kommt das amerikanische Institute for the Study of War (ISW) in einer aktuellen Analyse. Seit Ende 2023 ist der Krieg von einem zermürbenden Stellungskrieg geprägt – beide Seiten verschanzen sich, kaum eine Seite kann nennenswerte Geländegewinne erzielen. Drohnen dominieren das Schlachtfeld und machen größere Truppenbewegungen nahezu unmöglich. Nun verändert sich die Natur der Auseinandersetzung laut ISW grundlegend: weg vom Stellungskrieg, hin zu taktischen Manövern. Noch seien weder Russland noch die Ukraine in der Lage, operative Manöver durchzuführen. Doch die Ukraine habe es geschafft, russische Vorstöße einzudämmen und in einigen Frontabschnitten verlorenes Terrain zurückzuerobern. Das könnte „den Beginn einer neuen Phase des Krieges markieren“, schreiben die Analysten des ISW. „Die Kämpfe in der Ukraine werden wahrscheinlich weniger Stellungskriegscharakter haben und mehr taktische Manöver beinhalten, bis Russlands Innovationszyklus die aktuellen operativen Konzepte der Ukraine unwirksam macht.“ Die Ukraine habe nun „eine einmalige und zeitlich begrenzte Chance, ihre derzeitige Initiative zu nutzen, solange die russischen Streitkräfte verwundbar bleiben“.Mehr von WELT in der Google-Suche: WELT als Medium bevorzugenRussland rückt immer langsamer vor. Laut ISW lag der durchschnittliche tägliche Geländegewinn russischer Truppen in den ersten vier Monaten 2026 bei nur noch 2,9 Quadratkilometern – gegenüber 9,76 Quadratkilometern im gleichen Zeitraum 2025. Im April 2026 verloren russische Kräfte sogar netto 116 Quadratkilometer – es war das erste Mal seit dem ukrainischen Gegenangriff im Sommer 2023, dass die Ukraine mehr zurückeroberte, als sie verlor.Zugleich überstiegen Russlands monatliche Verluste seit Dezember 2025 die Zahl der Neurekruten, schreibt das ISW. Westlichen Schätzungen zufolge sterben oder werden monatlich 30.000 bis 40.000 russische Soldaten verwundet – bei ausbleibenden Geländegewinnen. Der ukrainische Verteidigungsminister Mykhailo Fedorov erklärte Anfang Mai, die Ukraine habe das Ziel erreicht, mehr Verluste zu verursachen, als Russland ersetzen könne.Lesen Sie auchDer Schlüssel zu diesem Wandel liegt laut ISW in einer Kombination mehrerer Faktoren. Erstens hat die Ukraine ihre Drohnenstrategie grundlegend verändert: Seit Frühjahr 2026 greifen ukrainische Drohnen systematisch russische Versorgungsrouten weit hinter der Front an – darunter die wichtige Landverbindung zur von Russland annektierten Krim-Halbinsel über die Highways M-14 und M-18. Tanklastwagen, Munitionstransporte und Nachschubfahrzeuge werden in Abständen von bis zu 160 Kilometern von der Front abgefangen.Ein entscheidender Faktor ist dabei die neue amerikanische Hornet-Drohne, die dank KI-Steuerung und Starlink-Anbindung auch in Situationen mit Funkstörung operieren kann. Russische Militärblogger räumen ein, dass die russische Elektronik diese Drohnen kaum neutralisieren kann – und dass eine Anpassung sechs bis zwölf Monate dauern würde.Zweitens gelingt der Ukraine erstmals seit 2023 wieder der Einsatz gepanzerter Fahrzeuge nahe der Front. In der Region Dnipropetrowsk drangen ukrainische Panzereinheiten bis zu 19 Kilometer hinter russische Linien vor – etwas, das laut ISW unter den früheren Drohnenbedingungen schlicht unmöglich gewesen wäre.„Da kippt die Stimmung“Der militärische Druck spiegelt sich auch in der russischen Innenpolitik wider. Der russische Journalist und Wirtschaftsexperte Andrey Gurkov beschrieb im Podcast des stellvertretenden „Bild“-Chefredakteurs Paul Ronzheimer eine spürbare Verschiebung der öffentlichen Stimmung in Russland.Lesen Sie auch„In Dutzenden Städten Russlands gibt es nachts Fliegeralarm. Das ist etwas ganz Neues für die russische Bevölkerung“, sagte Gurkov. Besonders symbolisch sei ein virales Video aus Moskau gewesen, in dem eine junge Russin überrascht auf Explosionen reagiert habe: „Ich hätte nie gedacht, dass der Krieg zu uns kommen würde.“ Gurkovs Fazit: „Da kippt die Stimmung.“ Viele Menschen hätten mittlerweile den Wunsch, dass der Krieg beendet wird – „ein Gefühl, das es vor einigen Monaten noch nicht gegeben hat“.Wirtschaftlich wächst der Druck auf den Kreml seit geraumer Zeit. Selbst ein Mitglied des russischen Parlaments warnte zuletzt öffentlich, die russische Wirtschaft könne einen anhaltenden Krieg nicht unbegrenzt tragen. Gurkov sieht zudem eine strukturelle Gefahr für das Regime von Wladimir Putin: „Die größere Gefahr für das Regime ist die Sabotage der Bürokratie. Das ist eine Krankheit von Diktaturen.“ Befehle aus Moskau könnten zunehmend ignoriert oder verschleppt werden.Das ISW ruft die Partner der Ukraine auf, die Unterstützung genau jetzt auszuweiten – „in dem Moment, in dem Russland sowohl unter Rückschlägen auf dem Schlachtfeld als auch unter der tiefgreifenden Angriffskampagne der Ukraine leidet“. Das könnte Putin dazu bewegen, seinen Ansatz in diesem Krieg grundlegend zu überdenken.kaha