PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungUkraine-KonfliktEine Niederlage kann sich Wladimir Putin nicht erlaubenStand: 10:37 UhrLesedauer: 3 MinutenRauch über St. Petersburg nach der Explosion durch eine ukrainische Drohne am 3. JuniQuelle: REUTERS/StringerDie ukrainischen Angriffe auf St. Petersburg zeigen Russlands Schwäche – mehr nicht. Ein Sieg über Russland bleibt schwer, wenn er überhaupt möglich ist. Daran ändert auch der katastrophale Zustand der Armee wenig.Man kann der Ukraine zu ihrem Schlag auf den Hafen von Sankt Petersburg nur gratulieren. In dem Augenblick, in dem Russland und die Welt auf das jährliche Wirtschaftsforum in Putins Heimatstadt schauten, gelang es Kiew, der internationalen Gemeinschaft in Form einer schwarzen Rauchwolke und einer getroffenen Korvette zu zeigen, wie verwundbar das Riesenreich mittlerweile selbst fern der Front geworden ist. Neben dem Propagandaerfolg sind die Attacken auf Ölraffinerien und Häfen ein weiterer Schritt, die Kosten des Krieges für Russland derart zu erhöhen, dass es sich womöglich doch noch eines Tages dazu entschließt, ernsthafte Gespräche mit Kiew zu beginnen.Allerdings gibt es wenig Anlass zur Zuversicht. Russlands Präsident Wladimir Putin kann sich eine Niederlage nicht erlauben. Eher wird der Kremlchef die russische Verwundbarkeit durch noch heftigere Attacken auf die ukrainische Zivilbevölkerung zu verbergen suchen. Selbst wenn die Vereinigten Staaten unter Präsident Donald Trump bereit wären, der Ukraine neue Patriot-Raketen, also Flugabwehrsysteme, zur Verfügung zu stellen, bliebe die Lieferung aus. Im Krieg gegen den Iran hat Amerika seine eigenen Bestände schlichtweg verschossen. Das, was noch da ist, kann Washington nicht erübrigen.Und Russlands Soldaten? Immer häufiger liest man von dem katastrophalen Zustand der russischen Armee – und das zu Recht. Nur: Es war schon immer so! Ohne dass es irgendeinen Despoten seit Peter dem Großen gestört hätte. Zwar ist Russland das erste Land, das die Wehrpflicht als ständige Methode für die Aufstellung seiner Streitkräfte einführte. Und zwar 1705 mit der sogenannten „Rekrutschtschina“; das aber führte keineswegs zu einem Bewusstseinswandel und mehr Menschlichkeit im Umgang mit seinen Bürgern in Uniform. Neben der Brutalität der Kriegsführung gehört zur russischen Militärtradition die menschenverachtende, armselige Ausstattung ihrer Armee.Lesen Sie auchDie Klage eines Inspektors 1729, dass der Staat drei Jahre keine Stiefel, Socken oder Hemden an die Kargopoler Dragoner ausgegeben hätte, dass die Degengehänge zerfielen und hungernde Kavalleristen mitunter ihre Pferde verspeisten, ließe sich mühelos auf die Gegenwart beziehen. Genauso wie die herrlich boshaften Schilderungen des Satirikers Wladimir Woinowitsch. In seinem Roman „Die denkwürdigen Abenteuer des Soldaten Iwan Tschonkin“ von 1970 rechnet der Autor mit der Sowjetarmee ab und erzählt, wie eben jener Rotarmist Tschonkin in ein abgelegenes Dorf abkommandiert wird, um irrsinnigerweise ein abgestürztes Flugzeug zu beschützen. Dort hält er so lange Wache, bis die Armee ihn vergisst, er schließlich eine Bäuerin heiratet und ein fröhlicher Ackerbauer wird.Seit eh und je hat Russland seine imperiale Größe auf Kosten seiner darbenden Armee aufzubauen versucht und notfalls stets auf die größtmögliche Brutalität gesetzt. Der erste Westler, der dies erkannte, war übrigens Napoleon. Nach seinem Scheitern in Moskau rief der Geschlagene: „Das ist ja ein Vernichtungskrieg, eine furchtbare Taktik, wie sie die Kulturgeschichte bisher nicht gekannt hat. Die eigenen Städte zu verbrennen! Diese Menschen sind ja vom Teufel besessen! Was für eine grauenvolle Entschlossenheit! Was für ein Volk! Was für ein Volk!“Freilich bedeutet Napoleons Einsicht nicht, Russland wäre nicht auch zu besiegen. Schnell aber wird es nicht gehen, wenn es denn überhaupt geht.