Kim Kong: Nordkoreas Diktator ist zurück, mächtiger denn je. Und die USA können nichts dagegen tunKim Jong Un ist der Nutzniesser der neuen Weltordnung. Die militärische Hilfe für Putin im Ukraine-Krieg bescherte seinem Land Milliarden von Dollar. Pjongjang boomt. Und Nordkoreas Anerkennung als Atomstaat ist nicht mehr zu verhindern.Fabian Kretschmer, Seoul28.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDer nordkoreanische Führer Kim Jong Un bei einer Militärparade in Peking.Sergey Bobylev / Sputnik via ImagoDerzeit könnte es kaum besser laufen für Kim Jong Un, und niemand weiss dies besser als er selbst. Mit breitem Grinsen schreitet der nordkoreanische Machthaber auf dem Deck des gerade eingeweihten 5000-Tonnen-Zerstörers «Choe Hyon» entlang, während ihm Tausende Matrosen unter der gleissenden Junisonne salutieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Was unsere militärische Ausrüstung betrifft, war die Marine stets die schwächste aller Dienste unserer Streitkräfte», sagt Kim während der Einweihungszeremonie am Mittwoch: «Doch die Dinge haben sich offensichtlich geändert.»Tatsächlich hat sich das Schicksal Nordkoreas in fast allen Aspekten grundlegend gewandelt. In nur wenigen Jahren hat Kim das vielleicht spektakulärste und denkbar unwahrscheinlichste Comeback in der Geschichte des Landes hingelegt. Dem 42-jährigen Diktator ist gelungen, was noch vor kurzem unerreichbar erschien: Er konnte sich aus den Fesseln der rigiden Uno-Sanktionen befreien, hat seine Wirtschaft wieder auf Wachstumskurs geführt und wird sicherheitspolitisch durch die schützenden Hände Moskaus und Pekings protegiert.Vor allem aber ist Kim Jong Un einem Jahrhundertziel nahegekommen, von dem bereits sein Grossvater, der Staatsgründer Kim Il Sung, geträumt hatte: dass die Weltgemeinschaft Nordkorea als Atomwaffenstaat akzeptiert, ja akzeptieren muss.Matrosen salutieren während der Indienststellungszeremonie des neuen Kriegsschiffs «Choe Hyon» in Nampo in Nordkorea.KCNA via ReutersDeutlich wurde dies zu Beginn des Monats, als der chinesische Staatschef Xi Jinping nach Pjongjang reiste. Beim betont freundschaftlichen Staatsbesuch war von nuklearer Abrüstung keine Rede mehr, ganz im Gegenteil. Nur wenige Stunden bevor Xi sich in die Maschine in Richtung Nordkorea setzte, besuchte Kim gar eine neu eröffnete Urananreicherungsanlage. Dort versprach er, das Nuklearwaffenarsenal seines Landes «exponentiell» ausbauen zu wollen. Seine Schwester, die politisch einflussreiche Kim Yo Jong, legte noch nach. Sie bezeichnete Nordkoreas Status als Nuklearwaffenstaat als «unumkehrbare Realität».Xi hätte widersprechen können, doch stattdessen pries er zwischen pompösem Empfang und ausladendem Staatsbankett die «unzerbrechliche» Beziehung zwischen den beiden Nachbarländern.2300 gefallene KoreanerNordkoreas Erstarken ist umso erstaunlicher, als die Kim-Dynastie noch vor wenigen Jahren mit dem Rücken zur Wand stand. Die Verhandlungen mit US-Präsident Donald Trump während dessen erster Amtszeit waren beim Gipfeltreffen 2019 in Hanoi spektakulär gescheitert. Tief in seiner Ehre beleidigt, trat Kim noch vor dem seinerzeit geplanten Mittagessen die zweieinhalbtägige Heimreise in seinem kugelsicheren Zug an.Es folgte die Corona-Pandemie, die die angespannte humanitäre Lage im Land weiter verschärfte. Als die letzten westlichen Diplomaten damals Pjongjang in einer Nacht-und-Nebel-Aktion verliessen, sprachen sie davon, dass die Mangelwirtschaft selbst unter der Elite zu spüren gewesen sei: In den Einkaufszentren der Hauptstadt wurden selbst Alltagswaren knapp, auf dem Land sorgten Missernten für eine drohende Hungersnot. Bei seiner Ansprache zum Jahreswechsel 2022 schwor Kim sein Volk gar auf einen «Kampf um Leben und Tod» ein.Der Wendepunkt erfolgte zynischerweise durch den Ukraine-Krieg. Kim sah seine Chance gekommen, und er packte sie beim Schopf. Als sich die russischen Munitionsarsenale leerten, half der nordkoreanische Machthaber grosszügig mit Artilleriegeschossen aus – teilweise noch aus den Beständen der Sowjetzeit. Wenig später schickte er auch mehrere seiner Eliteeinheiten an die Front in die Grenzregion Kursk.Laut Schätzungen des südkoreanischen Geheimdienstes hat Nordkorea seit Herbst 2024 mindestens 15 000 Soldaten und Verstärkungstruppen entsandt. Die Truppen, zunächst unerfahren in moderner Kriegsführung, wurden von der russischen Armee regelrecht als Kanonenfutter verheizt. Mindestens 2300 Soldaten starben.Für Kim Jong Un war dies ein riskanter Wetteinsatz. Schliesslich musste er seinem Volk erklären, warum er Tausende Landsleute wie Söldner in einen Krieg am anderen Ende der Welt schickte.Eine Statue in Pjongjang ehrt die im Einsatz für Russland gefallenen nordkoreanischen Soldaten im Ukraine-Krieg.KCNA via ReutersMittlerweile jedoch können der nordkoreanische Diktator und Teile der Gesellschaft die Früchte seines Wagnisses ernten: Das Seouler Forschungsinstitut INSS (Institute for National Security Studies) kalkuliert, dass Nordkorea durch seine Waffenverkäufe und seine Militärzusammenarbeit mit Russland bis zu 14,4 Milliarden Dollar in Devisen eingenommen hat. Das wäre rund die Hälfte des gesamten Bruttoinlandproduktes.Der nordkoreanischen Volkswirtschaft geht es derzeit besser als jemals zuvor. Die südkoreanische Zentralbank schätzt, dass Nordkoreas Bruttoinlandprodukt 2024 um 3,7 Prozent gewachsen ist – der höchste Wert seit acht Jahren. Die Zahlen für 2025 werden erst Ende August veröffentlicht, doch aller Voraussicht nach dürften sie nochmals deutlich höher ausfallen.Skyline im ScheinwerferlichtDie Früchte von Kims diplomatischem Siegeszug lassen sich im Zentrum der Hauptstadt Pjongjang beobachten. Was Diplomaten, Reiseveranstalter sowie Influencer von ihren seltenen Besuchen berichten, zeugt von einem regelrechten Wirtschaftsboom. So gibt es mittlerweile ein nordkoreanisches Uber-Pendant, mit dem sich die Bewohner das Taxi per Smartphone-App bestellen. In neu eröffneten Luxusrestaurants werden Steinofenpizzen serviert und via QR-Code bezahlt.Auf den Strassen summen vermehrt chinesische Elektroautos, trotz Sanktionen gibt es nun auch einen BMW-Händler. Und auf den Social-Media-Videos chinesischer Rich Kids, die in der nordkoreanischen Hauptstadt studieren, werden Shopping-Malls gezeigt, in denen italienische Designer-Sonnenbrillen oder Smartphones aus heimischer Produktion ausliegen.Wer sich Satellitenbilder von Pjongjang bei Nacht anschaut, hat noch vor wenigen Jahren ein stockfinsteres Niemandsland erblickt. Mittlerweile strahlt die Skyline lichterloh.Natürlich können solche Eindrücke nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Landbevölkerung Nordkoreas in unvorstellbarer Armut lebt. Die Vereinten Nationen schätzen, dass zwischen 2020 und 2022 bis zu 46 Prozent der Einwohner Nordkoreas unter Mangelernährung litten. Hinzu kommt eine brutale Unterdrückung der Menschenrechte.Die Hauptstadt Nordkoreas wurde in den letzten Jahren modernisiert.Cha Song Ho / APWladimir Putin hat Kims Loyalität auch mit einem Sicherheitspakt gedankt sowie dem Transfer von Militärtechnologie. Es ist kein Zufall, dass Pjongjang während der letzten zwei Jahre mit hohem Tempo neue Errungenschaften präsentierte – von Aufklärungssatelliten über die neue Urananreicherungsanlage bis hin zur Massenproduktion von Kamikaze-Drohnen.Auch der Handel mit China, Nordkoreas wichtigstem Wirtschaftspartner, ist so hoch wie seit 2017 nicht mehr. Laut aktuellen Daten der Zollbehörden betrug das gehandelte Warenvolumen im April über 325 Millionen Dollar. Hinzu kommt, dass Kim Jong Un mithilfe seiner Cyber-Armee riesige Summen an Bitcoins stiehlt. Allein im letzten Februar hat man während eines einzigen Hacking-Angriffs auf die Kryptobörse Bybit 1,5 Milliarden Dollar erbeutet.Und schliesslich hat sich auch Kim Jong Uns Verhältnis zum mächtigsten Mann der Welt umgekehrt. Immer wieder betonte US-Präsident Donald Trump seit Beginn seiner zweiten Amtszeit, wie blendend er sich mit Kim verstanden habe und dass er ihn gerne einmal wiedertreffen möchte. Vergessen die Zeit, als er ihn noch «Little Rocket Man» genannt hatte. Doch Kim Jong Un zeigt Trump demonstrativ die kalte Schulter. Er hat es derzeit schlicht nicht nötig, sich auf Verhandlungen mit Washington einzulassen.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel