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Wirtschaftswunder: Das dunkle Geschäftsmodell hinter Nordkoreas Boom Bittere Armut trifft auf Smartphone-Rausch: Nordkorea wächst nach langer Krise seit mehr als drei Jahren wieder – finanziert von Putins Ukraine-Krieg, Kryptodiebstählen und Gefängnisarbeit.

Nordkoreanerinnen fotografieren im Februar die besten Gerichte in einem Kochwettbewerb. Foto: APSeoul, Tokio. Stau in Pjöngjang, Nordkoreaner im Smartphone-Rausch, schneller Taxi-Ruf per App: In der Hauptstadt der abgeschotteten Autokratie scheint die digitale Moderne nicht nur angekommen zu sein, sie floriert regelrecht. Dabei ist die Bevölkerung Nordkoreas bitterarm, Felder werden vielerorts noch mit Ochsen bestellt.Sechs bargeldlose Zahlungssysteme und 24 Smartphone-Marken habe allein er bei einem geführten Besuch in Pjöngjang im vergangenen Jahr gezählt, sagt Martyn Williams, Experte für Technologie in Nordkorea am US-Thinktank Stimson Center. „All diese Marken werden von verschiedenen Handelsunternehmen geführt, die unbedingt Geld verdienen wollen“ – mit Technik aus China.Waffen für Russland, Devisen fürs RegimeSmartphones und Luxusgüter können Nordkoreaner nicht mit ihrer schwachen Alltagswährung, dem Won, kaufen. Das geht nur mit Dollar oder anderen harten Währungen, die über die Jahrzehnte über Handel, Schmuggel oder Zahlungen von im Ausland arbeitenden Nordkoreanern ins Land gekommen sind und dort neben dem Won als Zahlungsmittel zirkulieren.Oder eben dem Devisen-Won. Dabei handelt es sich um eine Art digitale Währung, bei der die Nordkoreaner Devisen in einem festen Wechselkurs gegen das Zertifikat tauschen können.Waffen-, Munitions- und Raketenlieferungen sowie Soldaten für Russlands Krieg gegen die Ukraine sind sicherlich Teil der Erklärung, wie die Regierung an Devisen kommt. Gerade erst berichtete die ukrainische Regierung, Nordkorea habe inzwischen ganze Raketeneinheiten an Russlands Westgrenze entsandt und könnte zusätzlich zu den bislang rund 12.000 Soldaten weitere 50.000 Kämpfer schicken. Bloomberg Economics schätzte kürzlich, Nordkorea habe seit 2022 für Waffen und Soldaten möglicherweise 22 Milliarden Dollar von seinem Bündnispartner erhalten.Doch russische Zahlungen allein erklären den Boom nicht, urteilt Williams: „Das ist die große Frage: Die Wirtschaft hat in den letzten Jahren tatsächlich an Fahrt gewonnen, und niemand weiß so recht, warum.“ Zumal russische Zahlungen an die Regierung fließen, nicht an die Bevölkerung.Bank of Korea sieht drittes Wachstumsjahr in FolgeZumindest statistisch wächst die Wirtschaft – und offenbar auch die Gehälter der Nordkoreaner. Verlässliche eigene Daten gibt es zwar nicht, doch Südkoreas Notenbank schätzt Nordkoreas Wirtschaftsleistung seit Jahrzehnten. Zuletzt Ende Juli 2026, mit positivem Befund: Demnach sei die Wirtschaft 2025 um 3,5 Prozent gewachsen, das dritte Jahr in Folge mit mehr als drei Prozent. Dies sei „ein Phänomen, das es seit dem tiefen Einbruch infolge der Sanktionen und der Coronapandemie nicht mehr gegeben hat“, erklärte die Bank of Korea.Vor der Pandemie hatte die Staatengemeinschaft Nordkorea für sein Atom- und Raketenprogramm sanktioniert, selbst China und Russland machten teilweise mit. Während der Pandemie schloss Kim Jong-un die Grenzen nahezu vollständig – nutzte die Zeit aber offenbar, um Ressourcen zu mobilisieren.Propaganda-Aufnahme von Kim Jong-un: Nordkoreas Führer besuchte Anfang Juli ein Bauprojekt in einem Landkreis. Foto: AFPFabriken, Krankenhäuser und Eigenheime wurden gebaut. 2024 startete er zudem die Politik der „regionalen Entwicklung 20 mal 10“: Jährlich sollen zehn Jahre lang 20 Kreise modernisiert werden, um die Entwicklungslücke zur Hauptstadt zu verringern, eine Art soziale Umverteilung nordkoreanischer Prägung.Die Folge: Bauwirtschaft und verarbeitende Industrie wachsen laut Bank of Korea um mehr als sechs Prozent. Williams gibt zu bedenken, dass unklar sei, wie viele der neuen Fabriken und Krankenhäuser tatsächlich genutzt würden. Aus der Ferne beobachtet er aber echte Verbesserungen.Satellitenbilder zeigen, dass inzwischen selbst Dörfer Sendemasten für mobiles Internet haben. Der Blick aus dem All bei Nacht ist ebenfalls erhellend: Früher gab es zwischen den Lichtermeeren in China und Südkorea ein schwarzes Loch mit wenigen Lichtinseln, darunter die größte, Pjöngjang. „Heute zeigen Aufnahmen, dass das Land von Jahr zu Jahr immer heller wird“, so Williams – ein Hinweis, dass mehr Strom an immer mehr Orte gelangt, nicht nur nach Pjöngjang.Dunkler Fleck im Lichtermeer: Ein Nachtfoto Nordkoreas von der Internationalen Raumstation im Jahr 2014. Foto: picture alliance / dpaDas Paradox: Laut der südkoreanischen Notenbank ist die Stromproduktion 2025 sogar gesunken. Die Lösung liegt für Williams wahrscheinlich in wachsenden Solaranlagen auf Balkonen und Fabrikdächern sowie neuen regionalen Wasserkraftwerken – auch die Solarpaneele stammen wohl größtenteils aus China.Auch der Handel belebt sich, besonders die Importe: Sie stiegen 2025 laut Bank of Korea um 13,9 Prozent auf 2,7 Milliarden Dollar. Haupthandelspartner bleibt die Schutzmacht China, die allerdings wegen Nordkoreas wachsender Russland-Connection um Einfluss fürchtet. Die Regierung hat zudem die Basisgehälter um mehr als das Zehnfache erhöht, berichtet das Stimson Center. Zwar zogen im Gegenzug auch viele Preise an. Aber diese Gehaltserhöhungen und die insgesamt wachsende Wirtschaft erklären vielleicht, warum sich mehr Menschen Devisen – und damit Luxusgüter – leisten können.Hacker, IT-Söldner und Zwangsarbeit als DevisenquellenZusätzlich bewirbt sich ein Heer nordkoreanischer IT-Spezialisten unter falschen Namen um Jobs bei Unternehmen weltweit, warnten Ende Juli die Sicherheitsdienste von elf Ländern. Gehälter und Erlöse aus Betrug und Erpressung fließen ebenfalls ans Regime, unter anderem zur Finanzierung des Atomwaffen- und Raketenprogramms. Laut US-Finanzministerium hat dieses IT-Heer amerikanische Unternehmen allein 2024 um rund 800 Millionen Dollar gebracht.Hinzu kommt der Export von Waren und Arbeitskräften, den die Bürgerallianz für Menschenrechte in Nordkorea (NKHR) in Seoul untersucht. Nordkoreas Exportwirtschaft beruhe laut NKHR-Expertin Joanna Hosaniak zu einem erheblichen Teil auf Zwangsarbeit: „Das Exportgeschäft ist zum großen Teil Zwangsarbeit in Gefängnissen.“ Perücken und künstliche Wimpern aus Frauengefängnissen in Rason dominierten den chinesischen Markt. Auch Textilien für westliche Marken würden teils in Nordkorea genäht und mit dem Etikett „Made in China“ versehen.Zentral organisiert seien diese Geschäfte dabei nicht: „Jedes Ministerium, jedes Sicherheitsorgan und jeder Teil der Streitkräfte verfügt über eigene Handelsgesellschaften“, erklärt Hosaniak. Neben Soldaten würden zudem einfache Arbeiter nach Russland verliehen.Das System zeichnet sich laut der Expertin durch systematische Verschleierung aus, weil die Arrangements oft gegen russisches Recht verstießen. Offiziell seien die meisten mit Studienvisa gemeldet. Ihr Team habe mehr als 108 in Russland registrierte Firmen kartiert, die sich anhand von Zeugenaussagen konkreten nordkoreanischen Institutionen zuordnen ließen. Verwandte Themen NordkoreaChinaRusslandZudem stellten Firmen aus russischen Branchen wie Fleischverarbeitung, Landwirtschaft und Textilindustrie Arbeitskräfte über einen russisch-nordkoreanischen Wirtschaftsrat offiziell als Stipendiaten ein, so die Expertin. Brisant wird dies, weil manche dieser Firmen mit nordkoreanischen Arbeitskräften zugleich Geschäfte mit europäischen Märkten unterhielten.Dies ist für das NKHR ein mutmaßlicher Verstoß gegen EU-Recht oder nationale Gesetze zur Zwangsarbeit, dem nie nachgegangen worden sei. Nordkorea habe mafiöse Einnahmestrukturen aufgebaut, ist Hosaniaks Fazit. „Wenn man einen Kanal sperrt, öffnet sich ein anderer.“ Veröffentlicht nach den redaktionellen Standards des Handelsblatts. Mehr Informationen finden Sie in unseren Richtlinien. 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