GastkommentarHerbert WulfEs braucht einen neuen Verhandlungsansatz für NordkoreaIm Schatten dominanter weltpolitischer Themen baut das Regime in Nordkorea konsequent sein Atomprogramm aus. Eine radikal neue Verhandlungsstrategie ist nötig, um die Risiken einer militärischen Auseinandersetzung zu bannen.23.07.2026, 05.20 Uhr3 LeseminutenKim Jong Un besucht im Juni 2026 einen Waffentest, unabhängige Journalisten waren nicht zugelassen.Korea News Service via APWie nordkoreanische staatliche Medien berichten, nahm der Führer Kim Jong Un Mitte Juni in Nampo – einem Hafen südwestlich der Hauptstadt Pjongjang – an einer Zeremonie für den Stapellauf des 5000-Tonnen-Schiffs «Choe Hyon» teil. Es ist das grösste je in Nordkorea gebaute Kriegsschiff. Der Zerstörer soll in der Lage sein, atomar bestückte Raketen einzusetzen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Kim sagte anlässlich des Stapellaufs, das Programm zur Ausrüstung der Marine mit Atomwaffen folge unbeirrt seinem geplanten Verlauf. Die «Choe Hyon» symbolisiert Nordkoreas Ambitionen, sich nicht nur auf landgestützte Atomwaffen zu verlassen, sondern auch die Marine einzubeziehen und seine Militärmacht über die nahen Küstengewässer hinaus projizieren zu können.Nukleare Entwaffnung ist gescheitertVor allem die USA verfolgen seit den neunziger Jahren die Politik, Nordkoreas Atom- und Raketenprogramm zu stoppen, das Land international zu isolieren und durch Sanktionen zu Zugeständnissen zu zwingen und schliesslich durch eine glaubhafte Strategie der Abschreckung davon abzuhalten, Südkorea anzugreifen.Diese Ziele sind derzeit aber kaum noch erreichbar. Der Stopp des Atomprogramms ist gescheitert, und die internationale Isolierung ist durch die Annäherung Russlands und Nordkoreas deutlich durchlöchert. Auch greift China dem diktatorisch regierten Land mit Wirtschaftshilfe unter die Arme. Lediglich die Abschreckung durch das amerikanische und das südkoreanische Militär scheint noch intakt.In Washington hat man das Thema Denuklearisierung bis heute nicht aufgegeben, obwohl Donald Trump mit seiner Gipfeldiplomatie und den Treffen mit Kim Jong Un 2018 und 2019 genau an dieser Frage scheiterte. Washington wollte weiterhin Denuklearisierung zur Voraussetzung für weitergehende Verhandlungen machen. Kim lehnte dies strikt ab.Nach Donald Trumps Besuch in Peking Mitte Mai dieses Jahres liess das Weisse Haus verlauten, dass Präsident Xi Jinping und Präsident Trump ihr gemeinsames Ziel, Nordkorea zu denuklearisieren, bestätigt hätten. Prompt kam das Dementi des chinesischen Aussenministeriums. Und beim Gipfeltreffen zwischen Russlands Präsident Putin und Xi eine Woche nach Trumps Besuch hiess es, man lehne die Drohungen gegen Nordkoreas Sicherheit ab – ohne die Denuklearisierung zu erwähnen.Während die USA und Japan ausdrücklich den Begriff Denuklearisierung Nordkoreas verwenden, vermeiden somit China und Russland – ebenso wie die südkoreanische Regierung – diesen Begriff. Interessant ist, dass sich der südkoreanische Präsident Lee Jae Myung am G-7-Treffen für ein schrittweises Vorgehen hinsichtlich der Denuklearisierung Nordkoreas ausgesprochen hat.«Zwei-plus-fünf-Verhandlungen»Wenn man die nüchterne Erkenntnis akzeptiert, dass trotz allen Versuchen die anvisierte Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel gescheitert ist, wäre es an der Zeit, die Forderung nach Abrüstung der Atomwaffen Nordkoreas auf Eis zu legen und vorderhand auf Rüstungskontrolle zu setzen.Dies könnte in zwei Schritten erfolgen: Erstens wäre es sinnvoll, das Land zum Wiedereintritt in den Atomwaffensperrvertrag zu bewegen, und zweitens, langfristig angelegte Konzepte für Verhandlungen zur Beilegung des Koreakonfliktes zu entwickeln. Nordkorea war ab Mitte der achtziger Jahre Mitglied des Vertrags, kündigte aber 2003. Die Begründung damals: Das Land fühle sich von den USA bedroht. George W. Bush hatte Nordkorea 2002 als Teil der «Achse des Bösen» und als «Schurkenstaat» bezeichnet und bei Verhandlungen mit Nordkorea harte Bedingungen gestellt, nämlich erst Verzicht auf Nuklearwaffen, dann Verhandlungen über ein Ende der Isolation Nordkoreas. Aber Atomwaffen erschienen dem Regime als Lebensversicherung lohnender.Voraussetzung für die Reduzierung der Risiken der nordkoreanischen Aufrüstung ist somit das Abrücken von Maximalforderungen, wie sie seit Jahrzehnten erfolglos gestellt wurden. Damit bleiben nur langfristig angelegte Schritte zur Rüstungskontrolle und zur Befriedung des seit den fünfziger Jahren schwelenden Koreakonfliktes, also Verhandlungen, beispielsweise nach dem Muster des «Zwei-plus-vier-Vertrages», der die Grundlage für die deutsche Wiedervereinigung bildete.Teilnehmer der Verhandlungen wären die beiden Korea, die USA, China, Russland und Japan. Möglicherweise sollte auch Europa beteiligt werden, also eine «Zwei-plus-fünf-Verhandlung». Denn bei einer generellen Verbesserung der politischen Beziehungen könnten europäische Länder eine wichtige Rolle für die wirtschaftliche Entwicklung und die humanitäre Hilfe spielen.Ziel derartiger Verhandlungen wäre somit nicht primär der Verzicht Nordkoreas auf Atomwaffen. Vielmehr müsste Nordkorea Sicherheitsgarantien erhalten, ein Modus Operandi der Kooperation zwischen den beiden Korea gefunden und Nordkorea in Aussicht gestellt werden, wieder voll anerkanntes Mitglied der internationalen Gemeinschaft zu werden. Ein zentrales Argument für den Wiedereintritt Nordkoreas in den Atomwaffensperrvertrag wäre die daraus resultierende Möglichkeit von Inspektionen durch die Internationale Atomenergiebehörde.Herbert Wulf ist emeritierter Professor für Friedens- und Konfliktforschung. Er leitete das Bonn International Center for Conflict Studies (BICC) und forschte am Stockholm International Peace Research Institute (Sipri).5 KommentareAndreas J. Graf vor 49 MinutenFalls "bei einer generellen Verbesserung der politischen Beziehungen [die] europäische Länder eine wichtige Rolle für die wirtschaftliche Entwicklung und die humanitäre Hilfe spielen [würden]", müsste davon ausgegangen werden, dass diese Entwicklung dem Regime dazu dienen würde, auch konventionell aufzurüsten. Die jahrzehntelange humanitäre Hilfe des Westens ab Mitte der 1990er hat den Kims überhaupt ermöglicht, zu einer Atommacht zu werden. --- Naivität kann tödlich sein.Walter Dalhäuser Gestern2 EmpfehlungenDie Analyse mag stimmen, aber es ist Wunschdenken. Warum soll Nordkorea den Ast absägen, auf dem es sitz? Und die letzten "bösen Taten" der USA (IRAN, VENEZUELA, GRÖNLAND, etc.) registrieren die Herrscher von Nordkorea auch - folglich: das Vertrauen in die USA ist unter null!!!!Passend zum Artikel
Nordkorea und sein Atomprogramm: Warum ein neuer Ansatz nötig ist
Im Schatten dominanter weltpolitischer Themen baut das Regime in Nordkorea konsequent sein Atomprogramm aus. Eine radikal neue Verhandlungsstrategie ist nötig, um die Risiken einer militärischen Auseinandersetzung zu bannen.






