Unternehmer beunruhigt: Ist die Kriminalität in Genf eine Gefahr für den Wirtschaftsstandort?Genf hat die meisten Polizisten der Schweiz, aber die zweitmeisten Straftaten. Das ist das Resultat einer Befragung der Stiftung für die Attraktivität des Kantons.Eva Hirschi, Lausanne13.08.2026, 17.56 Uhr3 LeseminutenDie Genfer Polizeibeamten haben alle Hände voll zu tun.KEYSTONEOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auf den ersten Blick scheinen die Zahlen alarmierend: Im Kanton Genf haben die Straftaten in den letzten Jahren zugenommen. Gemessen an der Einwohnerzahl gehört Genf zu den Kantonen mit den meisten Straftaten – nur in Basel-Stadt sind es noch mehr. Das ist umso bemerkenswerter, als Genf nach dem Tessin über die meisten Polizeikräfte im Verhältnis zur Bevölkerung verfügt: Auf 350 Einwohner kommt ein Polizist.Diese und weitere Angaben zusammengetragen hat die Stiftung für die Attraktivität des Kantons Genf (Flag), in deren Stiftungsrat namhafte Führungskräfte von Grossunternehmen wie Sandoz, MSC, Pictet und Rolex sitzen. Die 2022 gegründete Stiftung will mit Studien, Analysen und Öffentlichkeitsarbeit die Bevölkerung und die Politik für die Herausforderungen des Wirtschaftsstandorts Genf sensibilisieren. Ging es in der Vergangenheit meist um Steuern, so hat sie sich offensichtlich ein neues Schlagwort auf die Fahnen geschrieben: Sicherheit.Unternehmer beunruhigt«Die zunehmende Unsicherheit beunruhigt die Unternehmer in Genf. Das hat sich aus unserer qualitativen Befragung im vergangenen Jahr ergeben», erklärt Stiftungsdirektorin Karine Curti. Darin gaben 68 Prozent der befragten Unternehmensführer an, dass sich die Sicherheitslage in Genf in den letzten drei Jahren verschlechtert habe. Um diesen Eindruck zu prüfen, wertete die Stiftung in ihrer aktuellen Studie offizielle Statistiken von Kanton und Bund aus.So knackig die Schlussfolgerungen im Bericht sind: Die Zahlen sind mit Vorsicht zu betrachten. Die Studie vergleicht die Jahre 2022 bis 2025 und vermittelt den Eindruck einer deutlichen Verschlechterung. Über einen längeren Zeitraum zeigt sich jedoch ein anderes Bild: So waren etwa die Einbruchszahlen vor zehn Jahren mehr als doppelt so hoch wie heute. Und selbst die Flag hält fest, aus den untersuchten Zahlen lasse sich «kein kontinuierlicher Anstieg der Kriminalität ableiten».Das Genfer Sicherheitsdepartement bemängelt mehrere Punkte in der Studie. Doch selbst wenn die Kriminalität in Genf zugenommen hat: Gefährdet dies tatsächlich die Attraktivität des Standorts? Dirk Morschett, Professor für internationales Management an der Universität Freiburg, bezweifelt das: «Internationale Konzerne orientieren sich am internationalen Benchmark.»Das heisst: Solange die Sicherheit in anderen Wettbewerbsstädten wie etwa Paris oder Frankfurt nicht gleichzeitig steigt, spiele eine allfällige Zunahme an Kriminalität in Genf keine massgebende Rolle. «Im internationalen Vergleich steht die Schweiz immer noch sehr gut da», so Morschett. Und bei Standortentscheiden innerhalb der Schweiz seien andere Faktoren wie Sprache, Unternehmenssteuern oder die Nähe zu anderen Firmen stärker zu gewichten.Studie als WarnsignalSelbst Karine Curti kennt bislang kein Unternehmen, das wegen mangelnder Sicherheit ausdrücklich auf eine Ansiedlung in Genf verzichtet hätte. «Dennoch ist die Sicherheit einer der Faktoren, die zu den bereits bestehenden problematischen Rahmenbedingungen im Kanton Genf hinzukommen, wie etwa die hohe Steuerbelastung, der Wohnungsmangel und die Mobilitätsprobleme.» Sie will die Studie vor allem als Warnsignal verstanden wissen: «Wir müssen alles daransetzen, dass die Sicherheit für Unternehmer ein Standortvorteil bleibt.»In ihrem Departement sei man sich der Herausforderungen bewusst, sagt die Genfer Sicherheitsministerin Carole-Anne Kast: «Dieses Signal darf nicht ignoriert werden: Im Gegenteil, es rechtfertigt die Fortsetzung der bisherigen Bemühungen, ein sicheres und berechenbares Umfeld zu gewährleisten.»Passend zum Artikel