10-Millionen-Schweiz: Drei Fälle zeigen, weshalb sich die Polizei vor einer Annahme der SVP-Initiative fürchtetDas Schengener Informationssystem ist die wichtigste Datenbank für europäische Fahndungen. Mittelfristig könnte die Schweiz den Zugang verlieren.04.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenIm Schengener Informationssystem werden Personen erfasst, die polizeilich gesucht werden. Auch gestohlene oder abhandengekommene Autos, Waffen, Ausweise und andere Gegenstände sind im System erfasst.Illustration Ida Götz / NZZDie Messerattacke von Winterthur hat gezeigt, wie fragil das Sicherheitsgefühl ist. Die SVP nutzte die Tat sofort, um für ihre Initiative gegen die 10-Millionen-Schweiz zu mobilisieren. Direkt haben die beiden Dinge nichts miteinander zu tun: Der Anschlag hätte nicht verhindert werden können, wenn die Initiative in Kraft wäre. Die Gegner des Volksbegehrens sagen sogar, ein Ja zur Initiative würde mittelfristig Nachteile für die Sicherheit bedeuten, weil die Schweiz von einem grossen Teil der europäischen Polizeiarbeit ausgeschlossen werden könnte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Denn fast immer, wenn es um grenzüberschreitende Kooperation im Polizeibereich geht, kommt das Schengener Informationssystem (SIS) ins Spiel – die grösste und wichtigste europäische Datenbank für polizeiliche Fahndungen und Sicherheitsinformationen. Nach einer Annahme der SVP-Initiative wäre der Zugang für die Schweiz aber nicht mehr für alle Zeit garantiert. Dies, weil das Schengener Abkommen politisch mit der Personenfreizügigkeit (PFZ) verknüpft ist, die der Bundesrat nach einer Annahme schlimmstenfalls kündigen müsste. Drei Fälle zeigen, weshalb sich die Polizei vor diesem Szenario fürchtet.Fall 1: Ein Terrorverdächtiger wird im Asylzentrum entdecktAn einem Mittwoch im vergangenen August meldet sich ein Mann in einem Bundesasylzentrum in der Westschweiz und stellt ein Asylgesuch. Routinemässig nehmen die Mitarbeiter des Staatssekretariats für Migration dabei auch eine Abfrage im SIS vor – und stossen auf eine brisante Meldung: Frankreich hat gegen den Mann eine Einreisesperre verhängt und ihn deshalb im SIS ausgeschrieben.Fünf Jahre zuvor war er in Frankreich wegen terroristischer Straftaten verurteilt worden. In dem Verfahren ging es auch um die Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung zur Vorbereitung eines Verbrechens gegen Personen. Ohne SIS hätten die Schweizer Migrationsbehörden nie von dieser Geschichte erfahren.Die damalige Tat war so schwerwiegend, dass Frankreich dem Täter sogleich das Bürgerrecht entzog, das er als Doppelbürger zuvor besessen hatte. Für die Schweizer Behörden ist nun klar: Sie müssen von einer Gefährdung der öffentlichen Sicherheit ausgehen, wenn der Asylbewerber im Land bleibt. Sofort nehmen sie den Mann in Administrativhaft und führen ihn wenige Wochen später in seine Heimat zurück.Im SIS werden Personen erfasst, die polizeilich gesucht werden, mit einer Einreisesperre belegt sind, vermisst werden oder zur Kontrolle ausgeschrieben sind. Gespeichert werden zudem biometrische Daten wie Fingerabdrücke oder Fotos sowie Verknüpfungen zwischen Personen und Objekten. Auch gestohlene oder abhandengekommene Autos, Waffen, Ausweise und andere Gegenstände sind im System erfasst. 31 europäische Länder sind an das SIS angeschlossen, darunter seit achtzehn Jahren auch die Schweiz. Inzwischen umfasst das System mehr als 90 Millionen Datensätze.Fall 2: Flüchtiger Betrüger geht der Polizei in Paris ins NetzWird eine gesuchte Person oder ein gesuchter Gegenstand irgendwo in einem europäischen Land, das an das SIS angeschlossen ist, von den Behörden registriert, gleicht das System die Daten augenblicklich ab. Stellt es eine Übereinstimmung fest, sprechen die Ermittler von einem Hit (Treffer).Einen solchen Hit meldet das System, als Grenzpolizisten am Flughafen Roissy-Charles de Gaulle in Paris am 29. Januar 2026 die biometrischen Daten eines Ostafrikaners abgleichen, der auf dem Sprung nach Thailand ist. Sofort ist klar, dass der Mann keinesfalls nach Thailand reisen darf. In der Schweiz wird er dringend gesucht: Er soll zusammen mit Komplizen bandenmässigen Phishing-Betrug begangen haben. In zwei Kantonen wird ermittelt.Schon Mitte Dezember 2025 hatten die zuständigen Westschweizer Kantonspolizeien eine dringende internationale Personenfahndung ausgelöst: Die gesuchten Personen werden in solchen Fällen im SIS erfasst, falls vorhanden mit biometrischen Daten. Welche Daten im Fall des Ostafrikaners vorlagen, ist nicht öffentlich bekannt, möglicherweise aber waren es Fingerabdrücke. Denn als der Mann in Paris festgenommen wird, kann ihn die französische Grenzpolizei eindeutig identifizieren. Und so melden die Franzosen den Fahndungserfolg in die Schweiz.Jedes Land verfügt dafür über eine zentrale Stelle. Sie ist die Ansprechstelle für das Ausland, aber auch für die zugriffsberechtigten Behörden im Inland – wie Polizeikorps, die Grenzwacht oder Migrationsbehörden. Genannt wird die Stelle «Supplementary Information Request at the National Entries», kurz: Sirene. In der Schweiz ist das Sirene-Büro beim Fedpol angesiedelt und während 365 Tagen und 24 Stunden besetzt. Dort sitzen Spezialisten vor drei riesigen Monitoren, auf denen unablässig neue Meldungen erscheinen. Sie steuern und koordinieren ein- und ausgehende SIS-Fahndungen und bearbeiten die Fälle, bei denen es zu Hits kommt.Kaum poppt im Januar im Sirene-Büro in Bern die Treffermeldung über die Verhaftung des mutmasslichen Betrügers aus Ostafrika auf, setzt sich dieses mit den beiden Westschweizer Kantonspolizeien in Verbindung. Statt nach Thailand geht es für den Beschuldigten nun via Auslieferung zurück in die Schweiz. Hier sitzt der Mann in Haft und wartet auf die Gerichtsverhandlung.Fall 3: Ein entführtes Kleinkind wird in Spanien gefunden«Fahndung ist ein Minuten-Geschäft», heisst einer der Lieblingssätze von Benedikt Scherer, Leiter des Sirene-Büros in der Schweiz. Mit der Vernetzung der Fahndungssysteme hat das Tempo enorm zugenommen. Informationen fliessen statt wie früher innerhalb von Tagen innert Minuten und Stunden zu jedem Polizisten an der Front in ganz Europa. Was das bedeutet, zeigt sich in diesem Frühling, als es um das Schicksal eines einjährigen Kindes geht.Am Abend des 13. April 2026 packt ein Vater nach einem gewaltsamen Ehestreit einige Kleidungsstücke zusammen und steigt mit der gemeinsamen einjährigen Tochter ins Auto. Ziel: unbekannt. Die Mutter befürchtet aber, dass sich der Vater mit dem Kind ins Ausland absetzen könnte, und alarmiert die Polizei.Jetzt muss es schnell gehen. Denn wenn es der Mann erst einmal schafft, Europa zu verlassen, wird es schwierig. Länder ausserhalb des Schengenraums sind nicht ans SIS angeschlossen. Am 14. April, nachts um 1 Uhr 08, wird eine Suchmeldung für die beiden Personen und das Fahrzeug europaweit via SIS verbreitet. Wo immer im Schengenraum der Vater mit seinem Kind oder seinem Auto auffällt: Von jetzt an meldet das System einen Hit, sobald entsprechende Angaben irgendwo in eine SIS-Suchmaske eingegeben werden. Um 16 Uhr 24 erlässt die Schweiz zusätzlich einen internationalen Haftbefehl.Am anderen Tag kann das Auto in Spanien in der Nähe eines Hafens und eines Flughafens lokalisiert werden, vermutlich mithilfe des bordeigenen GPS-Systems. Die lokalen Polizeikräfte vor Ort erhalten nun zusätzlich zu den SIS-Angaben via die Sirene-Büros laufend weitere Informationen. Um 11 Uhr 34 wird der Vater festgenommen – und zwei Tage später ist das Kind zurück bei seiner Mutter.Vor 2008, als die Schweiz erstmals ans SIS angeschlossen wurde, wären solche Einsätze undenkbar gewesen. Zu langsam und zu schwerfällig waren die Methoden. Die nationalen Polizeibehörden kooperierten zwar schon damals, zum Beispiel via Interpol. Doch für Polizistinnen und Polizisten war erst das SIS der Gamechanger.Alle paar Minuten ein TrefferWenn man die Fedpol-Leute auf Interpol anspricht, löst man nur ein müdes Lächeln aus. Die Interpol-Zusammenarbeit beschränkt sich weitgehend darauf, Fahndungsaufrufe in andere Länder zu verschicken. Jedes Land entscheidet danach selber, welche Fahndung es tatsächlich aufnimmt und weiterleitet. Das kann innert Minuten, nach Tagen oder gar nicht geschehen – von automatischer Vernetzung keine Spur. Schon wegen des aufwendigen Verfahrens schaffen es nur die ganz grossen Fälle auf solche Fahndungslisten. Bis die Meldungen schliesslich an der Front ankommen, vergehen oft Tage. So läuft Interpol heute praktisch nur noch nebenher.Allein die Zahlen zeigen, welche Bedeutung das Schengener Informationssystem für die schweizerische Polizeiarbeit hat: Jeden Tag wird das SIS in der Schweiz 900 000-mal abgefragt. Und alle paar Minuten gibt es einen Hit mit Schweizer Bezug: zu einem Phishing-Betrüger, zu einem verurteilten Terroristen oder zu einem entführten Kind.Und was, wenn die Schweiz trotz Kündigung der PFZ doch nicht vom SIS abgekoppelt würde? Andere Länder hätten schliesslich kein Interesse daran, dass sich mitten in Europa ein Staat befindet, der in Bezug auf die Sicherheit zum schwarzen Loch wird. Für Kriminelle aller Art würde die Schweiz zur idealen Basis und zum perfekten Rückzugsort. Befürworter der Initiative für eine 10-Millionen-Schweiz rechnen deshalb damit, dass die EU-Staaten unser Land nicht ausschliessen würden.Dieselbe Hoffnung gab es auch in Grossbritannien, als das Land aus der EU austrat: Obwohl es nicht Teil des Schengenraums war, wurde den Briten ab 2015 der Zugang zum SIS gewährt. Nach dem Brexit hoffte die britische Polizei auf eine Ausnahme bei der Sicherheit – das sei schliesslich im Interesse aller.Doch die EU blieb unnachgiebig. Nach dem Austritt verlor das Land den Zugang zum System und zu Millionen von Datensätzen. Ermittlungen sind seither langsamer und komplizierter. Zahlreiche Polizeibehörden beklagen, es sei eines der wertvollsten Instrumente in der Polizeiarbeit weggefallen. Seit Jahren bemühen sich britische Regierungen um eine bessere Zusammenarbeit mit der EU in Sicherheitsfragen, mit mittelmässigem Erfolg.«NZZ Live»-Veranstaltung: Die Abstimmung zur 10-Millionen-Schweiz – was steht auf dem Spiel?In einer Live-Diskussion beleuchten NZZ-Experten die Kernpunkte der Abstimmung und ordnen mögliche Auswirkungen auf die Zukunft der Schweiz ein.Montag, 8. Juni 2026, 19.30 Uhr, Bernhard-Theater, Zürich.Tickets und weitere Informationen finden Sie hierPassend zum Artikel
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