Yemisi Mabry hatte etwas auf dem Herzen. Nach dem Gewinn der Bronzemedaille stellte sie sich in der Mixed Zone vor die versammelten Journalisten und ließ erkennen, dass sie sich offenbar über deren Reaktion ärgerte: „Danke für die vielen Glückwünsche“, sagte sie, noch bevor die erste Frage gestellt werden konnte.Dass es ihr um mehr als ausbleibende Glückwünsche ging, wurde aber erst am Mittwochabend deutlich: Da veröffentlichte Mabry einen Gesprächsausschnitt bei Instagram, in dem sie im Anschluss an ihre Qualifikation für das EM-Finale vom ARD-Journalisten Claus Lufen gefragt wurde, wie sie ihre Ausgangslage und die starke Saison ihrer niederländischen Konkurrentin Jessica Schilder einschätzt.„Und dann wird nicht Mut gemacht?“„Du qualifizierst dich gerade für ein EM-Finale. [...] Und statt einem ,Glückwunsch, du bist im Finale‘ kommt so etwas?“, fragt Mabry in einer zweiten Story, die von mehreren Athleten geteilt wurde: „Wir sind Athleten, keine Maschinen. In diesen Momenten sind wir emotional und vielleicht selbst noch dabei, das Erlebte zu verarbeiten. Und dann wird nicht Mut gemacht, sondern erst mal die Statistik unserer Niederlagen ausgepackt?“Mabrys Kritik ist verständlich: Eine Athletin, die ins EM-Finale eingezogen ist, darf erwarten, dass zunächst wahrgenommen wird, was ihr gelungen ist. Sie steht unter enormem Druck und möchte in diesem Moment nicht daran erinnert werden, dass ihre eine andere Athletin in dieser Saison meist besser war als sie. Ein freundlicher Einstieg wäre sicherlich angebracht gewesen: Lufen hätte die 27-Jährige fragen können, wie sie sich nach der Qualifikation fühlt und was sie daraus ins Finale mitnimmt. Danach hätte er sie immer noch nach der Favoritenrolle fragen können.„Fangt bitte bei euch selbst an“„Ich gewinne später die erste Medaille für Deutschland“, schreibt Mabry weiter, „und auch danach: negative, provokante Fragen.“ Die Journalisten redeten davon, dass die Athleten die deutsche Leichtathletik wieder groß machen sollten. „Wir geben euch unsere Zeit, unsere Emotionen und unsere Geschichten“, so die Kugelstoßerin: „Dann fangt bitte bei euch selbst an, einen positiven Beitrag zu leisten.“Natürlich darf sich Mabry wünschen, dass sich die Journalisten mit ihr freuen. Sie darf auch kritisieren, wenn sie eine Frage als unnötig provokant oder im falschen Moment gestellt empfindet. Daraus folgt aber kein Anspruch, ausschließlich Bestätigung zu bekommen. Journalisten haben nicht die Aufgabe, Athleten ein positives Gefühl zu geben, sondern sollen berichten, nachfragen, einordnen – und manchmal eben auch unangenehme Fragen stellen.Journalisten dürfen eine Bronzemedaille würdigen und trotzdem fragen, warum es nicht die Goldmedaille geworden ist. Sie dürfen von einer Leistung beeindruckt sein und den Athleten nach einem Erfolg auch einfach einmal gratulieren. Aber das bedeutet nicht, dass sie sich auch danach richten müssen, was für sie liebsam oder unliebsam ist.Entscheidend ist die Formulierung: Eine Frage kann berechtigt sein und trotzdem ohne das nötige Feingefühl gestellt werden. Das macht die dahinterstehende Absicht nicht falsch. Journalisten sind im besten Fall interessierte, empathische und faire Beobachter, aber eben auch nur das: Beobachter.
Yemisi Mabry vs. Claus Lufen: Medienschelte bei der EM
Die Kugelstoß-Olympiasiegerin fordert einen „positiven Beitrag“ von Sportjournalisten. Dieses Verständnis teilt sie mit vielen Sportlern – das macht es nicht richtiger.










