Yemisi Mabry durfte die Leichtathletik-Europameisterschaften gleich eröffnen, die Auslosung wollte es so beim Kugelstoßen der Frauen, dem ersten Wettkampf dieser kontinentalen Titelkämpfe am Montagabend. Und ihr erster Versuch landete immerhin schon mal bei 19,20 Metern. Mabrys erstes Problem: Ihre nächsten drei Versuche waren ungültig, der fünfte landete immerhin bei 19,50 Metern, der sechste bei 19,33 Metern. Ihr zweites, viel größeres Problem: die Kolleginnen aus den Niederlanden.Denn Jessica Schilder (20,73 Meter) und Jorinde van Klinken (19,64 Meter, persönliche Bestleistung) stießen die Kugel einfach weiter als die Olympiasiegerin von 2024 in Paris. Schilder, als Weltmeisterin von Tokio, war ohnehin als Favoritin in die West Midlands gereist, eine so große Siegesweite hatte es bei einer EM seit 28 Jahren nicht mehr gegeben.Mabry blieb Bronze, wie schon bei der jüngsten EM vor zwei Jahren in Rom – ein beachtenswerter Erfolg. Dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) bescherte sie gleich am Eröffnungstag die erste Medaille (5000-Meter-Läufer Florian Bremm versilberte den Auftakt der Deutschen später mit seinem zweiten Platz hinter dem norwegischen Olympiasieger und Titelverteidiger Jakob Ingebrigtsen).„Ich habe noch Kaffee getrunken, mit den anderen Mädels Essen bestellt, es gab mexikanische Bowl“, erzählte Mabry.Und Mabry? Die gläubige Christin zeigte sich später im Interview-Zelt sehr gelöst, am Ende sang sie, wie nach ihrem Olympiasieg 2024 in Paris, gar noch ein paar Zeilen. Dieses Mal hatte sie sich „The Joy of the Lord is my Strength“, ausgesucht: „Die Freude des Herrn ist meine Stärke.“ Applaus im Zelt. Sie sei gut in Form gewesen, erzählte Mabry zuvor, „Jessica hat schon viel mehr Jahre Drehstoßerfahrung als ich, und eine gewisse Sicherheit darin, da bin ich einfach noch jung im Drehstoßen.“ Aber auch da wolle sie sich noch herantasten.Am Vormittag hatte Mabry bei stürmischen Bedingungen im Norden Birminghams in Windeseile die Qualifikation überwunden, mit ordentlichen 19,25 Metern stieß sie da noch so weit wie keine andere Konkurrentin und verließ schnell wieder die Bühne, um sich aufs Finale vorzubereiten. „Lassen wir uns überraschen“, sagte Mabry, bevor sie ins Hotel für einen kurzen Nachmittagsschlaf, zum Lesen und Musik hören fahren wollte. „Ich habe noch Kaffee getrunken, mit den anderen Mädels Essen bestellt, es gab mexikanische Bowl“, sagte die 27-Jährige nun nach ihrem Wettkampf.Ende Juli hatte Mabry noch einmal für die ZDF-Dokumentationsreihe „37 Grad“ ihr besonderes Leben geschildert, das erst nach ihrer Goldmedaille von Paris einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden war. Sie sprach über ihre harte Grundschulzeit und Mobbing, auch wegen ihrer Hautfarbe. Sie erzählte, wie sie auf dem Schulhof „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ mitspielen musste, sie selbst war der schwarze Mann in der Mitte – und auch darüber, wie sie sich immer weiter zurückzog und mit zwölf Jahren an Suizid dachte. Einmal sagte Mabry in der Dokumentation: „Einem selbst fällt die Hautfarbe nicht auf – bis sie kritisiert wird.“Vor allem zwei Frauen waren Mabrys Rettung: Ihre damalige Jugendleiterin in der Kirchengemeinde – und Iris Manke-Reimers, die ihre Trainerin wurde und noch immer ist. Manke-Reimers und ihr Mann halfen Mabry, die über Ballett und Turnen zum Siebenkampf in die Leichtathletik gekommen war, als sie mit 14 nach einem Kreuzbandriss wieder am Boden lag. Sie halfen ihr zwei Jahre später nach dem nächsten Kreuzbandriss, als Mabry von den Ärzten gesagt bekam, mit Sport sei es vorbei.Und Manke-Reimers klärte die etwas verwirrte Mabry nach dem 20-Meter-Stoß zum Olympiagold auf, an diesem Abend des 9. August 2024, der im strömenden Regen mit einem Sturz Mabrys bei ihrem ersten Versuch begann und so strahlend endete: „Sie sagte zu mir, wievielte bin ich denn jetzt geworden?“, erzählte Manke-Reimers: „Und ich sagte: „Yemi, du bist Olympiasiegerin.“Konzentriert mit Kugel: Mabry am Montagmorgen in der Qualifikation. Axel Kohring/Beautiful Sports International/ImagoMabry hatte dann kein leichtes nacholympisches Jahr. Achillessehnen-Probleme und eine Mandelentzündung warfen sie zurück. Bei den Weltmeisterschaften in Tokio wurde sie nur Sechste, wobei sie das Wort „nur“ kategorisch ablehnt, weil für sie auch ein sechster Platz bei einer WM eine anerkennenswerte Leistung ist. Sie wollte sich nie über Titel und Pokale definieren, auch das sagte sie in der Doku: „Der Sinn des Lebens ist für mich, zu wissen, dass ich geschaffen bin für einen Grund. Für mich ist dieser Grund: zu sein.“Ihr Leben drum herum hat sich auch entwickelt. Einst hatte sie sich bei der Landespolizei beworben, von der sie wegen ihres vorgeschädigten Knies aber abgelehnt wurde. Ihr Studium in Sonderpädagogik schloss sie Anfang 2024 mit dem Bachelor ab. Im März 2026 heiratete sie den American-Football-Profi Tyler Mabry und nahm dessen Nachnamen an – ihr Ehemann war in Birmingham im Stadion, auf der Tribüne hielt er ein Schild mit „Go, Yem Yem!“ hoch.Ende Juli wurde Mabry in Wattenscheid erneut deutsche Meisterin, zur EM reiste sie als Medaillenkandidatin an. Danach drehte sie Ehrenrunden. Und dann sang sie einfach wieder los.
Kugelstoßen bei der EM: Yemisi Mabry besingt die nächste Medaille
Nach Gold bei Olympia in Paris gewinnt die Kugelstoßerin Yamisi Mabry Bronze bei der EM in Birmingham. Über eine besondere Athletin, die ihr Umfeld auch mit ihrem Gesang mitreißen kann.











