Ein Kind unserer Zeit: Aufstieg und Fall von Jason ArdayTrotz mangelnder Qualifikation schaffte es Arday zum Professor an einer der angesehensten Universitäten der Welt – bis er über Täuschungsvorwürfe stolperte. Der Fall zeigt die negativen Folgen einer zunehmenden Politisierung einzelner Bereiche der Wissenschaft.Oliver Zimmer13.08.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Weltweite Schlagzeilen: Jason Arday war in diesem Gebäude der Universität Cambridge tätig.Tolga Akmen / EPAJason Arday, der jüngste schwarze Professor in der Geschichte der Eliteuniversität Cambridge, trat vor einer Woche mit sofortiger Wirkung von seinem Lehrstuhl für Bildungssoziologie an der Eliteuniversität zurück. Lesungen im Zusammenhang mit seiner demnächst erscheinenden Autobiografie «Great and Unfortunate Things» (für die er angeblich 1,4 Millionen Pfund als Vorschuss kassierte) hat er abgesagt. Als Grund für seinen Rücktritt gab er an, die «unaufhörlichen Anschuldigungen, Spekulationen und öffentlichen Kommentare» hätten ihn und seine Familie schwer belastet.PDTatsächlich folgt Ardays Lebenskrise einem medialen Sturm. In den letzten Wochen sorgte das Drama um seinen kometenhaften Aufstieg und Fall weltweit für Schlagzeilen. Allein in der britischen Presse erschienen Dutzende von Kommentaren, die verschiedene Aspekte seines Weges vom gesellschaftlichen Rand zum globalen Star beleuchteten. Ehemalige und gegenwärtige Professoren schrieben über seine märchenhafte Karriere, die mit seiner Promotion an der Liverpool John Moores University begann und in der Verleihung einer Professur und eines College-Fellowship in Cambridge gipfelte.Er war einstimmig gewählt wordenArday war 37, als ihn eine neunköpfige Berufungskommission zum Senior-Professor machte. Soziologie- und Pädagogikprofessoren mit ausgewiesenem Faible für die Critical Race Theory (CRT) waren in der Kommission offenbar tonangebend gewesen. Den Vorsitz hatte die 66-jährige Labour-Politikerin Baroness Sally Morgan geführt, eine in London ausgebildete Pädagogin, die vor ihrem Wechsel in die Politik vier Jahre als Sekundarlehrerin gearbeitet hatte.Mit seinem freiwilligen Rückzug kam Arday dem Entscheid der beiden nun hastig anberaumten Untersuchungskommissionen zuvor. Diese werden sich in den nächsten Wochen zentral mit der Frage beschäftigen müssen, was die neunköpfige Berufungskommission geritten hatte, als sie Arday einstimmig zum besten Kandidaten kürte. Bei seinem ersten Gespräch am neuen Arbeitsort erklärte ihn die Vorsteherin des Education Department – der Fakultät, der Arday angehörte – gar zum «Weltbesten auf seinem Gebiet».Im Nachhinein muss man sagen: Jene, die ihren Favoriten im Herbst 2022 im Chor in den Himmel lobten, erwiesen ihm einen schlechten Dienst – von ihrem Arbeitgeber ganz zu schweigen. Jason Arday setzten sie mit ihrer Wahl dem Risiko jenes akademischen und medialen Trommelfeuers aus, dessen Ende noch nicht erreicht scheint. Dazu kam eine Pflichtvergessenheit gegenüber der eigenen Universität und dem eigenen Berufsstand, die einen sprachlos macht. Hier müssen wahrlich starke Emotionen am Werk gewesen sein. Ein gnadenloser Narzissmus auch. Um die Plagiatsvorwürfe wird es in dieser Untersuchung jedenfalls nur noch am Rande gehen; die scheinen sich mittlerweile erhärtet zu haben.Seine Texte sind gespickt mit FehlernBereits bei seiner Bewerbung entsprach Ardays Leistungskatalog, rein formal gesehen, allenfalls dem eines Assistenzprofessors. Seine Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften ähneln politischen Pamphleten, seine Methode ist die der Selbstbespiegelung, sein Präsentationsstil ist konfus und repetitiv, seine Texte sind gespickt mit grammatikalischen und orthografischen Fehlern.Doch bei diesem Skandal geht es nicht um eine Person. Hier geht es um ein Programm der Politisierung von Lehre und Wissenschaft an den heutigen Universitäten. Und um die Frage, woher diese Politisierung kommt und wer sie befeuert. Anders ausgedrückt: Der Fall Jason Arday ist kein Fall Oxbridge. Er ist nicht einmal ein Fall Jason Arday. Was er uns drastisch vor Augen führt: wozu ein Bildungsestablishment fähig ist, dem die Trennung von Wissenschaft und Politik – schon lange – nicht passt.Um das zu verstehen, muss man wissen: Universitäten sind keine monolithischen Gebilde, sondern Konglomerate von Fachbereichen und Fakultäten. Dies macht es äusserst schwierig, sie als Ganzes zu beurteilen. Einige dieser Fachbereiche sind in der Forschung international sehr erfolgreich, andere leisten enorm viel in der Lehre. Und während einige wenige auf der ganzen Linie brillieren, richten sich andere, die nirgends wirklich punkten, in einem lauschigen Seitentrakt wohlig ein.Plötzlich brillieren die fachlich UngenügendenBeim Faktor der radikalen Politisierung sind es erfahrungsgemäss eher die wissenschaftlich Ungenügenden, die brillieren. Einige Fachbereiche haben der Trennung von Politik und Wissenschaft schon längst den Kampf angesagt. Das trifft auf viele der Disziplinen zu, die das Wort «Studies» in ihrem Namen tragen. Etwas zugespitzt gesagt: Wer Women’s oder Gender Studies, wer Urban oder Postcolonial Studies betreibt, neigt eher dazu, mit seinem Fachbereich eine radikale politische Mission zu verbinden, als beispielsweise ein Althistoriker, eine Politologin oder eine Verfassungsrechtlerin.Man könnte, wiederum etwas zugespitzt, sagen: In diesen Bereichen wird das als Wissenschaft begriffene Lehren und Forschen zum bitteren politischen Ernst erklärt. Erkenntnistheoretisch wird hier aus einer Binsenwahrheit – dass nämlich die Vorstellung einer von politischen Vorgaben unbefleckten Wissenschaft illusorisch ist – der unhaltbare Schluss gezogen, Wissenschaft habe sich einem politischen Programm zu verpflichten.Der Skandal um Jason Arday lässt sich ohne dieses politische Hijacking eines universitären Fachs nicht erklären. Als zentral erwies sich in seinem Fall die sogenannte Critical Race Theory, an die Arday und diejenigen, die ihn berufen haben, anscheinend vorbehaltlos glauben. Bei dieser Theorie handelt es sich um die Behauptung eines ebenso allgegenwärtigen wie allmächtigen strukturellen Rassismus, von dem westliche Gesellschaften infiziert seien. Dieser diene als Instrument zur Verteidigung der weissen Vorherrschaft in allen gesellschaftlichen Schlüsselbereichen, inklusive Universität, Schule, Literatur, Kunst – und so weiter. Angetrieben wird die Theorie von einem politischen Umerziehungsprogramm.Eigene Erfahrungen zählenIn den bereits genannten sozialwissenschaftlichen Fachbereichen (sowie etwa in der Humangeografie, der Anthropologie und in ethnografisch geprägten Teilen der Soziologie) ist die CRT, zumindest im angelsächsischen Raum, deutlich stärker verbreitet als in den Humanwissenschaften. In den Natur- und Ingenieurwissenschaften spielt sie dagegen eine untergeordnete Rolle. In der Rechtswissenschaft – zu den Erfindern und prägenden Gestalten der CRT gehören einflussreiche schwarze Rechtsgelehrte wie Derrick Bell – besitzt die CRT im Human-Rights-Bereich ihre Anhänger.Arday skizzierte das Programm der CRT im Abstract eines Zeitschriftenartikels, der offenbar ein Peer-Review-Verfahren durchlief:«Die anhaltende und wirksame Natur des Weissseins (‹whiteness›) in der Wissenschaft ist beständig und stellt farbige Dozierende als mangelhaft oder unfähig dar. Die Artikulation rassistischer Erfahrungen ist für farbige Dozierende zu einem Instrument der Selbstermächtigung geworden, um Macht zurückzugewinnen und die wirksamen Mechanismen des Weissseins zu durchbrechen. Dieser Beitrag verwendet eine Erzählmethode der Critical Race Theory, die als Gegenerzählung dient, um meine eigenen beruflichen Erfahrungen im Umgang mit normativer Weissheit, der Diversifizierung eurozentrischer Curricula und der Konzeptualisierung rassistischer Mikroaggressionen zu konzeptualisieren.»Kernaussage: Aus dem stahlharten Konstrukt der Rasse («race») gibt es für Normalsterbliche keinen Ausweg. Nur dem CRT-Praktikanten bietet sich ein Ausweg an – indem er seine eigene Diskriminierungsgeschichte erzählt und dieses Verfahren wissenschaftliche Methode nennt. Wie das obige Zitat verdeutlicht, bietet die CRT jedoch eher eine sich selbst erfüllende Prophezeiung als eine wissenschaftliche Methode. Wer ihre Gebote verinnerlicht hat, für den hält das Leben keine Überraschungen mehr bereit. Schon gar keine positiven. Jede persönliche Enttäuschung, jeder Rückschlag lässt sich nun einer einzigen Ursache zuschreiben.Eigentlich ist er ein BauernopferJason Arday ist ein Kind unserer Zeit. Die Bedeutung seiner Geschichte liegt in der Politisierung von Wissenschaft und Lehre durch ein relativ überschaubares Milieu von Universitätsdozenten und ihren Verbündeten in der Politik sowie den oberen Etagen einer ständig wachsenden Universitätsverwaltung.Jason Ardays Unglück war es, zum Bauernopfer dieser Leute zu werden. Dies war allerdings nur eine Frage der Zeit. Es werden wohl weitere folgen. Hier sei eine dreifache Prognose gewagt: 1. Jason Arday wird schon bald in den USA, dem Ursprungsland der Critical Race Theory, eine Professur antreten. 2. Die nicht karrieristischen Teile unter den Radikalen werden den Kampf für die absolute Gerechtigkeit weiterführen. 3. Die progressiven Oxbridger Uni-Manager und ihre Verbündeten in den Colleges – Leute von der Disposition einer Baroness Morgan – werden sich auch in Zukunft dem gerade herrschenden Zeitgeist anpassen. Und sie werden ihn auch dann wieder Fortschritt nennen.Oliver Zimmer war von 2005 bis 2021 Professor für moderne europäische Geschichte an der Universität Oxford.Passend zum Artikel