Er galt als akademisches Wunderkind: Anschuldigungen gegen Cambridge-ProfessorDer Soziologe Jason Arday wurde als jüngster schwarzer Professor der britischen Elite-Uni gefeiert. Nun stehen nicht nur Plagiatsvorwürfe im Raum, auch mehrere Angaben zu seiner Biografie werden infrage gestellt.Zelda Biller05.08.2026, 16.42 Uhr3 LeseminutenDer Soziologieprofessor Jason Arday: Wunderkind oder Hochstapler?PDDie Geschichte des Soziologen Jason Arday klingt märchenhaft. Der Sohn ghanaischer Einwanderer wuchs in einer Londoner Sozialsiedlung auf. Er sagt, bei ihm sei im Alter von 3 Jahren Autismus diagnostiziert worden. Wegen einer Entwicklungsstörung, so Arday, habe er erst mit 11 sprechen und mit 18 lesen und schreiben gelernt. Später sei noch ein Gehirntumor diagnostiziert worden. Doch kein Schicksalsschlag konnte ihn aufhalten: 2023, im Alter von 37 Jahren, wurde Arday zum Professor für Bildungssoziologie in Cambridge ernannt – und wurde damit jüngster schwarzer Lehrstuhlinhaber der Universität.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Jetzt könnte nach dem steilen Aufstieg allerdings der Absturz kommen. Dem akademischen Superstar, der zu Rassismus und sozialer Ungleichheit im Bildungssystem forscht, wird von verschiedenen Seiten vorgeworfen, plagiiert zu haben. Der «Telegraph» berichtete Ende Juli, dass über 100 Passagen in Ardays Doktorarbeit fast identisch mit einer sechs Jahre zuvor erschienenen Diplomarbeit seien. Engagierte Professoren anderer Universitäten äusserten ähnliche Vorwürfe, oft schon Jahre davor.Er will 30 Marathons in 35 Tagen gelaufen seinWeil der Bericht des «Telegraph» unmittelbar auf den Substack-Beitrag eines konservativen Wissenschafters folgte, der meinte, dass es in einer wahren Leistungsgesellschaft «nahezu keine» schwarzen Professoren in Harvard geben würde, ist die Sache für Ardays Unterstützer eindeutig: Es handle sich um eine Schmierenkampagne von rechts, um das schwarze Wunderkind zu verunglimpfen. Das ist auch die öffentliche Position von Cambridge. Die legendäre Universität will den Fall nicht eigenständig untersuchen und die Verantwortung auf die Hochschule, an der die umstrittene Arbeit entstanden ist, abschieben. Und Arday selbst? Streitet alle Vorwürfe ab – räumt aber paradoxerweise zugleich im Interview mit der «Times» mögliche Fehler ein, die er auf seinen Autismus zurückführt.Nichts ist langweiliger als Plagiatsvorwürfe, und es stimmt natürlich, dass dahinter häufig eine politische Motivation steckt. Aber der Fall Arday ist längst zu einer absurden Hochstapler-Angelegenheit geworden. Stimmen all die aussergewöhnlichen Geschichten, die der Soziologe seit Jahren öffentlich erzählt? Ist es wahr, dass er 30 Marathons in 35 Tagen gelaufen ist, wie er behauptet? Trat er tatsächlich in einer Fernsehserie auf, die Jahrzehnte vor seiner Geburt ausgestrahlt wurde? Wurde wirklich ein blutiger Schweinekopf vor der Tür seiner Eltern abgestellt und Arday selbst auf dem Uni-Campus von einem maskierten Mann mit einem Messer bedroht?Solidaritätsbrief von Ardays AnhängernDer linksliberale «Guardian» hat recherchiert. Überwachungskameras, Ärzte, Polizisten und Metzger lassen grosse Zweifel an den Schilderungen Ardays aufkommen. Trotzdem gibt es online schon einen Solidaritätsbrief von seinen Anhängern. Tausende haben unterzeichnet, unter ihnen auch mehrere Abgeordnete der Labour-Partei. Was sie damit zum Ausdruck bringen wollen? Unklar. Vielleicht haben sie Sorge, dass Arday das Bild rassismuskritischer Forschung nicht nur für ein paar Tage oder Wochen beschädigt haben könnte. Das wäre verständlich. Vielleicht sind ihnen Ardays mutmassliche Fehlleistungen und vermeintliche Schwindeleien aber auch einfach egal, weil sie nicht in ihr politisches Weltbild passen. Je detaillierter und unwahrscheinlicher eine Geschichte ist, desto überzeugender wirkt sie manchmal auf jene, die sie glauben wollen.Nächste Woche erscheint Ardays Lebensgeschichte als Buch. Ob es sich um eine Autobiografie, eine Autofiktion oder einen phantastischen Roman handelt? Das weiss nur Jason Arday selbst.