Der Fall des Cambridge-Professors Jason Arday: wenn Hautfarbe und Herkunft mehr zählen als LeistungEgal, wie haarsträubend und unglaubwürdig seine Geschichten auch waren, Jason Arday wurde in der akademischen Welt hochgejubelt. Er genoss einen Minderheitenschutz, der in Wahrheit paternalistisch, ja rassistisch ist.07.08.2026, 15.03 Uhr3 LeseminutenHochgejubelt und dann tief gefallen: der Professor Jason Arday.Joe Giddens / APDer Fall sorgt weltweit für Gesprächsstoff. Jason Arday, Sohn ghanaischer Einwanderer, in einer Sozialsiedlung aufgewachsen, war als jüngster Schwarzer zum Cambridge-Professor berufen worden. In zahlreichen Zeitungsartikeln und Dokfilmen wurde seine erstaunliche Lebensgeschichte unhinterfragt gefeiert: So soll er wegen Autismus und weiterer Entwicklungsstörungen erst mit 11 Jahren sprechen gelernt haben, lesen und schreiben sogar erst mit 18.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein gesundheitlich beeinträchtigter Mann aus sozial prekären Verhältnissen hat es zum Professor an einer Spitzenuniversität geschafft, obschon er quasi die gesamte Schulzeit als Analphabet durchlaufen hat. Die Geschichte war zu schön, um wahr zu sein.In den letzten Tagen erschien in britischen Medien eine Reihe von Artikeln, die mutmassliche Plagiate in seinen Arbeiten und zahlreiche falsche Angaben in seinem Lebenslauf auflisteten. Anfangs stemmte sich die Universität Cambridge noch dagegen, eine Untersuchung einzuleiten, und sprach von einer «niederträchtigen Kampagne». Als immer mehr haarsträubende Details an die Öffentlichkeit kamen – Arday hatte zum Beispiel behauptet, 600 Meilen in sechs Tagen gerannt zu sein, was nahezu Weltrekord bedeutet hätte –, brach das Kartenhaus zusammen. Am Mittwochabend gab der Professor seinen Rücktritt bekannt.Fehlgeleitete MinderheitenförderungWie konnte ein mutmasslicher Hochstapler Professor an einer der renommiertesten Universitäten der Welt werden? Die Antwort ist in diesem Fall klar: weil die Herkunft und die Hautfarbe wichtiger waren als die Leistung. Und weil aus Angst vor Rassismusvorwürfen kaum jemand die Stimme erhob. Wer es trotzdem wagte, kritisch nachzufragen, wurde abgekanzelt oder gar, wie ein Journalist von «Times Higher Education», der Polizei gemeldet, die prompt eine Untersuchung gegen den Journalisten einleitete.Der Fall Arday mag zwar besonders extrem sein – in der Nachbetrachtung auch reichlich absurd –, und doch steht er exemplarisch für eine fehlgeleitete Förderung von Minderheiten, die insbesondere nach den «Black Lives Matter»-Protesten an vielen Universitäten des Westens Einzug hielt. Man setzt sich Diversitätsziele, und um sie zu erreichen, werden Leute in Positionen gehievt, die sie unter normalen Umständen kaum erreichen würden. Meist sind sie in Nischenfächern tätig, in denen es in irgendeiner Weise um die Erforschung von Diskriminierung und Unterdrückung geht, dort scheinen die Universitäten mangelnde wissenschaftliche Qualität in Kauf zu nehmen.Das war auch bei Jason Arday so. Er wurde zum Professor für Bildungssoziologie mit dem Schwerpunkt Diskriminierung, obschon er auf dem Gebiet kaum über einen akademischen Leistungsausweis verfügte. Zuvor lag sein Forschungsschwerpunkt beim Sportunterricht. Sein Fachwissen stamme aus seiner eigenen Lebenserfahrung, sagte Arday. Entsprechend sprach er auch hauptsächlich über sich selbst.Seine Vorgesetzte spricht zu ihm, als sei er ein KindDie BBC begleitete Arday nach seiner Berufung bei seinem ersten Gang durch die Universität. Wie ihn die Leiterin der Pädagogischen Fakultät begrüsste, ist sinnbildlich für das ganze Malaise. «Wir können uns wirklich glücklich schätzen, Sie bei uns zu haben», sagte sie strahlend. «Was Ihre Forschung angeht, sind Sie der Beste der Welt.» Als spräche sie zu einem Kind. Diesen Paternalismus kann man durchaus rassistisch nennen. Mit keinem anderen Professor würde man so umgehen.Arday avancierte zum Star. Überall konnte er seine märchenhafte Aufstiegsgeschichte erzählen. Für seine Memoiren, die diesen Monat in den USA und in Grossbritannien erscheinen sollen, habe ihm der Verlag einen Vorschuss von 1,4 Millionen gegeben, sagte er. Ob dies stimmt, bleibt offen. Was sicher ist: Die Medien und Institutionen nahmen gierig alles von ihm auf, egal, wie unglaubwürdig es auch klang.Der Schaden ist enorm, gerade für fachlich qualifizierte Angehörige von Minderheiten. Sie stehen unter dem Verdacht, wie Arday nur wegen ihrer Hautfarbe oder Lebensgeschichte zu der Stelle gekommen zu sein. Die Lehre daraus muss sein: Man kann und soll benachteiligte Gruppen fördern. Am Ende darf aber nur die Leistung entscheiden, nicht die Hautfarbe, die Herkunft oder das Geschlecht.Passend zum Artikel