Wie die Schwyzer das Kloster Einsiedeln retteten und dabei Zürich und den Papst umgingenIm Jahr 1526 stand die Benediktinerabtei kurz vor dem Aus. Die Gemeinschaft war auf einen einzigen Mönch geschrumpft. Der Wiederaufschwung begann mit einem St. Galler.13.08.2026, 05.29 Uhr6 LeseminutenBlick auf das Stift Einsiedeln. Das im Jahr 934 gegründete Benediktinerkloster zählt seit dem Mittelalter zu den bedeutendsten Kulturzentren und Wallfahrtsorten Europas (Aufnahme um 1940).ETH BildarchivEin kurzer, trockener Knall im Frühjahr 1525 markierte das vorläufige Ende einer fast sechshundertjährigen Geschichte. Damals zerbrach Diebold von Geroldseck das Siegel und zerschnitt den Brief, mit dem der Stand Schwyz ihn zum Pfleger der Benediktinerabtei Einsiedeln ernannt hatte. Damit erlebte das im Jahr 934 gegründete Kloster den Höhepunkt einer Krise, die sich seit mehreren Jahrzehnten angebahnt hatte. Nach Geroldsecks Ausscheiden bestand die Mönchsgemeinschaft nur noch aus einem Mitglied: dem bereits 86-jährigen Abt Konrad III. von Hohenrechberg.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die neu erschienene Festschrift «1526 – Ende oder Wende?» untersucht, ob das Stift damals vor dem endgültigen Aus oder vor einem Neuanfang stand. Mehr als ein Dutzend Historikerinnen und Historiker beleuchten darin die Ereignisse um dieses entscheidende Jahr, die sie neu aufgearbeitet und in einen grösseren Kontext eingeordnet haben.Die Forschungen zeigen, dass die Krise teilweise wirtschaftlicher Natur war. So wurden in den Jahren 1465 und 1509 die Klosterkirche und Teile des Dorfes Einsiedeln durch Brände zerstört. Von diesen Rückschlägen erholte sich die immer kleiner werdende Mönchsgemeinschaft nur langsam. Das klösterliche Leben kam zusehends zum Erliegen. Diese Abwärtstendenz war nicht nur für die Abtei selbst schlecht, sondern für das ganze Tal. Das bei Pilgern beliebte Wallfahrtskloster und das Dorf Einsiedeln lebten in enger Symbiose. Ohne das Fortbestehen der Wallfahrt drohte dem Gewerbe der wirtschaftliche Niedergang.Zwingli predigt in EinsiedelnEs handelte sich dabei vor allem aber um eine existenzielle Glaubenskrise. Eine Glaubenskrise, die im 16. Jahrhundert die Kirche in ganz Europa spaltete. Die Reformation drängte mit aller Macht nach Einsiedeln, und von Geroldseck spielte dabei eine entscheidende Rolle. Der eigentliche starke Mann der Klostergemeinschaft holte eine ganze Reihe von Priestern nach Einsiedeln, die wie er am alten Glauben zweifelten.Mit Huldrych Zwingli wirkte der wichtigste Schweizer Reformator als Leutpriester im Schwyzer Klosterdorf. Auch sein Nachfolger in dieser Funktion, Leo Jud, vertrat die neue Glaubenslehre. Das reformatorische Schaffen erreichte in Einsiedeln seinen Höhepunkt anlässlich eines der wichtigsten Kirchenfeste, der Grossen Engelweihe am 14. September 1522. Dieser Festtag geht auf die Legende zurück, dass die ursprüngliche Gnadenkapelle von Jesus Christus selbst, assistiert von Engeln und Heiligen, geweiht worden sei.Anstatt den Pilgern Geschichten aus dem Leben des Einsiedlers Meinrad zu erzählen und die heilige Muttergottes Maria zu preisen, kritisierten Zwingli und Jud in ihren Predigten die kirchliche Hierarchie, die Messe, die Heilslehre und die Marienverehrung. Ausserdem warfen sie den Geistlichen vor, sie würden die kirchlichen Abgaben und Spenden für schändliches und unzüchtiges Treiben verwenden.In einer Denkschrift bezeichnete ein anonymer Autor die mit reformistischen Ideen sympathisierenden Prediger als «ein art wie Lucifer, der sich neben Gott setzen wolt». Darin machte er auch auf die wirtschaftlichen Folgen der aus seiner Sicht schändlichen Predigten aufmerksam. Es seien kaum noch Kerzen gespendet worden, bemängelte er. Jürg Jäger schreibt in der Festschrift, das Sprengpotenzial solcher Predigten an einem der grössten Feste im Verlauf des Pilgerjahres an einem der bedeutendsten religiösen Zentren der Eidgenossenschaft mit Tausenden von Zuhörern könne nicht unterschätzt werden.Mönche bei der Landarbeit: Einsiedler Benediktiner mit Heugabeln auf dem Weg zur Feldarbeit (Aufnahme von 1943).GettyDiebold von Geroldseck kam schliesslich zu der Überzeugung, dass er im Kloster Einsiedeln am falschen Ort war, und entschied sich endgültig für die Lehre Zwinglis. Mit seinem Weggang entstand ein Machtvakuum. Die Schwyzer Obrigkeit, der das Treiben der reformfreundlichen Geistlichen seit langem missfiel, sah sich zum Handeln gezwungen. Einer der wichtigsten Wallfahrtsorte der Eidgenossenschaft drohte von dem aus ihrer Sicht wahren Glauben abzufallen. Der Konvent war nicht nur ein spirituell wichtiger Ort, sondern auch eine neutrale Tagungsstätte für eidgenössische Schiedsgerichte.Zürich hätte profitiertNutzniesser des drohenden Machtvakuums im Kloster Einsiedeln wären die Stadt Zürich beziehungsweise reformationsfreundliche Kräfte gewesen, wie André Holenstein in seinem Beitrag in der Festschrift aufzeigt. Ein ähnliches Schicksal hatten bereits 1524 das Fraumünsterstift in Zürich und das Chorherrenstift Embrach erlitten. Die beiden Klöster wurden aufgelöst.Angesichts dieser bedrohlichen Lage griff 1526 die Schwyzer Regierung ein. Zunächst stellte sie dem greisen Abt in der Person von Martin von Kriens, einem Schwyzer Ratsherrn und ehemaligen Vogt von Einsiedeln, einen Verwalter zur Seite. Am 26. Juli 1526 legte Konrad III. von Hohenrechberg sein Amt in die Hände des Schwyzer Landammanns. Dies eröffnete den Schwyzern die Möglichkeit, dem Kloster Einsiedeln «auf unkonventionelle, rechtlich durchaus fragwürdige Weise einen neuen Vorsteher zu verschaffen», wie Holenstein schreibt.Eigentlich hätte der neue Abt vom Papst bestimmt werden müssen, wie es auch heute noch kirchenrechtlich vorgeschrieben ist. Stattdessen liess die Schwyzer Obrigkeit ihre guten Beziehungen zur Benediktinerabtei St. Gallen spielen und lieh sich gewissermassen einen Mönch aus. Sie wählte dieses Kloster nicht zuletzt deshalb, weil St. Gallen wenige Jahrzehnte zuvor unter Abt Ulrich Rösch eine Krise überwunden hatte. Damals drohte dem Stift wegen des Adelsprivilegs – dem ausschliesslichen Aufnahmerecht für Adlige – ein schwerer Nachwuchsmangel. Nachdem diese Schwierigkeiten überwunden waren, galt das Stift als das klösterliche Erfolgsmodell der Eidgenossenschaft.Der neue Vorsteher des Klosters Einsiedeln war der St. Galler Konventual und Dekan Ludwig Blarer. Er wurde am 14. August 1526 feierlich eingesetzt. Das Manöver wurde gegen den Widerstand des schwäbischen Adels und der Stadt Zürich durchgezogen.Obwohl Schwyz das kanonische Recht völlig missachtet hatte, reagierte Papst Clemens VII. nicht mit einer sofortigen Bestrafung oder Exkommunikation und griff nicht direkt ein. Zum einen war der Papst durch die europäische Machtpolitik gebunden: Clemens VII. befand sich mitten in einem Konflikt zwischen Kaiser Karl V. und dem französischen König Franz I., der 1527 in der Verwüstung Roms (Sacco di Roma) gipfeln sollte. Für kirchenrechtliche Feinheiten in der Schweiz fehlten der Kurie Zeit und Kapazitäten.Noch schwerer wog das Risiko, die Orte der Innerschweiz aus dem katholischen Lager zu verlieren. Eine päpstliche Massregelung oder die Androhung von Massnahmen gegen die Schwyzer Schirmherren hätte diese womöglich verprellt oder ins Lager der Reformatoren getrieben. Für Rom wog die Erhaltung Einsiedelns als katholischer Wallfahrtsort schwerer als ein kirchenrechtlicher Formfehler bei der Abtwahl.Schwyz und der neue Abt bemühten sich in den Folgejahren aktiv darum, die unkanonische Einsetzung nachträglich durch den Heiligen Stuhl bestätigen zu lassen. In erster Linie wollten sie damit Rechtssicherheit erlangen. Rom verweigerte die Bestätigung nicht, sondern erteilte schliesslich nachträglich die päpstliche Approbation und Bestätigung für Ludwig Blarer als rechtmässigen Fürstabt von Einsiedeln. Damit wurde der politische Coup der Schwyzer von der höchsten kirchlichen Instanz nachträglich legalisiert.Das Herzstück der Stiftskirche Einsiedeln: Betende vor der frei im Raum stehenden Gnadenkapelle mit der Schwarzen Madonna.ImagoDas reformierte Zürich versuchte vergeblich, die Einsetzung Blarers zu verhindern. Damit scheiterte die Hoffnung, das führungslose Kloster Einsiedeln der Reformation zuzuführen oder es unter die eigene Kontrolle zu bringen. Als der neue Abt im Februar 1527 von den Gotteshausleuten des Klosters Einsiedeln in den Zürcher Gebieten – darunter Stäfa, Männedorf, Erlenbach und Brütten – den Treue- und Gehorsamseid einfordern wollte, verweigerten ihm die Bewohner diesen Eid. Sie begründeten dies damit, dass sie zuerst den Rat ihrer Herren in Zürich konsultieren müssten.Aus für Versorgungsanstalt des AdelsDie Wahl Blarers bedeutete in zweifacher Hinsicht einen historischen Bruch. Er verdankte sein Amt nicht päpstlicher Ernennung, sondern weltlicher Machtpolitik. Zudem war er der erste nichtadlige Ordensbruder an der Spitze der Abtei.Er stammte aus einer angesehenen St. Galler Bürgerfamilie – eine Unerhörtheit für ein Stift, das sich seit dem 14. Jahrhundert fast ausschliesslich als Zufluchtsstätte für den Hochadel definiert hatte. Der Humanist und Einsiedler Dekan Albrecht von Bonstetten bezeichnete das Stift Ende des 15. Jahrhunderts bejahend als «ain spital umb zûflucht der fursten, graven, freyherren und hernsgenossen kinder».Blarer brachte den Geist der St. Galler Klosterreform nach Einsiedeln. Unter seiner Leitung wurden die strengere benediktinische Disziplin wiederhergestellt, das Gemeinschaftsleben reaktiviert und das Bildungswesen gefördert. Nach 1526 legten kaum noch Adlige im Hochtal ihre Profess ab. Einsiedeln wandelte sich in der Folgezeit zu einem von bürgerlichen Mönchen getragenen Konvent. Gleichzeitig blieb das Prestige des Gotteshauses so hoch, dass Adlige und europäische Fürstenhäuser Einsiedeln weiterhin als marianischen Wallfahrtsort schätzten und reich beschenkten.500 Jahre nach dem Beinahe-Zusammenbruch ist das Kloster Einsiedeln aufgrund seiner Bedeutung weiterhin der grösste Wallfahrtsort der Schweiz. Jedes Jahr besuchen rund 800 000 Pilger und Touristen die Abtei. Die Benediktinergemeinschaft besteht aus 39 Ordensbrüdern. Mit knapp 60 Jahren ist das Durchschnittsalter der Mönche vergleichsweise niedrig.Heuet im Schatten des Stifts: rastende Landarbeiter auf den Feldern vor dem Kloster Einsiedeln (Aufnahme von 1943).Ullstein via GettyDas Kloster feiert das Wiederaufblühen vor 500 Jahren mit einer Ausstellung, Vorträgen und Konzerten. Am 14. August, dem Tag, an dem Ludwig Blarer als neuer Abt eingeführt wurde, finden im barocken Grossen Saal eine Pontifikalvesper und ein Festakt statt. Daran werden unter anderem der Apostolische Nuntius Martin Krebs, der St. Galler Bischof Beat Grögli, Delegationen des Schwyzer und des St. Galler Regierungsrates sowie des Schwyzer und des Einsiedler Bezirksrats teilnehmen.Passend zum Artikel
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