Sie leben ländlich und denken städtisch – Landstädtchen suchen ihre ZukunftMittelalterliche Stadtmauern allein sichern keine Zukunft. Ob Eglisau, Laupen oder Waldenburg – die kleinen Schweizer Städte müssen ihre Rolle zwischen Tradition, Wachstum und Provinzialität neu definieren.Roger Blum07.07.2026, 05.25 Uhr8 LeseminutenLeidet unter dem starken Verkehr: Eglisau.NZZ DomizilÜber 80 Prozent der Schweizer Bevölkerung wohnen in der Stadt. Vier von fünf Menschen in diesem Land leben in Gemeinden, die dicht bebaut sind, einen Verkehrsknotenpunkt darstellen und Zentrumsaufgaben erfüllen. 172 der über 2000 Schweizer Gemeinden erfüllen dieses Kriterium. Das Bundesamt für Statistik berücksichtigt in seiner Städte-Definition nicht nur die Einwohnerzahl, die mindestens 10 000 Personen umfassen muss, sondern auch die Anzahl der Beschäftigten und der Logiernächte. So gelten nicht nur Zentren wie Zürich, Genf, Basel, Lausanne oder Bern als Städte, sondern auch frühere Dörfer wie Küsnacht (ZH), Kriens (LU) oder Köniz (BE).Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch auch Werdenberg (SG) mit bloss 90 Einwohnern beansprucht, eine Stadt zu sein. Ebenso nennen sich Regensberg (ZH), Rue (FR), Fürstenau (GR), Kaiserstuhl (AG) und Saint-Ursanne (JU), alle mit weniger als 700 Einwohnern, Stadt oder Städtchen. Wie passt denn das zur Definition des Bundesamts für Statistik?Von Zähringern, Kyburgern, Frohburgern und HabsburgernEs passt überhaupt nicht. Und zwar deshalb, weil es neben Städten im statistischen Sinn auch Städte im historischen Sinn gibt. Die historischen Städte sind jene, die im Mittelalter das Stadtrecht erhielten, um ihre Siedlung eine Mauer bauten und regelmässig Markt abhielten. Alle grossen Schweizer Städte, von Basel bis Lugano, von Biel bis Chur, sind gleichzeitig statistische wie historische Städte. Aber bei den historischen gibt es etwa 65, die weniger als 10 000 Einwohner zählen.Das hat damit zu tun, dass im 13. Jahrhundert in der Schweiz rund 150 Städte wie Pilze aus dem Boden schossen. Gründer waren Adelsgeschlechter wie die Zähringer, Kyburger, Frohburger, Habsburger, Savoyer oder die Bischöfe von Lausanne, Konstanz und Basel. Viele dieser meist kleinen Städte überlebten nicht und gingen wieder ein. Wie behaupten sich heute die etwa 65 noch verbliebenen Landstädtchen? Greifen wir sechs heraus – Eglisau (ZH), Neunkirch (SH), Laupen (BE), Erlach (BE), Laufen (BL) und Waldenburg (BL).Was ist diesen sechs Landstädtchen gemeinsam? Sie verfügen über eine malerische mittelalterliche Altstadt. Sie sind eingebettet in eine wunderbare Landschaft. Früher einmal herausgehobene Orte, suchen sie ihre Rolle in der Moderne. Die meisten ihrer Berufstätigen pendeln in grössere Zentren. Und ihre Behörden schlagen sich mit ähnlichen Verkehrs-, Finanz- oder Schulproblemen herum wie Dörfer gleicher Grösse auch.Extrem belastende VerkehrssituationEglisau, 5750 Einwohner, ziemlich genau in der Mitte zwischen Zürich und Schaffhausen und direkt am Rhein gelegen, gegründet von den Grafen von Tengen, war lange Zeit ein Wein- und Schifferstädtchen und Zürcher Landvogtei-Sitz. Die mit dem Ort verbundene wichtigste Firma ist die VIVI, die ehemalige Mineralquelle Eglisau, die das Vivi Kola produziert. Die Mineralquelle machte nach 1926 mit ihren Getränken Furore, musste aber 1986 die Produktion einstellen, weil die ausländische Konkurrenz (Pepsi-Cola!) stärker war. 2010 lancierte Christian Forrer Vivi Kola neu und war sehr erfolgreich; seine Firma stellt auch Sodas, Tees und Apéros her und führt VI-Cafés. Seit 2021 produziert sie wieder in Eglisau. Für den Gemeindepräsidenten Roland Ruckstuhl (FDP) ist das sehr wichtig; er ist froh, dass Vivi Kola weiterhin mit Eglisau verbunden wird.Als Hauptherausforderung für die Stadt bezeichnete Ruckstuhl im Gespräch den Verkehr: 22 000 Autos quälen sich täglich auf der Route von Zürich nach Schaffhausen durch Eglisau. Die geplante Umfahrung via Tunnels und eine neue Rheinbrücke setzt voraus, dass der Kantonsrat den Richtplan ändert. Der Baubeginn ist erst für 2037 geplant. «Das ist extrem belastend», klagte Ruckstuhl. Finanziell sei die Stadt gut aufgestellt; sie konnte grosse Bauprojekte stemmen, alles ohne Steuererhöhung. Das «lebendige Landstädtchen am Rhein», wie es sich offiziell präsentiert, könnte auch vom Tourismus profitieren, denn «ein gesunder Tourismus wäre sehr wertvoll für Eglisau», so Ruckstuhl. Die unter der Bevölkerung teilweise verbreitete Devise «Eglisau den Eglisauern» übersehe, dass – wie derzeit gerade – sterbende Läden und ein geschlossenes Hotel die Folge seien.Neunkirch will wachsen.Kurt Schorrer / Foto NetIm Klettgau, eine Viertelstunde Fahrzeit von Schaffhausen entfernt, liegt Neunkirch, 2570 Einwohner. Die Gemeindepräsidentin Magdalena Guida (FDP) trat 2025 ihr Amt unter turbulenten Umständen an. Nicht nur kickte sie den bisherigen Präsidenten aus dem Amt, auch die übrigen Plätze im Gemeinderat wurden in der Folge neu besetzt. Das rechteckige Landstädtchen charakterisiert sich selbstbewusst mit dem Slogan: «Wo sich Geschichte und Zukunft treffen».In der Tat trifft man optisch auf mittelalterliche Fassaden, aber die Gemeinde hat ein «Leitbild 2040» und «Legislaturziele» bis 2028 erarbeitet. Sie will allen Generationen Lebensqualität anbieten. Das gelinge ganz gut, gebe es doch Supermärkte, Restaurants, ein Schwimmbad, ein lebendiges Vereinsleben, wie Magdalena Guida berichtete, «bloss das Restaurant ‹Gmaandhuus› ging in Konkurs und die Bäckerei schloss», da müsse man einen Ersatz finden.Das Städtchen ist Standort zahlreicher kleiner und mittlerer Betriebe, von denen sich viele mit moderner Technologie befassen. Und die Gemeinde realisiere auch grössere Projekte, sagte Guida. So werde eben das neue Oberstufenschulhaus, das über 30 Millionen Franken gekostet habe, fertig. Nun werde die Bahnunterführung für knapp 10 Millionen Franken in Angriff genommen. Neunkirch will Schritt halten.Tourismus stört Einheimische, aber nütztLaupen wiederum, 3308 Einwohner, ist ein Berner Landstädtchen, das das Stadtrecht von den Habsburgern erhalten hat. Die S-Bahn fährt im Stundentakt nach Bern und braucht 30 Minuten. Mit dem Auto ist man in 23 Minuten in Freiburg und in 27 in Bern.Die grosse gegenwärtige Herausforderung für Laupen ist die Verkehrssanierung und städtebauliche Entwicklung SENS(e)ORIUM, die die Strasse, die Bahn und den Flusslauf der Sense einbezieht, das Städtchen endlich vor Hochwasser schützt und vom Stau vor der Bahnschranke befreien soll. Die Gemeindepräsidentin Bettina Schwab (Forum Laupen) wies aber darauf hin, dass auch die Ortsplanung eine Herausforderung sei. Die Gemeinde will moderat wachsen und die wichtigen Klein- und Mittelbetriebe am Ort halten.Laupen sieht sich laut Eigendarstellung als «das regionale Zentrum». Zusammen mit Nachbargemeinden will das Städtchen auch den Tourismus entwickeln, wie Bettina Schwab sagte. Letztes Jahr feierte Laupen 750 Jahre Stadtrecht. Jedes Jahr am 21. Juni gedenkt das Städtchen der Schlacht von 1339. Und immer an Silvester zieht das eindrückliche «Achetringele» auch viele Auswärtige an.Nur 19 Kilometer von Laupen entfernt, am Bielersee, liegt Erlach, 1394 Einwohner. Es erhielt das Stadtrecht von den Grafen von Neuenburg und war lange Zeit bernischer Landvogtei-Sitz und dann Zentrum eines bernischen Amtsbezirks. Die Fahrt nach Biel dauert mit dem Auto 35 Minuten, am Wochenende verkehren Nachtbusse zwischen Biel und Erlach, und Schiffe befahren nicht nur den Bielersee, sondern auch den Neuenburger- und den Murtensee.Das Städtchen nennt sich «die Perle am Bielersee» und setzt stark auf den Tourismus. «Den Einheimischen ist es manchmal schon zu viel», sagte der Gemeindepräsident Hanspeter Gerber (FDP), weil der Tagestourismus dominiere und das Städtchen im Sommer geradezu von Besuchern überschwemmt werde. Die Saison sei aber kurz, und darum gebe es im Ort nur wenig Hotelbetten. Die jährlich 39 000 Gästeübernachtungen seien vor allem den Aktivitäten auf dem Campingplatz und im Bootshafen geschuldet. Auch der Velotourismus – auf der Petersinsel und um den See – ist beliebt.Die Mehrheit der Berufstätigen pendle nach Bern, Biel oder Neuenburg, fügte Gerber an, und in Marin und Neuenburg gebe es grosse Einkaufszentren, so dass Erlach mit einem «Lädelisterben» konfrontiert sei. Industrie gibt es keine; 90 Prozent der Gemeindeeinnahmen kommen von natürlichen Personen. Aber «die Finanzen sind gesund», so Gerber, man habe mit eigenen Mitteln gerade zwei Schulhäuser saniert. Für den Gemeindepräsidenten besonders spannend ist, dass Erlach an der Sprachgrenze liegt und benachbarte Städtchen wie das bernische La Neuveville und das neuenburgische Le Landeron bereits zum französischen Sprachraum gehören. Mit Le Landeron arbeite man in Bezug auf die Schule und auf das Schwimmbad zusammen.Innovative Ideen am HauensteinDer Bezirkshauptort Laufen, 6077 Einwohner, liegt an der Birs und war zuerst ein fürstbischöfliches, dann ein bernisches Jura-Städtchen, bis es im Zuge der jurassischen Selbstbestimmung zu Baselland kam. Seine Gründer waren die Grafen von Reichenstein. Es liegt 30 Bahn- und Autominuten von Basel entfernt, und mit dem Intercity, der in Laufen hält, ist die Stadt am Rhein sogar in 20 Minuten zu erreichen. Die S-Bahn fährt im Viertelstundentakt. Laufen muss sich gegenüber dem Zentrum Basel behaupten, das kulturell und mit seinen Einkaufsmöglichkeiten herausfordert.Der Stadtpräsident Pascal Bolliger (FDP) betonte mehrere Stärken der Kleinstadt: «Wir wachsen», «wir üben Zentrumsfunktionen aus», und «wir haben tolle Unternehmen». In Laufen produzieren die Bonbonfabrik Ricola, die Keramik Laufen und die Technologiefirma Stöcklin Logistics. Bolliger ist sich sicher, dass die Firmen in Laufen bleiben – aus Familientradition, wegen günstiger Abgaben und wegen natürlicher Ressourcen (so braucht die Keramik die örtlichen Tonvorkommen).Muss sich gegen Basel behaupten: Laufen.Christoph Ruckstuhl / NZZHerausfordernd für die Stadt seien das Asyl-Durchgangszentrum und die im Kanton höchste Asylquote sowie die bevorstehenden finanziellen Einschnitte durch den Bund. Touristisch werden Laufen und das Laufental durch Baselland Tourismus als «Rock Valley» verkauft, und Pascal Bolliger sieht da «durchaus noch Luft nach oben», lobt aber die Tourismusverantwortlichen für ihre Ideen. So sei die «lange Tafel» in der Laufener Altstadt jeweils ein eindrückliches Erlebnis – kulinarisch, gemeinschaftlich und von der Ambiance her.Die innovativsten Ideen setzt unter den sechs Landstädtchen Waldenburg um, 1124 Einwohner, ebenfalls in Baselland, 19 Kilometer von Laufen entfernt. Es liegt in einem Nadelöhr an der Strasse zum Pass Oberer Hauenstein. Die Frohburger wollten im Mittelalter bewusst ein «Sperrstädtchen» errichten – an der seit der Römerzeit wichtigen Route von Norden nach Süden. Doch als im 19. Jahrhundert die Eisenbahn und im 20. Jahrhundert die Autobahn in andere Täler gelegt wurden, geriet Waldenburg mehr und mehr ins Abseits: Wichtige Firmen zogen weg – so die Uhrenfabrik Revue Thommen, die den Firmensitz jetzt in Baar (ZG) hat, oder die Medizinaltechnikfirma Straumann Group, deren Unternehmenszentrale jetzt in Basel ist. Als grosses Unternehmen, das Präzisionsteile herstellt, blieb gerade noch Tschudin & Heid in Waldenburg.Das Städtchen ist zwar nach wie vor ein Bezirkshauptort, aber seine finanziellen Schwierigkeiten nahmen derart zu, dass Ende 2024 der Regierungsrat ein Ultimatum stellte: Entweder würde der Steuersatz erhöht oder das Schwimmbad geschlossen. Die Waldenburger wollten ihr «Schwimmbi» nicht hergeben und bissen in den sauren Apfel, jetzt den höchsten Steuersatz im Kanton zu haben. Inzwischen sind die Finanzen vorerst wieder im Lot, und die Gemeinde rechnet für 2026 sogar mit einem Überschuss von rund einer halben Million Franken.Die Finanzlage bleibe aber prekär, sagte die Gemeindepräsidentin Andrea Sulzer (Grüne), der Bilanzfehlbetrag von gut 900 000 Franken müsse weiterhin abgetragen werden. «Waldenburg hatte seine Identität als Industriestädtchen. Heute kommen aber nur noch drei Prozent der Steuereinnahmen von juristischen Personen», bilanzierte sie. Es gelte jetzt, eine neue Identität zu finden. Dazu gehöre, die noch vorhandenen Unternehmen im ganzen Waldenburgertal zu unterstützen, die Wohnqualität zu verbessern, denkmalgeschützte Häuser zu sanieren, das «Stedtli» autofrei zu halten, die Schlossruine über eine neu gegründete Stiftung instand zu setzen, mit anderen Gemeinden enger zusammenzuarbeiten (etwa durch die Zusammenlegung von Werkhöfen, aber auch im Schulbereich), kulturelle Ereignisse zu schaffen und den Tourismus über die Geschichte der Uhrenindustrie, die Burgen und die Jurahöhen anzukurbeln.Andrea Sulzer berichtete von inspirierenden Kultur-Kooperationen. So brachte der Regisseur Maximilian Hanisch unter dem Titel «Countryside Waldenburg» an drei Tagen Interessierte aus Basel und anderswo ins Städtchen; es gab eine Kunstbiennale in Waldenburg. «Wir rechnen mit einem Bevölkerungswachstum», sagte die Gemeindepräsidentin. Das wird auch dadurch erleichtert, dass Waldenburg jetzt besser angebunden ist: Die erneuerte Waldenburgerbahn fährt im Viertelstundentakt und braucht 22 Minuten nach Liestal.Das Votum zur 10-Millionen-SchweizSechs Kleinstädte auf dem Land, mit städtischem Bewusstsein: Wie haben sie sich in der Volksabstimmung über die 10-Millionen-Schweiz vom 14. Juni entschieden, als die städtische Schweiz die ländliche Schweiz überstimmte? Verorteten sie sich als städtisch oder ländlich? Von den sechs herausgegriffenen Landstädtchen haben sich vier «städtisch» entschieden, nämlich Eglisau (55,6 Prozent Nein), Laupen (58,5 Prozent Nein), Erlach (60,2 Prozent Nein) und Laufen (53,3 Prozent Nein), und zwei votierten «ländlich», nämlich Neunkirch (54,2 Prozent Ja) und Waldenburg (59,2 Prozent Ja). Obwohl sie Kleinstädte auf dem Land sind und obwohl überall die SVP die stärkste Partei ist, neigen sie doch eher zum städtischen Verhalten.Passend zum Artikel
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