Mehr als ein Marketing-Gag? Was es mit «New Zurich» wirklich auf sich hatDie Agglomeration um den Flughafen will selbstbewusster auftreten, als urbaner Raum der Zukunft. Und dabei nicht zu sehr nach Zürich schielen, weil sie andere Stärken hat.10.06.2026, 08.00 Uhr5 LeseminutenEine Region am Wendepunkt? Blick auf die neue Skyline von Dübendorf.Gaëtan Bally / KeystoneNew Glarus ist ein Kaff bei Chicago, New Bern eine verschlafene Kleinstadt an der amerikanischen Ostküste. «New Zurich» hat ganz andere Ambitionen: Das soll eine Stadt werden, die es mit dem Original aufnehmen kann. Eine echte Konkurrenz. Gelegen nicht im Nirgendwo, sondern in unmittelbarer Nachbarschaft zum alten Zürich, im Tal der Glatt rund um den Flughafen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seit Mitte März geistert diese Idee durch die lokalen Medien, wo sie allerdings mehr Fragen als Aufbruchstimmung ausgelöst hat. Und manchmal auch sanften Spott.Ist New Zurich eine ernst gemeinte Kampfansage des bürgerlich geprägten Umlands an die links-grün dominierte Stadt Zürich? Oder ist es doch nur ein Marketingtrick, um internationale Unternehmen ohne Ortskenntnisse in einen zersiedelten Agglomerationsgürtel zu locken, dessen Hauptmerkmal die gute Anbindung an die Stadt Zürich ist?An diesem Dienstag hat sich der Nebel gelichtet, zumindest ein wenig. Die Erfinder von New Zurich haben ein fast hundertseitiges Strategiepapier zum Thema veröffentlicht. Quintessenz: New Zurich ist primär ein eingängig klingender Aufruf zur Zusammenarbeit.Treibende Kraft ist das Wirtschaftsnetzwerk Flughafenregion Zürich (FRZ), zentraler Ideengeber der Berater Thomas Sevcik. Der wortgewandte Kosmopolit mit Basis in Zürich ist spezialisiert darauf, attraktive Erzählungen für Städte und Regionen zu entwickeln, die sich ein neues Image verpassen wollen.Die Umdeutung der oft herablassend behandelten Agglomeration Zürich zur selbstbewussten Stadt ist für Sevcik vertrautes Terrain: Er hat unter anderem schon die Idee für die Grossüberbauung The Circle am Flughafen entwickelt, die sich selbstbewusst am Zürcher Niederdorf orientierte. Ein kühner Vergleich, den die Flughafenbetreiber angesichts eher leerer Gassen bald relativierten; heute funktioniert der Circle in erster Linie als Bürokomplex.Eine der aufregendsten Stadtlandschaften in ganz Europa?Diesmal versucht Sevcik die Menschen in den vierzehn Mitgliedergemeinden der FRZ und ein gutes Stück darüber hinaus zu überzeugen, dass sich ihre Region an einem Wendepunkt befinde. Dass sie gerade ihren suburbanen Charakter überwinde und sich in eine Stadtlandschaft verwandle. Und zwar nicht in irgendeine, sondern gleich in «eine der aufregendsten» in ganz Europa. Eine, die Zürich punkto Dynamik, Lebensqualität und Wertschöpfung überholen könnte – wenn denn alle am gleichen Strick ziehen.Die FRZ will also dazu anregen, die Entwicklung gemeinsam zu gestalten, statt sie weiterhin unkontrolliert geschehen zu lassen. Der FRZ-Präsident André Ingold, der SVP-Stadtpräsident von Dübendorf, weist darauf hin, dass die Flughafenregion an vielen Orten ohnehin längst zusammengewachsen sei, dass aber vieles weiterhin isoliert betrachtet werde.Angesichts des Anspruchs scheint es ein Widerspruch, dass das Strategiepapier zwei Dinge ausdrücklich nicht sein will: weder ein politisches noch ein städtebauliches Projekt. Also kein Aufruf zur Gemeindefusion (auch nicht in bewusster Abgrenzung zur links regierten Stadt Zürich, wie zunächst kolportiert) und kein Masterplan, wie sich die Stadtbehauptung in gebaute Realität übersetzen lässt.Beides unterscheidet die Vision für New Zurich klar von früheren Ansätzen, die das gleiche Ziel verfolgten. 2011 veröffentlichte eine Architektengruppe ein vielbeachtetes Manifest für eine Glatttalstadt mit Platz für 400 000 Einwohner – was etwa einer Verdoppelung entsprochen hätte. Ein städtebauliches Projekt, das sich auf Plänen und Modellen bis Uster erstreckte, mit einem neuen urbanen Zentrum rund um den Flugplatz Dübendorf. Später gab es Versuche, zu diesem Zweck eine Grossfusion von acht Gemeinden anzustossen.Wie aber soll New Zurich Wirklichkeit werden, ganz ohne Politik und Städtebau? Für Gemeindepräsidentinnen und Gemeindepräsidenten, die im Strategiepapier nach konkreten Ideen suchen, die sich einer skeptischen Bevölkerung vermitteln lassen, könnte die Lektüre anstrengend werden.Der Text ist gespickt mit Formulierungen, die bedeutsam klingen und Aufbruchstimmung erzeugen, aber inhaltlich vage bleiben. Material, das jeden PR-Floskel-Detektor ausschlagen lässt. Da ist von einem «real wirkenden Verflechtungsraum» die Rede, vom «transitorischen Momentum», von einem «ICT-Implementierungs-Hub mit Biss». Und immer wieder von der «Exzellenz» der Region – die jetzt bloss «noch exzellenter» werden müsse.Es finden sich aber doch auch einige konkrete Empfehlungen.Eine andere Art Stadt – vom Typ her eher wie Los AngelesDa ist zunächst einmal die programmatische, sich von der Idee zu lösen, mit der Stadt Zürich in deren eigener Paradedisziplin wetteifern zu müssen. Und stattdessen auf die eigenen Stärken zu setzen.Eine Kernstadt um ein historisches Zentrum kann die Flughafenregion nie werden, eher ein urbaner Raum wie Los Angeles bzw. der zur eigenständigen Stadt gewachsene Vorort Orange County. Vielleicht nicht pittoresk, aber wirtschaftlich potent, mit genug Platz, um weiter zu wachsen. Und daher attraktiv für Unternehmen.Der Siedlungsteppich rund um den Flughafen lässt Gemeindegrenzen verschwimmen.PDNew Zurich, optisch von Verkehrsinfrastruktur, Einkaufszentren, Wohnblocks und Einfamilienhäuschen geprägt, dürfte diesen Charakter also behalten: als Stadt mit mehreren Zentren, auf die sich ein urbanes Lebensgefühl konzentriert. Wobei es laut seinen geistigen Vätern den Vorteil einer unverfälschten Multikulturalität hat, wie sie in Zürich seltener wird, zum Beispiel in der Gastronomie.Eine Schwäche, die das Strategiepapier mehrfach erwähnt: Es mangelt um den Flughafen an kulturellen Institutionen mit überregionaler Ausstrahlung, die Besucher anziehen und die Zentren beleben. Daraus ergibt sich die Empfehlung, gemeinsam um solche zu werben, zum Beispiel um Privatmuseen oder öffentlich zugängliche Schaulager. Städte wie Barcelona haben solche Ankerpunkte gezielt in verschlafene Quartiere gesetzt, um auf den Fussverbindungen dazwischen die Frequenzen zu erhöhen – und damit die Attraktivität.Konkrete Empfehlungen findet man vor allem auch in jenem Teil des Strategiepapiers, in dem die Kernkompetenz der FRZ als Wirtschaftsnetzwerk in den Fokus rückt. Das klingt dann zum Teil stark nach klassischer Standortförderung, wenn es etwa um zusätzliche Infrastruktur für Kongresse, Tagungen und ähnliche Veranstaltungen geht. Aber es gibt auch Verbindungen zur Stadtentwicklung, die zeigen, wie die Förderung der bestehenden wirtschaftlichen Stärken zu einer höheren Aufenthaltsqualität führen könnte.Dass es diesbezüglich Defizite gibt, wird nicht bestritten. Wo das Wachstum in der Vergangenheit zu schnell gewesen sei, seien rund um den Flughafen dörfliche Strukturen durch einen «unattraktiven Siedlungsbrei» ersetzt worden.Google und Co. haben gezeigt: Firmen aus zukunftsträchtigen Branchen, die sich hier ansiedeln, wollen ihren gut ausgebildeten Angestellten mehr bieten als nur ein Büro. Immobilieneigentümer in New Zurich sollten darum ihre leerstehenden Bürokomplexe aufwerten und dabei über das blosse Gebäude hinausdenken. Indem sie für attraktive Erdgeschosse mit Läden und guter Gastronomie sorgen, für sichere Fuss- und Velowege und eine gute Anbindung an den öffentlichen Verkehr.Das Ziel laut dem Strategiepapier: «Orte schaffen, an denen man gerne ist – nicht nur, weil man muss.» Den Gemeinden um den Flughafen wird darum empfohlen, gemeinsam mit den Eigentümern Pilotprojekte auf ausgewählten Schlüsselarealen voranzutreiben.Trotz konkreten Ansätzen besteht das gleiche Risiko wie bei vielen Gedankengebäuden ohne Verbindlichkeit: dass das Papier nun einfach in der Schublade verschwindet.Für den FRZ-Präsidenten André Ingold liegt daher auf der Hand, was nun geschehen muss. Die Erwartung sei nicht, dass jede Gemeinde für sich die Empfehlungen umzusetzen versuche – «sonst entsteht ein Flickwerk». Sondern dass man die Aufgabe zusammen anpacke, auch mit Vertretern der Wirtschaft. Im August steht laut Ingold bereits der dritte Workshop an. Das Strategiepapier soll dabei als Nachschlagewerk dienen. «Es soll uns helfen, die Strategie von New Zurich gemeinsam Realität werden zu lassen, Schritt für Schritt.»Passend zum Artikel