ErklärtVorsicht, krebserregende Inhaltsstoffe und zu viel Zucker: Apps warnen vor ungesunden LebensmittelnPer Smartphone lassen sich Lebensmittel scannen und bewerten. Apps schlagen bei vermeintlichen Gefahren Alarm. Ob das verlässlich ist, erklärt ein Fachmann.Adrian Ritter12.08.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZLeserfrage: Es gibt Apps, mit denen man Lebensmittel scannen kann. Sie sollen anzeigen, wie gesund ein Produkt ist. Wie verlässlich sind solche Angebote?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Runterladen aufs Smartphone, und los geht’s mit dem Scannen – sei es zu Hause im Kühlschrank oder beim Einkaufen, bevor man ein Produkt in den Korb legt. Diverse Apps schlüsseln über den Strichcode auf den Verpackungen von Lebensmitteln auf, was darin an Nährstoffen und Zusatzstoffen enthalten ist – also beispielsweise an Substanzen, die Farbe und Geschmack beeinflussen oder ein Produkt länger haltbar machen. Gleichzeitig geben die Apps Bewertungen ab, etwa in der Form von farbigen Codes und Hinweisen, die vor ungesunden Produkten warnen sollen.Aber wie verlässlich ist das? Je nach App fliessen Informationen aus unterschiedlichen Quellen ein. Dazu gehören beispielsweise Verbraucherzentralen, wissenschaftliche Studien oder Empfehlungen der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA).«Allerdings kommen die Apps oft nicht zu derselben Einschätzung über ein Produkt wie die Lebensmittelbehörden», sagt Lothar Aicher, Toxikologe am Schweizer Zentrum für angewandte Humantoxikologie in Basel. Ein Grund dafür ist, dass der Bewertungsprozess unterschiedlich ist. «Hinter einer Behördenbewertung steckt ein grosser wissenschaftlicher Aufwand», sagt Aicher. Fachpersonen verschiedener Disziplinen prüfen und diskutieren dabei die oft umfangreichen Studien und erarbeiten in einem standardisierten Verfahren ihre Bewertung: «Eine App kann die umfassende Risikobewertung einer Fachbehörde kaum ersetzen.»Die Dosis macht das GiftDer zweite Grund für die oft unterschiedliche Bewertung von Produkten hängt gemäss Aicher mit der Unterscheidung zwischen Gefahrenpotenzial und Gesundheitsrisiko zusammen: «Ein Stoff kann grundsätzlich gesundheitsschädlich sein. Ob daraus im Alltag tatsächlich ein Risiko entsteht, hängt aber entscheidend davon ab, wie viel wir davon aufnehmen.»Die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC) untersucht beispielsweise, ob eine Substanz grundsätzlich Krebs auslösen kann. Sie beschreibt damit das Gefahrenpotenzial eines Stoffes und ordnet ihn unterschiedlichen Kategorien zu: zum Beispiel der Kategorie «krebserregend» oder «möglicherweise krebserregend». Genauer legt sich die Agentur aber nicht fest. Wie hoch das tatsächliche Krebsrisiko im Alltag ist, kann man der Beurteilung der IARC deshalb nicht entnehmen.Diese Frage des Risikos im Alltag steht hingegen im Zentrum der Beurteilung durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit. Sie berücksichtigt neben dem Gefahrenpotenzial auch, in welchem Ausmass Menschen über die Ernährung einem Stoff tatsächlich ausgesetzt sind, und beurteilt erst auf dieser Grundlage das Gesundheitsrisiko. «Die Dosis macht das Gift», sagt Aicher. Je nachdem, ob sich eine App eher auf die Gefahrenbewertung der IARC oder die Risikobewertung der EFSA stützt, gelangt sie zu unterschiedlichen Einschätzungen.Überschätzte Risiken und blinde FleckenViele Apps bewerten eher das theoretische Gefahrenpotenzial als das tatsächliche Gesundheitsrisiko. Deshalb schlagen sie möglicherweise schneller Alarm als die Behörden – also auch dann, wenn eine Substanz in den Mengen, die wir im Alltag aufnehmen, nach heutigem Wissensstand kein relevantes Gesundheitsrisiko darstellt.Wie unterschiedlich verschiedene Apps dasselbe Lebensmittel bewerten, zeigt das Beispiel Ovomaltine: Eine App stuft den enthaltenen Lebensmittelfarbstoff Calciumcarbonat als «unbedenklich» ein, eine andere als «begrenztes Risiko». In puncto Nährstoffgehalt stuft eine App den Zuckergehalt von Ovomaltine als gering ein, eine andere bezeichnet ihn als hoch.«Man sollte sich von solchen Apps nicht verängstigen lassen», sagt Aicher. «Sie bewerten einzelne Lebensmittel, kennen aber weder meine gesamte Ernährung noch meine persönliche Situation.» Wie ein einzelnes Lebensmittel gesundheitlich zu beurteilen ist, hängt aber nicht nur davon ab, was wir essen. So können zum Beispiel auch das Alter, der allgemeine Gesundheitszustand, Allergien oder die Einnahme von Medikamenten eine Rolle spielen, wie wir Lebensmittel verstoffwechseln oder darauf reagieren.Ganz abraten will Aicher von Lebensmittel-Apps trotzdem nicht. «Viele Menschen machen sich zu wenig Gedanken über ihre Ernährung. Insofern kann das Scannen ein guter Einstieg sein, sich damit auseinanderzusetzen.» Wer eine Warnung erhält, sollte diese aber nicht ungeprüft übernehmen, sondern sich bei verlässlichen Quellen, etwa auf den Websites von Behörden, weiter informieren.Dies allein schon deshalb, weil die Apps auch blinde Flecken haben. Aicher erklärt: «Sie können nur das bewerten, was auf der Zutatenliste steht. Ob ein Lebensmittel zusätzlich Schadstoffe oder Verunreinigungen enthält, können sie nicht erkennen.» Solche Stoffe werden von den Behörden überwacht.Für Aicher ist darüber hinaus klar: «Wer sich abwechslungsreich und gemäss den allgemeinen Ernährungsempfehlungen ernährt, nicht raucht, wenig Alkohol trinkt und sich genügend bewegt, tut für die eigene Gesundheit weit mehr als derjenige, der sich auf einzelne Inhaltsstoffe konzentriert.»Passend zum Artikel
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