Erkennen Sie hochverarbeitete Lebensmittel im Quiz? Und sind sie tatsächlich ungesund?Seit Jahren untersuchen Forscher industriell hergestellte Nahrung. Ihre Studien zeigen: Manche hochverarbeiteten Produkte schaden uns weniger als erwartet. Eine realistische Einschätzung jener Lebensmittel, die am meisten schlechtgeredet werden.29.01.2026, 08.21 Uhr6 LeseminutenRegale voller Fertigessen.Andrea Tina Stalder / CH MediaHochverarbeitete Lebensmittel gelten als schädlich für die Gesundheit. Sie sollen verantwortlich sein für die Entstehung von etlichen Krankheiten, darunter Diabetes Typ 2 und Krebs. Welche wissenschaftlichen Belege gibt es dafür? Worauf sollte man beim Einkaufen achten? Und was sind hochverarbeitete Produkte überhaupt? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.InhaltsverzeichnisWas sind hochverarbeitete Lebensmittel?Wie erkenne ich hochverarbeitete Lebensmittel?Wie viele hochverarbeitete Lebensmittel essen die Menschen in den verschiedenen Ländern?Hochverarbeitete Lebensmittel gelten als ungesund. Gibt es dafür wissenschaftliche Belege?Gibt es auch besser gemachte Studien über die Auswirkungen hochverarbeiteter Lebensmittel?Eine eindeutige Definition hochverarbeiteter Lebensmittel gibt es nicht. Ganz allgemein verstehen viele Forscher und auch die Bevölkerung darunter Lebensmittel, die man selbst nicht herstellen könnte, weil es die Zutaten für den Heimgebrauch nicht gibt oder weil industrielle Prozesse nötig sind, die man in der eigenen Küche nicht nachahmen kann. Dass diese Darstellung sehr vereinfachend ist, zeigt dieses Beispiel: Milch pasteurisiert und homogenisiert man industriell, also nicht zu Hause. Und doch gilt sie nicht als hochverarbeitet.Carlos Monteiro, brasilianischer Public-Health-Experte, hat den Begriff der hochverarbeiteten Lebensmittel geprägt. Er gliedert sie mithilfe seines Nova-Systems Lebensmittel in vier Verarbeitungsstufen und gibt Beispiele für die Einordnung verschiedener Lebensmittel.Wie erkenne ich hochverarbeitete Lebensmittel?Das ist gar nicht so einfach. Oft heisst es, man erkenne hochverarbeitete Lebensmittel vor allem an einer sehr langen Zutatenliste. Teilweise seien Inhaltsstoffe enthalten, die man kaum aussprechen könne. Doch selbst für Forscher ist die Klassifizierung schwierig. Sie ordnen in einigen Fällen dieselben Lebensmittel in unterschiedliche Verarbeitungsstufen ein.Das Nova-System will zwar Orientierung bieten, aber die dort genannten Kriterien sind schwammig formuliert und haben nicht nur mit der Verarbeitung zu tun. Es heisst dort auch, dass die Zutaten häufig aus Massentierhaltung stammten und dass die Produkte attraktiv verpackt seien. Zudem wollten die Hersteller ihren Profit maximieren.Das von Freiwilligen getragene Projekt openfoodfacts.org will Konsumenten helfen, den Verarbeitungsgrad von Lebensmitteln zu bestimmen, die im Supermarkt erhältlich sind. Die Datenbank umfasst über 100 000 Produkte aus der Schweiz, fast 400 000 Produkte aus Deutschland, weltweit sind es mehr als 4 Millionen. Machen Sie den Test: Hätten Sie die Produkte ebenso klassifiziert, wie es in der Online-Datenbank angegeben ist?Wie viele hochverarbeitete Lebensmittel essen die Menschen in den verschiedenen Ländern?Das ist sehr unterschiedlich. Bei den Schweizern etwa stammen rund 29 Prozent der täglich aufgenommenen Kalorien aus hochverarbeiteten Lebensmitteln. In Deutschland sind es ungefähr 38 Prozent, in Österreich rund 31 Prozent. Die Italiener liegen mit etwa 13 Prozent der täglichen Kalorienmenge aus hochverarbeiteten Lebensmitteln im europaweiten Vergleich besonders weit unten. Das Vereinigte Königreich ist mit etwa 40 Prozent der Spitzenreiter.Bei der Betrachtung der Zahlen sollte man daran denken: Wie erwähnt hapert es bei der Definition hochverarbeiteter Lebensmittel. Und es ist auch für Wissenschafter nicht immer einfach, Angaben aus Befragungen der passenden Verarbeitungsstufe zuzuordnen. Trotzdem sind solche Daten wichtig, weil sie Hinweise auf Trends liefern und zeigen, wie gross die Unterschiede zwischen verschiedenen Ländern in Europa sind.Hochverarbeitete Lebensmittel gelten als ungesund. Gibt es dafür wissenschaftliche Belege?Es gibt zahlreiche Studien, die zeigen: Wer viele hochverarbeitete Lebensmittel isst, der hat eher Krankheiten wie Diabetes Typ 2, Krebs oder Herz-Kreislauf-Leiden, etwa Herzinfarkt und Schlaganfall. Allerdings sind das sogenannte Beobachtungsstudien. Die Teilnehmer geben zum Beispiel in Befragungen an, was sie essen. Die Forscher warten dann einen definierten Zeitraum ab und werten am Ende aus, an welchen Krankheiten die Menschen leiden.Diese Studien können nicht beweisen, dass ein Tumor oder ein Herzinfarkt wirklich durch eine ungesunde Ernährung ausgelöst wurde. Vielleicht gibt es andere Ursachen: Allenfalls haben diese Menschen über ihre Ernährung hinaus einen ungesunden Lebensstil.Es gibt Untersuchungen, die zeigen: In Italien ist das Sterberisiko bereits signifikant erhöht, wenn man etwa 24 Prozent der Energie in Form von hochverarbeiteten Produkten zu sich nimmt. In England ist das erst ab etwa 40 Prozent der täglich aufgenommenen Energie aus hochverarbeiteten Lebensmitteln der Fall. Wieso es solche Unterschiede gibt, ist unklar. Was bekannt ist: In Italien werden generell viel weniger hochverarbeitete Lebensmittel gegessen als in England. Vielleicht gehören sie in Italien weniger zum Mainstream. Womöglich greifen eher solche Italiener dazu, die ohnehin einen besonders ungesunden Lebensstil pflegen.Zudem zeigen einige Beobachtungsstudien bei genauerer Betrachtung, dass nicht alle hochverarbeiteten Lebensmittel negative Folgen haben. Manche Forscher schauen sich die Untergruppen genauer an. Sie betrachten also, welche Auswirkungen der Konsum ultraprozessierter Softdrinks oder Frühstückscerealien oder Fleischprodukte hat. Dabei zeigt sich, dass vor allem Softdrinks und Wurstwaren schlecht für die Gesundheit sind. Hochverarbeitete Frühstückscerealien und Brot scheinen eher gesundheitsförderliche Auswirkungen zu haben.Die Studienlage spricht nicht eindeutig gegen alle hochverarbeiteten Lebensmittel. Es gibt eine Reihe von Fachleuten, die argumentieren: Würden negative Effekte hochverarbeiteter Lebensmittel beobachtet, liege das nicht am Verarbeitungsgrad. Sie hätten womöglich eher damit zu tun, dass viele dieser Lebensmittel zum Beispiel zu viel Salz, Fett oder Zucker enthielten.Gibt es auch besser gemachte Studien über die Auswirkungen hochverarbeiteter Lebensmittel?Davon gibt es wenige. Das sind sogenannte randomisiert-kontrollierte Studien. Die Teilnehmer werden zufällig verschiedenen Gruppen zugeordnet. Die Forschenden geben vor, was welche Gruppe essen darf. So können Wissenschafter Ursache und Wirkung besser untersuchen als bei den Beobachtungsstudien.Der Amerikaner Kevin Hall hat die erste solche Studie rund um hochverarbeitete Lebensmittel im Jahr 2019 veröffentlicht. Die Studie hatte 20 Teilnehmer. Sie wurden zufällig in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine bekam zwei Wochen lang hochverarbeitete Lebensmittel zu essen. Die anderen Teilnehmer assen minimal verarbeitete Produkte. Danach wechselten die Gruppen. Täglich bekamen alle Teilnehmer drei Mahlzeiten. Sie durften jeweils so viel essen, wie sie wollten. Das Resultat: Wer zwei Wochen lang hochverarbeitete Lebensmittel ass, der nahm durchgehend mehr Kalorien auf und hatte am Ende der zwei Wochen fast ein Kilogramm an Gewicht zugelegt. Wer keine hochverarbeiteten Produkte ass, nahm bis zu einem Kilogramm ab. Woran genau die Unterschiede lagen, konnte die Studie nicht zeigen.Ciaran Forde und andere Forscher der Universität Wageningen in den Niederlanden wählten einen anderen Ansatz. Für ihre Studie, die 2025 erschienen ist, teilten sie 41 Probanden in zwei Gruppen. Die eine Gruppe bekam 14 Tage lang hochverarbeitete Lebensmittel, die eine weiche Konsistenz hatten. Die andere Gruppe bekam über denselben Zeitraum hochprozessierte Lebensmittel, die man länger kauen musste. Danach wechselten die Gruppen. Die Forscher fanden heraus: Wer weiche hochverarbeitete Lebensmittel ass, nahm täglich 369 Kalorien mehr auf.Ebenfalls 2025 publizierten Samuel Dicken und Kollegen vom University College London eine Studie mit 55 Teilnehmern, die zufällig in zwei Gruppen geteilt wurden. Alle waren übergewichtig und sollten abnehmen, sie durften aber von den bereitgestellten Lebensmitteln so viel oder wenig essen, wie sie wollten. Eine Gruppe verfolgte acht Wochen lang eine Diät, bestehend aus minimal verarbeiteten Lebensmitteln. Die Diät der anderen Gruppe umfasste hochverarbeitete Produkte. Beide Diäten orientierten sich am britischen «Eatwell Guide» und galten somit als gesund. Danach wechselten die Gruppen.Der Gewichtsverlust war höher, wenn die Personen minimal Verarbeitetes assen. Und doch zeigt die Studie, dass man auch mit hochverarbeiteten Lebensmitteln abnehmen kann. Denn am Ende hatten die Teilnehmer aller Gruppen Gewicht verloren.Die Ergebnisse dieser besser gemachten Studien sprechen also genau wie die Resultate von Beobachtungsstudien nicht eindeutig gegen hochverarbeitete Lebensmittel.Zudem gilt die Erkenntnis, dass weiche Lebensmittel zu höherer Kalorienzufuhr führen, auch für minimal Verarbeitetes. Um es noch komplizierter zu machen: Eine Studie aus dem Jahr 2022 zeigte sogar, dass die Teilnehmer mehr Kalorien durch selbstgemachten Kartoffelstock aufnahmen als durch Instant-Kartoffelbrei.Was weiss man darüber, wie schädlich Zusatzstoffe in hochverarbeiteten Lebensmitteln sind?Viele industriell hergestellte Lebensmittel enthalten Konservierungsstoffe, Emulgatoren oder Farbstoffe. Kritiker hochverarbeiteter Lebensmittel machen Zusatzstoffe mitverantwortlich für Krankheiten. Allerdings monieren Ernährungswissenschafter, die Hochverarbeitetes nicht pauschal verteufeln wollen: Es sei unwahrscheinlich, dass jeder Emulgator, Farb- oder Konservierungsstoff die gleichen schädlichen gesundheitlichen Folgen habe.Wenn man sich zwei Beispiele von Farbstoffen anschaut, dann sieht man, was sie meinen. Calciumcarbonat und Titandioxid färben Lebensmittel weiss. Der Zusatzstoff Calciumcarbonat gilt als unbedenklich. Titandioxid hingegen ist in der Europäischen Union seit 2022 verboten. Denn womöglich schädigt es das Erbgut. Jedenfalls konnte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit diesen Verdacht nicht entkräften. Titandioxid gilt deshalb als nicht mehr sicher in Lebensmitteln.Was raten Ernährungsgesellschaften rund um das Thema hochverarbeitete Lebensmittel?Brasilien rät explizit vom Konsum hochverarbeiteter Lebensmittel ab. Es ist übrigens das Heimatland von Carlos Monteiro, der den Begriff der hochverarbeiteten Lebensmittel geprägt hat. Anderswo formuliert man die Empfehlung etwas vorsichtiger. Israel etwa empfiehlt, den Konsum dieser Produkte zu reduzieren. Auch die USA sprechen sich in ihren neuen Ernährungsrichtlinien dafür aus, Hochverarbeitetes zu begrenzen.Viele andere Länder empfehlen in ihren Ernährungsrichtlinien frische Produkte und erwähnen hochverarbeitete Lebensmittel gar nicht explizit. Sie sprechen sich eher dafür aus, zu viel Salz, Fett und Zucker zu meiden. Denn die Studienlage ist ihnen zu uneindeutig, um sich speziell gegen hochverarbeitete Lebensmittel auszusprechen. Dazu gehören etwa Deutschland und die Schweiz.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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