GastkommentarDaniel Lorenz und Igor TokerSie sind nicht krank. Sie sind informiertSeit der Corona-Pandemie sind wir mit einer eigentlichen medizinischen «Infodemie» konfrontiert. Überall im Netz findet sich Information. Wer sie nicht einordnen kann, missversteht sie oft als Befund.30.05.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenPuls, Stress, Blutzucker: Alles ist mit dem Handy messbar.Christian Beutler / KeystoneMitternacht, das Display leuchtet: Der Herzfrequenzsensor zeigt 78 Schläge pro Minute, der Schlafscore zerlegt jede Unruhe in Prozentpunkte. Und doch klopft das Herz schneller – nicht vor Freude, sondern aus Sorge. In der Welt der Gesundheits-Apps ist unser Körper zur Zahlenreihe geworden. Wir erwarten Sicherheit und bekommen Stress. Manche sprechen von einer «Tyrannei der Daten». Übertrieben? Vielleicht. Aber der Effekt ist real. Die grösste Lüge der digitalen Medizin ist die, dass mehr Wissen beruhigt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Puls, Schlaf, Stress: alles messbar, alles scheinbar kontrollierbar. Und trotzdem entsteht etwas anderes, Unruhe statt Kontrolle. Wir schauen auf Zahlen und glauben ihnen oft mehr als uns selbst. Kopfschmerzen. Zwei Klicks später: Hirntumor. So funktioniert das System. M-Health-Apps boomen, gleichzeitig zeigen Studien, dass genau diese Daten Angst verstärken und zu unnötigen Arztbesuchen führen können. Und dann ist da noch Tiktok, voll mit medizinischen Inhalten, von denen ein erheblicher Teil falsch ist. Sicherheit sieht anders aus.Wer Symptome googelt, gerät schnell in einen Kreislauf: suchen, zweifeln, weitersuchen. Besonders vor Operationen kann das messbar Angst verstärken. Apps verstärken das noch, jede kleine Abweichung bekommt Bedeutung. Irgendwann wirkt alles wie ein Signal. Diese Dynamik hat einen Namen: Cyberchondrie. Es gibt keinen Punkt, an dem sich all diese Informationen gut anfühlen.Kein Algorithmus ersetzt das Bauchgefühl. So der Satz. Klingt gut, fast beruhigend. Stimmt aber nur bedingt. Denn der Körper fühlt, und gleichzeitig liefern Daten, Ärzte und Internet ständig neue Deutungen. Was davon gilt? Schwer zu sagen. Je mehr Optionen es gibt, desto weniger eindeutig wird es. Mehr Optionen bedeuten nicht mehr Klarheit, sondern mehr Zweifel. Alles klingt plausibel. Zu vieles.Wer Symptome googelt, bekommt keine Antwort, sondern Varianten: harmlos, ernst, selten auch dramatisch. Alles steht nebeneinander. Und alles wirkt möglich.Seit der Pandemie sprechen Experten von einer «Infodemie». Information ist überall. Wer sie nicht einordnen kann, liest sie wie einen Befund. Wer es kann, hat einen Vorteil. Aber genau daran fehlt es oft. Wer Symptome googelt, bekommt keine Antwort, sondern Varianten: harmlos, ernst, selten auch dramatisch. Alles steht nebeneinander. Und alles wirkt möglich. Das Problem ist nicht das Wissen. Es ist, dass wir nicht mehr wissen, was wir ignorieren dürfen.Und hier liegt der Widerspruch: Mehr Information soll Sicherheit schaffen. In der Praxis erzeugt sie oft das Gegenteil. Denn Information funktioniert nicht für sich allein. Sie braucht Kontext. Ohne ihn wird alles gleich wichtig – und genau das verunsichert. Interessant ist, wer in solchen Situationen hilft. Nicht immer Ärztinnen oder Experten. Oft sind es Menschen im Umfeld, die erklären, sortieren, relativieren. Keine neuen Informationen, sondern weniger. Genau darin liegt der Unterschied.Wir tun so, als würden wir unseren Körper besser verstehen. In Wahrheit kontrollieren wir ihn nur enger. Was früher ein Gefühl war, ist heute ein Messwert. Was früher Vertrauen war, wird überprüft. Je genauer wir hinschauen, desto unsicherer wird der Blick. Sie sind nicht krank. Sie sind informiert. Und genau das macht es so schwer, sich sicher zu fühlen.Die Daten sind nicht das Problem. Aber sie lösen das Problem auch nicht. Sie zeigen Möglichkeiten, keine Entscheidungen. Vielleicht braucht es weniger Daten und mehr Orientierung. Oder zumindest den Mut, irgendwann nicht weiterzusuchen. Vielleicht ist das Problem nicht, dass wir zu wenig wissen. Sondern dass wir nicht mehr aufhören können zu wissen.Daniel Lorenz ist Facharzt für Radiologie mit früherer Forschungstätigkeit an der Charité Berlin und dem Karolinska-Institut Stockholm; Igor Toker ist radiologischer Facharzt und sammelte als Gründer in der IT-Branche Einblicke in technologische Innovationen.Passend zum Artikel
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