KommentarMyanmar steckt seit fünf Jahren im Bürgerkrieg. Weder die Junta noch die Rebellenarmeen erringen den eindeutigen Sieg. Der Westen sollte die Hoffnung auf ein geeintes, demokratisches Myanmar aber beibehalten – aus Eigeninteresse.11.08.2026, 16.30 Uhr3 LeseminutenDer Ex-Militärchef und Präsident Myanmars, Min Aung Hlaing, wird in Thailand empfangen. Seine Armee kontrolliert nur noch einen Teil des Staatsgebiets.Rungroj Yongrit / EPAVor über fünf Jahren hat sich die Armee in Myanmar an die Macht geputscht. Seither bekämpft sie die eigene Bevölkerung. Sie hält zwar noch die grossen Städte und wichtige Institutionen wie die Zentralbank, kontrolliert aber nach Schätzungen direkt gut ein Fünftel des Landes. In den Grenzregionen haben sich ethnische Milizen ihr angestammtes Gebiet erkämpft, erheben Steuern, stemmen die Verwaltung und finanzieren sich oft durch Rohstoffe. Es gibt zwar eine demokratische Schattenregierung, aber sie kann den Widerstand nicht geschlossen führen, weil manche ethnischen Organisationen eigene Ziele verfolgen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Zahlen sind düster: Tausende sitzen im Gefängnis. Über 100 000 Menschen sind gestorben. Millionen mussten ihr Zuhause verlassen. Die Situation scheint ausweglos, denn weder der Junta noch den verschiedenen ethnischen Rebellen gelingt es, eindeutig den Sieg zu erringen. Beobachter sprechen bereits von einem festgefahrenen Konflikt, einem Abnutzungskrieg, einem zersplitterten Land.Der Westen lässt sich abhängenStaaten wie China oder Thailand sind da ganz pragmatisch. China will seltene Erden importieren und will Stabilität an der Grenze. Auch Thailand will die Kriminalität eindämmen und die Flüchtlingsströme dämpfen. Beide Staaten haben sich auf die Zersplitterung des Landes eingestellt, sie verhandeln mit der Junta und pflegen Kontakt mit den ethnischen Milizen. China liefert der Junta Waffen und kontrolliert zugleich für einzelne Rebellengebiete Strom und Handel. Der Putschführer und durch Scheinwahlen zum Präsidenten aufgestiegene Min Aung Hlaing wird von China wie jüngst auch Thailand offiziell und in allen Ehren empfangen.Während China das Machtvakuum in Myanmar füllt, lässt sich der Westen abhängen. Die EU hat die Sanktionen zwar verlängert, und Hilfsgelder fliessen weiter. Die USA haben ihr Engagement jedoch stark zurückgefahren. Washington hat 2025 Sanktionen gegen Verbündete der Junta und Unternehmen aufgehoben und Hilfsgelder drastisch gekürzt.Es wäre leicht, das Schicksal Myanmars als gegeben anzusehen. Die Wurzeln für die heutigen Kämpfe reichen nämlich weit zurück. Während die Briten über das Gebiet herrschten (1885–1948), brachten sie zahlreiche Beamte, Angestellte, Arbeiter und Geschäftsleute aus Britisch-Indien ins Land. Ihre wirtschaftlich und administrativ sichtbare Rolle schürte unter Burmesen antiindische Ressentiments.Nach der Unabhängigkeit 1948 startete der Bürgerkrieg. Die Ordnung zwischen dem bamarischen Zentrum und den Randgebieten war nicht vollständig ausgehandelt worden. Die heute sichtbaren Konfliktlinien waren also von Anfang an da. 1962 putschte General Ne Win. Es folgten eine jahrzehntelange Militärherrschaft und Kriege gegen ethnische bewaffnete Organisationen.Myanmar wird zum leuchtenden BeispielGleichzeitig hat Myanmar vor dem Putsch 2021 ein blühendes Jahrzehnt der politischen Öffnung und des Wirtschaftswachstums erlebt. Myanmar hat Reisende aus aller Welt angezogen. Die grosse Staatsfrau Aung San Suu Kyi hat für ihren Einsatz für die Demokratie den Nobelpreis erhalten – die Putschisten haben sie weggesperrt.Aber die Bevölkerung in Myanmar hat die Hoffnung nicht verloren. Nicht nur die ethnischen Rebellen kämpfen, sondern auch die Zivilbevölkerung leistet Widerstand. Sie kämpfen dafür, dass ein geeintes, demokratisches Myanmar erneut in den Bereich des Denkbaren rückt. Die Vision vieler Widerstandsgruppen, auch der Schattenregierung, ist ein föderaler Staat mit mehr Autonomie für die ethnischen Regionen. Sind Tausende Burmesen vergeblich für den Glauben an ihr Land gestorben?Auch der Westen sollte seine Hoffnung auf Myanmar beibehalten, selbst wenn die kurzfristigen Prognosen düster sind. Er darf seinen Einfluss auf das Land nicht noch weiter verlieren. Nicht nur aus völkerrechtlichen Idealen. Es gibt auch Eigeninteressen des Westens: Auch im Westen – insbesondere in den USA – sitzen viele Opfer der in Myanmar florierenden Cyberkriminalität. Auch der Westen ist am Handel mit den reichen Bodenschätzen im Land interessiert, gerade um zum Beispiel im Bereich der seltenen Erden unabhängiger von China zu werden.Der Westen bewegt sich allerdings gerade in die andere Richtung. Die Europäer und die Amerikaner überlassen das Feld China. Peking weiss dies für sich zu nutzen.Passend zum Artikel