Es gibt einen Satz, den in den vergangenen zwei Jahren kein westlicher Verteidigungsminister, kein Generalstabschef, kein Geheimdienstdirektor und kein Regierungschef öffentlich ausgesprochen hat. Dieser Satz lautet: Es wird Frieden geben. Nicht in fünf Jahren, nicht in zehn, nicht in zwanzig. Niemand sagt es. Niemand denkt es laut. Niemand wagt es.

Was stattdessen gesagt wird, hat sich zu einem monotonen Trommelschlag verdichtet, der die europäische Öffentlichkeit seit zwei Jahren begleitet wie der Tinnitus nach einem Bombeneinschlag: 2029. 2030. Russland kommt. Russland greift an. Russland ist in fünf Jahren so weit. Diese Botschaft wird in immer neuen Variationen vorgetragen, von immer neuen Akteuren, mit immer denselben rhetorischen Sicherungen – und mit einer Wirkung, die kein einzelner Sprecher zu verantworten hätte, die aber in der Summe verheerend ist.

Die Liste, die niemand zusammenstellt

Es lohnt sich, das Material einmal nebeneinanderzulegen. Erst dann erkennt man das Muster – und das System dahinter.

Den Anfang macht der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius im Januar 2024 mit der Warnung, Russland könne nach Ende des Ukrainekriegs binnen fünf bis acht Jahren die Fähigkeiten für einen Angriff auf Nato-Staaten aufbauen.