GastkommentarGibt es ihn noch, den Westen? Was die freie Welt im Innersten zusammenhält – und was Europa dafür tun kannAm Anfang dieser Analyse stehen vier Ideen, die der Westen im Nachgang zu seinem Triumph von 1990 massiv überspannt hat.21.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenAls der Westen den Kalten Krieg gewonnen hatte, wurde die Ordnung von 1990 auf seinen Werten und Institutionen gegründet: der liberalen Demokratie nach innen, der Selbstbestimmung souveräner Staaten nach aussen und dem ökonomischen Konsens über Marktwirtschaft und Freihandel.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.35 Jahre später befindet sich die liberale Ordnung in der Defensive, von aussen wie von innen – und die Frage ist: Gibt es den Westen überhaupt noch als politische und kulturelle Grösse, als Wertegemeinschaft und als einigendes Band?Warum das so gekommen ist, darauf gibt es nicht die eine Antwort. Ein Faktor aber liegt darin, dass der Westen nach 1990 im Vollgefühl des Sieges die eigenen Ordnungsvorstellungen überspannt und damit die alte Einsicht bestätigt hat, dass eine Idee immer dann schädlich wird, wenn sie sich von den Realitäten löst.Vier solcher Überdehnungen fallen mir ein: Eine neokonservative setzte nach dem 11. September 2001 auf die «freedom agenda» und den Export der Demokratie als Mittel im Kampf gegen den Terror – und führte in die fatalen «forever wars» im Irak und in Afghanistan.Die neoliberale Überspannung setzte nicht auf Ordnung für den Markt, wie es der klassische Ordoliberalismus tat, sondern auf Ordnung durch den Markt als allumfassendes Ordnungsprinzip – und führte in den Crash von 2008, der die Glaubwürdigkeit des westlichen Wirtschaftsmodells beschädigte.Postmoderne und Postkolonialismus dekonstruierten die westliche Gesellschaft als strukturell rassistisch, diskriminierend und zerstörerisch. In Verbindung mit der Klimabewegung führte die Energiewende Deutschland an den Rand der Deindustrialisierung, in der Schweiz führte die europäische Migrationspolitik zu einer Zustimmung von mehr als 45 Prozent zur «10-Millionen-Initiative» der SVP.Dass die Europäische Union immer mehr Souveränitätsrechte – von der Migration über das Verbrennerverbot bis zur Datenpolitik – an sich gezogen hat, ist die vierte Überdehnung, die zu einer Entpolitisierung der nationalen Demokratien und zur Entdemokratisierung der Politik führt.An diesem Europa hat eine Regierung Trump wenig Interesse, die ohnehin auf Deals statt Werte setzt und deutliche Anzeichen einer Politik imperialer Einflusssphären erkennen lässt, die der liberalen Ordnung zuwiderlaufen.Was bleibt angesichts solcher Trümmer vom globalen Westen? Zunächst einmal: nicht die Ambition globaler Verbreitung, sondern die Notwendigkeit der Selbstbehauptung. Und das erfordert die Konzentration auf seine Prinzipien.Auf internationaler Ebene sind das die Selbstbestimmung und die Integrität souveräner Staaten. Wenn die USA davon abrücken, ist das der Gegenstand eines grundlegenden Dissenses, den man auch offen austragen muss. Zugleich sollten die Europäer alle Kooperationsmöglichkeiten mit den USA suchen – und selbst konsequent militärische Stärke aufbauen. Denn sonst bleiben alle europäischen Ambitionen lächerliche Muskelspiele.Stärke nach aussen ist nicht ohne Stärke von innen zu haben. Daher brauchen die alternden Staaten des Westens konsequente und grundlegende Massnahmen zur Reform der sozialen Sicherungssysteme und zur Herstellung von ökonomischer Wettbewerbsfähigkeit und technologischer Innovationskraft. Und sie müssen sich auf die Grundprinzipien der liberalen Demokratie besinnen, statt den Staat als Verteilungsmaschine des Wünschbaren zu überfrachten: das Mehrheitsprinzip, das den Anspruch auf absolute Wahrheiten ausschliesst, den Schutz von Minderheiten und ihrer Rechte, die Möglichkeit friedlicher Regierungswechsel und eine vitale Öffentlichkeit, in der alles offen verhandelt werden kann.Das bedeutet auch: die Politik zurückzugewinnen, eine Idee von der Zukunft zu verfolgen und Entscheidungen zu treffen, die etwas bewirken, statt kleinteilige Koalitionsverträge abzuarbeiten oder sich in fatalistischen Pfadabhängigkeiten von politischer und rechtlicher Überregulierung zu verlieren.Ob das gelingt? Ich kann die Skepsis über die Zukunft des transatlantischen Bündnisses und der liberalen Demokratie verstehen. Aber kann mir jemand eine bessere Alternative nennen?Nach aussen steht Europa vor der Wahl des transatlantischen Bündnisses oder einer euroasiatischen Orientierung an Russland und China, weil strategische Autonomie zurzeit eine Illusion ist. Und da ist Philadelphia unter Trump Europa immer noch vielfach näher als Wuhan unter Xi Jinping.Die westlich-liberale Gesellschaftsform hat das historisch und global höchste Mass an Freiheit, Wohlstand, Sicherheit hervorgebracht, und sie war durch Selbstkritik – aber nicht durch Selbsthass – immer in der Lage zur Selbstkorrektur. Das war ihr Lebenselixier seit nunmehr 250 Jahren. In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch, USA!Andreas Rödder ist Professor für neueste Geschichte an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und Leiter der Denkfabrik Republik 21 für neue bürgerliche Politik.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel