Die Pax Americana ist vorbei. Europa hat nun drei OptionenDer Kontinent könnte gestärkt aus der Krise seiner Sicherheit hervorgehen. Dafür muss er sich aber die richtigen Fragen stellen.Ulrich Speck15.05.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenGeht es auch ohne die Nato? Diese Frage stellen sich momentan viele Europäer.Liesa Johannssen / ReutersFür fast drei Jahrzehnte war Verteidigung in Europa kein Thema mehr. Der Kalte Krieg war zu Ende. Amerikas Dominanz war unbestritten, und die ehemaligen Gegenmächte Russland und China schienen auf dem Weg zu sein, sich in die von der Pax Americana und der Globalisierung geprägte Ordnung des Westens zu integrieren. Übrig blieben, so schien es, nur kleine Kriege: internationale Polizeiaktionen, die in anarchischen Regionen Ordnung wiederherstellen und Terrorismus bekämpfen würden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Europa sah sich von Freunden umringt, die Transformation von ehemaligen Gegnern zu neuen Partnern prägte die Agenda. Überall wurden die Militärausgaben drastisch heruntergefahren und die Friedensdividende eingestrichen. Der ewige Friede, von dem schon Immanuel Kant geträumt hatte, war offenbar Wirklichkeit geworden. Europa schien sich gänzlich auf die Mehrung des Wohlstands konzentrieren zu können. Bis das böse Erwachen kam.Der Ukraine-SchockDer Schock des russischen Grossangriffs auf die Ukraine im Februar 2022 hat dieses Weltbild als Illusion enthüllt. Seither steht die Wiederaufrüstung weit oben auf der Agenda – jedenfalls in denjenigen Ländern, die sich vom imperial agierenden Russland bedroht fühlen.Der Angriff Russlands belebte die Muster des Kalten Krieges wieder, an die sich die Politiker in Ost und West deutlich erinnern. Für den damaligen US-Präsidenten Joe Biden, der die westliche Antwort auf den russischen Angriff zunächst orchestrierte, war die Endphase des Kalten Krieges die formative Erfahrung als junger Politiker. Für die Europäer war es eine grosse Erleichterung, dass Washington die führende und koordinierende Rolle übernahm. Wie früher konnten sich die Europäer mit ihren Beiträgen in die amerikanische Maschinerie einfügen.Doch diese komfortable Lage hielt nicht lange an. Mit Trump kam ein Präsident an die Macht, der im Gegensatz zu Biden keine gute Erinnerung an den Kalten Krieg hatte. Für Trump sind Alliierte vor allem Schmarotzer, welche die amerikanische Gutwilligkeit ausnutzen. Die Nato war schon während seiner ersten Amtszeit Gegenstand vieler rhetorischer Angriffe geworden.In seiner zweiten Amtszeit hat sich Trump jedoch immer wieder hinter die Nato gestellt und die Verbündeten für ihre Rüstungsanstrengungen gelobt, unter anderem im Vorwort zur «Strategie für die nationale Sicherheit» Amerikas. Zugleich hat sich Trump bemüht, den Krieg in der Ukraine zu beenden. Beides hat die Europäer insgesamt beruhigt – jedenfalls zunächst einmal und trotz den angespannten Handelsbeziehungen.Der Grönland-SchockDoch ein neuer Schock liess nicht lange auf sich warten. Trumps tägliche Kanonade mit irritierenden Posts auf Social Media hat die Nerven europäischer Politiker strapaziert. Als Trump dann im Januar dieses Jahres offenbar ernsthaft eine Annexion des zu Dänemark gehörigen Grönland erwog, riss vielerorts der Geduldsfaden. Das Bild eines Amerika, das im Ernstfall immer zu Europa stand und europäische Interessen mitdachte, bekam tiefe Risse. Aus Amerika als Schutzmacht wurde, für einen Moment zumindest, Amerika als Bedrohung.Seit Januar hat sich vor diesem Hintergrund die Debatte über Alternativen zur transatlantischen Sicherheitspartnerschaft und zur Nato intensiviert. Die von Frankreich vorangetriebene Idee einer «strategischen Autonomie» Europas hat an Konjunktur gewonnen. Zugleich macht sich auch gegenüber diesem Vorschlag Skepsis breit. Daraus ergibt sich ein dritter Entwurf. Die Idee einer Koalition von nordöstlichen Ländern, die der Expansion Russlands gemeinsam entgegentreten wollen.Somit rücken drei Optionen für die europäische Verteidigung in den Blick.Erneuerung der NatoDie Nato bleibt bei aller Unzufriedenheit auf beiden Seiten des Atlantiks die wichtigste Option. Sie kann auf eine Erfolgsgeschichte zurückblicken, die schon über siebzig Jahre andauert. Es war nicht die Europäische Union (beziehungsweise ihre Vorläufer), sondern die Nato, die in Westeuropa den Frieden gesichert hat, indem sie die Präsenz der Amerikaner in Westeuropa verankerte und die Sowjetunion auf Distanz hielt. Zugleich hat die Nato die Konkurrenz von europäischen Mittelmächten beendet, indem die Machtfrage durch die amerikanische Übermacht beendet wurde.Die grosse Frage ist, ob die Nato noch zeitgemäss ist oder als Relikt des Kalten Krieges nicht mehr in die heutige geopolitische Lage passt. Die Antwort darauf hängt davon ab, wie man die amerikanischen und die europäischen Interessen einschätzt – und die globale geopolitische Situation.Die Nato-Skeptiker verweisen darauf, dass die USA unter Trump immer weniger Interesse an der Nato zeigen würden. Jüngst hat Trump die Nato erneut als «Papiertiger» bezeichnet.Die Befürworter der Nato gehen davon aus, dass der Westen nach wie vor eine wichtige geopolitische Einheit darstellt. Und dafür gibt es gute Argumente. Russland und China rücken enger zusammen und gehen gemeinsam gegen den Westen vor, um ihre Macht zu erweitern. Der Westen darf sich davon nicht auseinanderdividieren lassen.Dabei ist klar, dass die Nato der Zukunft anders aussehen muss als die Nato der Vergangenheit. Der Pentagon-Stratege Elbridge Colby hat die Zielvision als «Nato 2.0» bezeichnet: Europa übernimmt den Grossteil der konventionellen Verteidigung, während die USA weiterhin mit gewissen Fähigkeiten unterstützen und vor allem bei der nuklearen Abschreckung eine wesentliche Rolle spielen.Strategische Autonomie EuropasDie Nato-Skeptiker – oft inspiriert vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron, der sich wiederum von seinem Amtsvorgänger Charles de Gaulle inspirieren lässt – gehen davon aus, dass das transatlantische Verteidigungsbündnis für die Zukunft nicht mehr trägt. Macron nennt oft die USA, Russland und China im gleichen Atemzug. Er sieht sie als aussenstehende Mächte, gegenüber denen sich ein souveränes Europa behaupten müsse. Stets betont er das Trennende, wenn er über Amerika redet.Mit der Grönland-Krise hat dieses Lager in der EU Zulauf bekommen. Ob jemand wirklich glaube, dass Amerika im Angriffsfall Europa zur Hilfe kommen würde, fragt die deutsche Verteidigungsexpertin Claudia Major in der «New York Times». Weil die Vereinigten Staaten gegen Europa agierten, sei Europa jetzt dabei, auszuarbeiten, wie eine Abschreckung und Verteidigung ohne die USA aussehen könnte.Zugleich hat eine Gruppe deutscher Verteidigungs- und Wirtschaftsexperten für das Kiel-Institut für Weltwirtschaft ein Paper vorgelegt, laut dem eine europäische Verteidigungsautonomie «technologisch möglich, finanziell tragfähig und politisch realisierbar» ist.Klar ist, dass dieses Projekt nicht von heute auf morgen umsetzbar ist. Ein «signifikanter» Fortschritt hin zu europäischer Souveränität könne innerhalb von 3 bis 5 Jahren erreicht werden, ein «hoher Grad» an Autonomie in 5 bis 10 Jahren, schreiben die Autoren der Kieler Studie.Das grosse Fragezeichen beim Ansatz der strategischen Autonomie ist jedoch weniger die technische Machbarkeit als vielmehr die Frage nach Führung und politischem Willen. Ein Europa, das geeint und stark genug wäre, Russland entschlossen entgegenzutreten, gibt es nicht. Oft kann sich der Europäische Rat nur auf einen Minimalkonsens einigen.Vor allem ist fraglich, ob die Westeuropäer im Falle eines Angriffs auf die Verbündeten in Ost- und Mitteleuropa tatsächlich gegen Russland in den Krieg zögen. Von Italien, Spanien oder Frankreich aus gesehen wirkt Russland weitaus weniger bedrohlich als von Finnland, Estland oder Polen aus.Nordöstliche KoalitionAus diesem Zweifel speist sich eine dritte Option, die sich als «nordöstliche Koalition» bezeichnen lässt. Sie umfasst im Kern die Anrainerländer der Ostsee: Polen, das Baltikum, Skandinavien, verstärkt durch die Mittelmächte Grossbritannien und Deutschland.Was diese Länder eint, ist die Wahrnehmung von Russland als Bedrohung. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine wird als Teil einer umfassenden imperialen russischen Expansionsstrategie gesehen, die sich gegen Ost- und Mitteleuropa wendet. Nicht zufällig sind es auch diese Länder, die das meiste zur Unterstützung der Ukraine beitragen. Je mehr die Ukraine Russland zurückwerfen und eindämmen kann, so die Logik, desto sicherer ist man selbst.Die nordöstliche Koalition ist nicht formalisiert, aber es gibt verschiedene Formate regionaler Zusammenarbeit. Etwa die Joint Expeditionary Force (JEF) oder die Nordic-Baltic Eight (NB8). Insgesamt ist in den letzten Jahren die Notwendigkeit, enger zusammenzurücken, in der Region deutlich geworden.Die Gruppe von Staaten bildet so etwas wie den Kern einer schlafenden Verteidigungsallianz: Länder, die sich im Fall eines Angriffs durch Russland auch ohne die Hilfe Amerikas und der Nato zur Wehr setzen würden. Die Frontstaaten, also Finnland, das Baltikum und Polen, könnten im Kriegsfall vermutlich auf die Unterstützung von Grossbritannien und Deutschland zählen, zumindest in Bezug auf die Lieferung von Waffen und Munition.Ergänzt wird diese Koalition durch Staaten weiter südlich. Dazu gehört vor allem die Ukraine, die sich seit Jahren erfolgreich gegen den russischen Eroberungsversuch zur Wehr setzt und darüber zu einer bedeutenden Militärmacht geworden ist.Hinzu kommen Rumänien und die Türkei als Anrainerstaaten des Schwarzen Meeres. Beide haben ein deutliches Interesse daran, die russische Expansion zu begrenzen. In den südmitteleuropäischen Ländern Tschechien, Slowakei und Ungarn ist die öffentliche Meinung in Bezug auf Russland weniger eindeutig als in den nordmitteleuropäischen Ländern. Aber auch von hier wäre im Ernstfall Unterstützung zu erwarten.Die unsichere Lage könnte den Westen stärkenDie Debatte über die Verteidigung Europas ist in Bewegung geraten. Alte Selbstverständlichkeiten werden infrage gestellt. Unklar ist, wie weit die herkömmlichen Institutionen der Nato und der EU als Solidargemeinschaften tragen.Worauf es am Ende ankommen wird, ist die Kombination aus Entschlossenheit, politischem Willen und den militärischen Fähigkeiten, die sich einzelne Staaten zulegen. Die Aufrüstung Polens wie auch Deutschlands ist damit von zentraler Bedeutung für die erfolgreiche Abschreckung Russlands.Der Angriff Russlands auf die Ukraine wie die Irritationen über Trump haben dabei den produktiven Effekt, Staaten an ihre eigenen Sicherheitsinteressen und ihre Eigenverantwortung zu erinnern. Auch wenn der Multilateralismus im neuen geopolitischen Zeitalter leidet, so könnte doch der Westen insgesamt gestärkt aus dieser Sicherheitskrise hervorgehen.8 KommentareMarc Anderson HeuteDie strategische Autonomie einzelner großer Staaten wie GB, F, D ist doch gar kein Problem für die NATO. Allerdings ist der Focus auf „Verteidigung“ zu einseitig, einer für alle und alle für einen verträgt sich nicht mit dem „dasistnichtunserkrieg“ gewisser vaterländischer Gesellen und das Schwarzmeer-Mediterrane Atlantik-Bündnis könnte ruhig auch etwas pazifischer ausfallen. Gerät will bewegt werden. Ukraine, Gaza, Libanon und Iran zeigen doch gerade, dass solche Konflikte lokal begrenzt bleiben.Hans-Günther Vieweg Heute3 EmpfehlungenWarum werden wichtige Fakten zur Historie des russischen Angriffskrieg auf die Ukraine einfach negiert?