GastkommentarHussein Aboubakr MansourDie Verteidigung der westlichen Zivilisation steht zur Debatte – aber wer verteidigt eigentlich was?Unter dem Druck von expansiv auftrumpfendem Autoritarismus, woker Unterminierung der Aufklärung und Masseneinwanderung von integrationsunwilligen Gruppen boomt die Rede vom «Untergang des Abendlandes». Allerdings prallen gegensätzliche Ideen aufeinander.13.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDer Brand der Kathedrale Notre-Dame 2019 in Paris wurde weitum als Fanal des Niedergangs gelesen.Veronique de Viguerie / GettyVor einem Jahrzehnt war das Wort von der Verteidigung der westlichen Zivilisation in gebildeten Kreisen noch verpönt. Es zeugte von einer Einstellung, die ein nachdenklicher Mensch vielleicht vertreten konnte, aber halböffentlich oder gar öffentlich nie äussern würde – einer Haltung, die auf konservative Zeitschriften, auf katholische Zirkel sowie auf eine schwindende Zahl von Liebhabern des Literaturkanons beschränkt war, die sich noch daran erinnerten, wie der höhere Lehrplan aussah, bevor er dekonstruiert wurde.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In den USA hat sich dies geändert. Der anhaltende Angriff auf die Geisteswissenschaften von innerhalb der Universitäten, der unter Schlagworten wie Critical Race Theory, Dekolonialisierung, Intersektionalität geführt wird (sprich: der gesamte Apparat, den seine Gegner als «Wokeness» zu bezeichnen gelernt haben), hat eine Gegenbewegung hervorgebracht, die sich mittlerweile weit über die konservativen Kreise hinaus erstreckt, wo diese Besorgnis üblicherweise zum Ausdruck kam.Neue DringlichkeitDer Aufstieg Chinas als Konkurrent, der nicht die Absicht hat, westliche politische Normen zu übernehmen; die massive Einwanderung islamistischer Kreise, deren einzige Identität die Ablehnung der westlichen Kultur ist; die (freudige oder schmerzliche) Erkenntnis, dass die liberale internationale Ordnung der Nachkriegszeit von innen her zusammenbricht – all dies hat die Frage nach der westlichen Zivilisation mit einer Dringlichkeit, die sie seit den Anfängen des Kalten Krieges nicht mehr besessen hat, zurück in den Mittelpunkt der öffentlichen Debatte gerückt. Die Sorge hat eine Flut von Büchern, Manifesten und Initiativen hervorgebracht, die sich der Verteidigung der westlichen Werte, ihrer Neubestimmung oder ihrer Beisetzung widmen.Jeder unterstellt dem anderen, eine verkürzte Version des Ganzen zu verteidigen, und jeder hat auf seine Art recht.Doch die Verteidigung beginnt von einem inneren Widerspruch zerrissen zu werden. Dieser könnte sich innerhalb der Koalition zur Verteidigung des Westens zu einem weiteren Kulturkrieg, diesmal zwischen religiös-kulturellen Konservativen und aufklärerischen Liberalen, entwickeln.Auf der einen Seite stehen die Konservativen, die religiösen Traditionalisten, die Naturrechtstheoretiker, katholische, jüdische und protestantische Intellektuelle sowie eine wachsende Zahl säkularer Denker, die über kulturelle statt fromme Wege zu religiöser Überzeugung gelangt sind und für welche die westliche Zivilisation im Grunde die Zivilisation der Bibel und Athens ist.Sie berufen sich auf die erhabene Tradition moralischer und metaphysischer Reflexion, die von der Genesis und Homer über Augustinus und Thomas von Aquin bis zur Gründung Amerikas reicht. Ihnen scheinen die Aufklärung, die wissenschaftliche Revolution und die politischen Errungenschaften der Moderne nur als Früchte dieser Tradition begreifbar. Deren Errungenschaften können nicht aufrechterhalten werden, sobald sie von der Wurzel, die sie hervorgebracht hat, abgeschnitten sind.Für diese Verteidiger ist die Krise des Westens im Grunde eine geistig-seelische Krise, eine Folge der Abkehr von den theologischen und philosophischen Grundlagen, auf denen das gesamte abendländische Gebäude errichtet wurde. Die Remedur liegt für sie in einer Rückbesinnung auf die tiefsten Ressourcen der Tradition.Auf der anderen Seite stehen die Liberalen – die Erben der Aufklärung, die sich betrogen fühlen von der Revolution, welche die Akademie erfasst hat. Es sind dies Denker wie Steven Pinker, Sam Harris, Francis Fukuyama und das breitere Lager der klassischen, antiwoken Liberalen, die bestürzt zusehen mussten, wie sich die Institutionen, die sie aufgebaut hatten, gegen die Prinzipien der freien Forschung, des offenen Diskurses und des rationalen Arguments wandten. Infrage steht für sie damit der Kern des Westens.Die Frage nach der Art der KriseFür diese Verteidiger ist die westliche Zivilisation im Grunde die Zivilisation der Aufklärung – die Tradition der kritischen Vernunft, der empirischen Wissenschaft, der individuellen Freiheit und der institutionellen Selbstkorrektur. Sie entstand im 17. und 18. Jahrhundert, und ihre massgebliche Errungenschaft besteht in der Befreiung des menschlichen Geistes von der Autorität der Tradition, der Heiligen Schrift und der kirchlichen Macht. Das religiöse Erbe ist für sie nicht die Wurzel, aus der alles hervorging, sondern jene Finsternis, gegen die sich die Aufklärung erst durchsetzen musste. Die Religion war historisch wichtig und vielleicht sogar unerlässlich, aber nicht das Ding an sich und gewiss nichts, zu dessen Dogma man zurückkehren sollte.Für diese Verteidiger ist die Krise des Westens eine Krise der Nerven und eine Krise der Institutionen, die darin versagen, die Standards der Aufklärung aufrechtzuerhalten – gegen die woke Linke, welche die Vernunft zugunsten der Identität aufgegeben hat, aber auch gegen die religiöse Rechte, die eine Form von Autorität durch eine andere ersetzen möchte. Für sie trachten die bibelbegeisterten Konservativen nur danach, das Gefängnis des religiösen Dogmatismus neu zu errichten.Die beiden Lager kooperieren gelegentlich, aber ihre Vorstellungen davon, was sie verteidigen, sind nicht nur unterschiedlich, sondern grundlegend unvereinbar. Dies wird an dem Punkt offensichtlich, an dem man vom Widerstand zur Bejahung übergehen muss, von dem, wogegen man ist, zu dem, was man befürwortet.Der Konservative kann keine Definition der westlichen Zivilisation akzeptieren, die ihre theologischen Grundlagen als überholtes Gerüst behandelt. Der Liberale wiederum kann keine Definition akzeptieren, welche die Bibel als ernstzunehmendes Buch behandelt. Jeder unterstellt dem anderen, eine verkürzte Version des Ganzen zu verteidigen, und jeder hat auf seine Art recht.Der Liberale, der die westliche Zivilisation als die Errungenschaft der Aufklärung definiert, als kritische Vernunft, befreit von Schrift und Tradition, versteht nicht, woran er zu glauben oder was er zu verteidigen vorgibt. Die Konzepte, die er preist – individuelle Würde, historischer Fortschritt, rationale Welterkenntnis, die Souveränität des Gewissens –, entspringen nicht der universellen Vernunft selber. Es handelt sich um säkularisierte theologische Grundsätze, Ableitungen aus der Bibel, deren moralische Grammatik die Sprache der Aufklärung weiterhin bestimmt, auch wenn das Original in Vergessenheit geraten ist.Den Konservativen wiederum, welche die westliche Zivilisation aus der jüdisch-christlichen Tradition und dem klassischen Erbe der Antike herleiten, entgeht etwas genauso Wesentliches: dass die «westliche Zivilisation» selbst ein postchristliches Konzept ist. Man kann die westliche Zivilisation nicht in ihre voraufklärerische Ganzheit zurückversetzen, weil es vor der Aufklärung keine «westliche Zivilisation» gab.Beide Lager sind darüber hinaus konstitutiv historistisch, ohne dessen gewahr zu sein. Beide leben von der intensiven Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Geschichte – ihrer Entstehung, ihrer Niederschrift, ihrer Rezeption –, und jedes der Lager kann sich nur herleiten durch den Rückgriff auf eine selbstverfasste Erzählung von Erbe und Bruch, Errungenschaft und Niedergang.Unvermeidliche SpannungDie «westliche Zivilisation» ist grossartig, man betrachte nur, was sie hervorgebracht hat – Dante, Newton, die Demokratie und die Abschaffung der Sklaverei. Die «Moderne» ist die Epoche, in der wir leben, auf der Basis der Brüche, die sie hervorgebracht hat – die wissenschaftliche Revolution, die Aufklärung, die Französische Revolution.Beide Seiten begründen sich selbst durch die historische Erzählung, was bedeutet, dass keine von ihnen eine Grundlage ausserhalb der Geschichte besitzt, die sie über sich selbst erzählt, und dieser gemeinsame Zustand narrativer Selbstabhängigkeit ist kein Zufall oder ein Versagen philosophischer Strenge, sondern die Struktur der postchristlichen Situation selbst. Eine Kultur, die ihr Selbstverständnis einst auf Gott gründete, muss sich nun auf Geschichte berufen.Die Schlussfolgerung lautet, dass die westliche Zivilisation, sofern wir überhaupt wollen, dass sie fortdauert, wesentlich aus dieser Spannung besteht – der unvermeidlichen konstitutiven Spannung zwischen dem biblisch-theologischen Erbe und der aufklärerischen Auflehnung dagegen; zwischen der Tradition, welche die tiefsten moralischen und metaphysischen Verpflichtungen der Zivilisation schuf, und der Kritik, welche diese Verpflichtungen in eine säkulare Sprache übersetzte, und dies so erfolgreich, dass das Bewusstsein für deren Wurzeln verlorenging.Der Liberale, der das Christentum hasst und fürchtet, ist in der westlichen Zivilisation kein Aussenseiter, sondern eines ihrer charakteristischen Spätprodukte: ein Mensch, geformt von dem, was er ablehnt, abhängig von einem moralischen Erbe, das er nicht erklären kann, und somit unfähig, das in Gänze zu begreifen, was er zu verteidigen vorgibt.Der Konservative, der den Verlust der theologischen Grundlagen beklagt, hat recht darin, dass dieser Verlust real und die Folgen schwerwiegend sind. Aber er irrt, wenn er glaubt, die Rettung sei eine einfache Wiederherstellung, denn das, was er wiederherzustellen sucht, ist durch jene Ablehnung entstanden, die er rückgängig machen will.Die Spannung zwischen den beiden Arten der Weltbetrachtung in irgendeine Richtung aufzulösen, bedeutet, das zu zerstören, was man zu verteidigen vorgibt.Hussein Aboubakr Mansour ist Research Fellow am Institute for the Study of Global Antisemitism and Policy (ISGAP) in New York. Auf Substack führt er den Blog «The Abrahamic Metacritique». – Aus dem Englischen von A. Bn.Passend zum Artikel
Zukunft des Westens: Die Verteidigung der abendländischen Zivilisation ist zurück
Unter dem Druck von expansiv auftrumpfendem Autoritarismus, woker Unterminierung der Aufklärung und Masseneinwanderung von integrationsunwilligen Gruppen boomt die Rede vom «Untergang des Abendlandes». Allerdings prallen gegensätzliche Ideen aufeinander.







