PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungGlobale MachtverschiebungDas Ende unseres WohlstandsVeröffentlicht am 17.12.2025Lesedauer: 5 MinutenWELT-Autor Constantin SchreiberQuelle: Sebastian FuchsEuropa verliert Wohlstand und globalen Einfluss. Schlimmstenfalls hat Deutschland nicht mehr die Wahl zwischen radikalem Wandel und schleichendem Verfall – sondern zwischen kontrolliertem Rückbau und unkontrolliertem Abstieg.Es gibt historische Phasen, bei denen sich eine Gesellschaft im Nachhinein fragt, wann sie genau begannen. Wann das Alte aufhörte zu funktionieren. Wann das Neue unübersehbar wurde. Denn meistens bemerkt man eine solche Phase erst, wenn es zu spät ist.Deutschland und Europa stecken heute in genau einer solchen historischen Phase – und doch weigern wir uns beharrlich, sie als das zu erkennen, was sie ist: eine tief greifende, strukturelle Zeitenwende, weit über die politischen Schlagworte hinaus, die seit 2022 inflationär benutzt werden. Nicht der Ukraine-Krieg allein, nicht die Energiepreise, nicht die eine Krise, die gerade die Nachrichten dominiert, markieren das neue Zeitalter. Die eigentliche Zeitenwende besteht darin, dass unser Wohlstandsmodell, unser Selbstverständnis als gestaltender Kontinent und unsere politische Handlungsfähigkeit sichtbar erodieren – sich gleichzeitig verstärkend, womöglich unumkehrbar.Lesen Sie auchDie finanzielle Überforderung von Bund und Ländern ist dabei kein isolierter Fehlstand, sondern ein Symptom einer grundlegenden Schieflage. Jahrzehntelang hat Deutschland sich als Musterknabe der Haushaltsdisziplin inszeniert. Schwarze Null, Exportüberschüsse, solider Sozialstaat – all das schien ein harmonisches Gesamtpaket. Doch dieser Wohlstand war nicht nur Ergebnis wirtschaftlicher Stärke, sondern auch einer historisch einmaligen globalen Konstellation: billige Energie aus Russland, offene Märkte, verlässliche Weltordnung, demografische Stabilität und vor allem ein internationaler Wettbewerb, der Europa gewissermaßen in Ruhe ließ. Heute ist jede dieser Voraussetzungen verschwunden. Die Haushalte ächzen unter steigenden Sozial- und Infrastrukturkosten, während Einnahmen stagnieren und gleichzeitig die Zinslast wieder steigt. Der Staat soll gleichzeitig die digitale Infrastruktur modernisieren, die Wirtschaft klimakompatibel umbauen, Sicherheitspolitik neu definieren, Industrie fördern, Migration managen, Bildung retten und die Folgen eines alternden Landes abfedern. Die Wahrheit ist: Er schafft es nicht. Und er kann weniger, als wir ehrlich eingestehen. Der Konflikt zwischen Anspruch und Wirklichkeit wird absehbar größer, nicht kleiner.Parallel dazu zeigt die deutsche Wirtschaft Symptome einer strukturellen Ermüdung. Seit Jahren stagniert die Produktivität, Investitionen wandern ab, Schlüsselindustrien verlieren Marktanteile. Die Energiepreise bleiben im internationalen Vergleich hoch, der Arbeitsmarkt ist überaltert, Innovationszyklen sind zu langsam, Bürokratie überwuchert jeden Fortschritt. Deutschland erlebt einen strukturellen Abstieg in der globalen Wertschöpfungskette.China, Indien und der Nahe OstenBesonders sichtbar wird diese Verschiebung beim Blick auf China, Indien oder die aufstrebenden Staaten im Nahen Osten. Während Europa in Debatten über Gesetze, Genehmigungen und Zuständigkeiten erstickt, entstehen dort Industriekomplexe, digitale Infrastrukturen, Mega-Städte, Energieprojekte und Forschungsstandorte innerhalb weniger Jahre. China und Indien werden bald jene Größenordnung erreichen, die dem Westen jahrhundertelang ein Gefühl der ökonomischen Unbesiegbarkeit verlieh: demografische Masse, technologisches Selbstbewusstsein, wirtschaftliche Tiefe. Europa verliert im selben Moment Wohlstand und globalen Einfluss. Das geschieht schleichend, aber eindeutig. Wohlstand sinkt nicht nur, weil Preise steigen oder die Wirtschaft schwächelt. Wohlstand sinkt, wenn ein Land weniger gestalten kann. Wenn technische Standards nicht mehr aus Europa kommen. Wenn diplomatische Initiativen verpuffen. Wenn internationale Partner Europa zwar respektieren, aber nicht mehr für unverzichtbar halten. Wenn man zwar gerade noch eingeladen wird, aber nicht mehr die Agenda setzt.Genau darin liegt der Kern der echten Zeitenwende: Es ist eine Verschiebung der globalen Machtmatrix, die gleichzeitig Europas innenpolitische Stabilität, ökonomische Basis und politische Handlungskraft unter Druck setzt. Lesen Sie auchJe länger diese Phase nun schon andauert, je mehr man das Handeln der Politik verfolgt, umso häufiger beschleicht einen eine düstere Frage: Was, wenn der Zug längst abgefahren ist? Was, wenn wir uns in einem historischen Moment befinden, in dem die entscheidenden Weichenstellungen bereits anderswo vorgenommen wurden – und Europa und Deutschland nur noch reagieren, statt selbst zu bestimmen? Die Vorstellung, dass wir das Ruder jederzeit herumreißen könnten, ist ein Mythos, vielleicht ein gefährlicher. Denn wer davon ausgeht, jederzeit die Kontrolle zurückgewinnen zu können, unterschätzt die Tiefe des Wandels. Wenn die Dynamik der Weltwirtschaft sich fundamental verlagert hat, wenn Industrien abgewandert und Arbeitsmärkte gealtert sind, wenn geopolitische Machtzentren sich verschoben haben, dann reicht kein Reformpaket mehr aus. Dann bewegt sich die Welt weiter, während Europa versucht, zu reparieren, was nicht mehr reparabel ist. Vielleicht ist die wahre Katastrophe nicht der Kontrollverlust selbst, sondern dass wir ihn erst bemerken, wenn er unumkehrbar geworden ist. Es könnte sein, dass wir uns bereits in einer Phase befinden, in der Deutschland nicht mehr die Wahl hat zwischen radikalem Wandel und schleichendem Verfall – sondern zwischen kontrolliertem Rückbau und unkontrolliertem Abstieg. Lesen Sie auchDas ist ein Perspektivwechsel, der schmerzt. Er konfrontiert uns mit der Möglichkeit, dass diese Zeitenwende keine Phase, sondern ein Endpunkt ist – das Ende einer historischen Epoche westlicher Dominanz. Und vielleicht ist der bitterste Gedanke: Dass wir uns zu lange mit Selbstbeschäftigung, kleinteiliger Politik und moralischer Überhöhung aufgehalten haben, während andere schlicht handelten. Dass unsere Zukunft nicht deswegen schrumpft, weil wir zu wenig gewollt, sondern weil wir zu spät verstanden haben, wie schnell die Welt geworden ist.Für uns bedeutet das eine neue Realität: weniger Verlass auf staatliche Leistungen, mehr Unsicherheit im Alltag, mehr Eigenverantwortung, ob man will oder nicht. Für den Einzelnen heißt das, sich robuster aufzustellen – finanziell, beruflich, sozial. Sparen, auch wenn es schwerfällt. Netzwerke pflegen, statt sich auf Institutionen zu verlassen. Die kommende Phase wird weniger von staatlicher Fürsorge geprägt sein, dafür stärker von individueller Anpassungsfähigkeit. Die Frage ist, ob wir bereit sind, Verantwortung zu schultern, die wir jahrzehntelang abgegeben haben.Über dieses Thema spricht Constantin Schreiber auch in der neuesten Folge seines Podcasts.
Globale Machtverschiebung: Das Ende unseres Wohlstandsmodells - WELT
Europa verliert Wohlstand und globalen Einfluss. Schlimmstenfalls hat Deutschland nicht mehr die Wahl zwischen radikalem Wandel und schleichendem Verfall – sondern zwischen kontrolliertem Rückbau und unkontrolliertem Abstieg.






