GastkommentarMark LeonardDas Elend mit der Westalgie – in Europa hat sich ein neues Übel breitgemacht; es muss überwunden werdenUm die Nato am Leben zu erhalten, gehen westeuropäische Politiker so weit, sich vor dem unberechenbaren US-Präsidenten zu demütigen. Das Festklammern an den versunkenen Realitäten der DDR nannte man Ostalgie, hier aber ist «Westalgie» am Werk. Hilfreich ist sie nicht.31.07.2026, 05.27 Uhr5 LeseminutenEine Hand drückt die andere: Mark Rutte und Donald Trump am Nato-Gipfel in Ankara, 8. Juli 2026.Stoyan Nenov / ReutersAls der US-Präsident Donald Trump den Nato-Gipfel in der türkischen Hauptstadt Ankara verliess, atmeten die europäischen Führungsspitzen erleichtert auf. Trotz manchen unerfreulichen Momenten, als Trump etwa seinen Wunsch nach einer Übernahme Grönlands bekräftigte und unsinnigerweise einen Stopp des gesamten amerikanischen Handels mit Spanien forderte, verlief das Treffen ohne die befürchtete Katastrophe.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Vor allem kündigte Trump weder einen grösseren Truppenabzug aus Europa noch Schritte in Richtung Austritt aus dem Bündnis an. Für den ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski fand er sogar lobende Worte und versprach, der Ukraine eine Lizenz zur Herstellung von Patriot-Flugabwehrraketen im eigenen Land zu erteilen. Am Ende sprach Trump gar davon, dass «Liebe» in der Luft liege.Aus dem Hut gezaubertDoch abgesehen von der Optik war der Gipfel ein absurdes Unterfangen. Die führenden Vertreter der Nato schwelgten in ihren Versprechen, die Verteidigungsausgaben auf 5 Prozent zu erhöhen, obwohl jeder weiss, dass diese willkürliche Zahl ohne eingehendere Diskussionen über tatsächliche militärische Fähigkeiten nichts bedeutet. Sie wurde im vergangenen Jahr einfach aus dem Hut gezaubert, um Trump zu besänftigen. In den Monaten vor dem Gipfel hatten dieselben führenden Vertreter befürchtet, Trump werde den Austritt der USA aus dem Bündnis verkünden oder deren Präsenz in Europa drastisch reduzieren, wodurch der Kontinent dann Wladimir Putins Russland ausgeliefert wäre.Wenn es einen Mann gibt, der Rutte vermutlich weniger respektiert als Rutte sich selbst, dann ist es Trump.Aus diesem Grund hat die Nato-Führungsspitze auch so viel Energie darauf verwendet, einen Gipfel vorzubereiten, der keinerlei unvorhergesehene Momente zulassen würde. Die Befürchtungen, der unberechenbare US-Präsident könnte die Gelegenheit nutzen, um das Bündnis zu schwächen, waren greifbar. Als es dann losging, überboten laut Berichten die europäischen Staats- und Regierungschefs einander darin, Lobeshymnen auf Trump zu singen, wobei der Nato-Generalsekretär Mark Rutte die Speerspitze der Unterwürfigkeit bildete.Einige Kommentatoren meinen, dass die Rettung der Nato und der Erhalt des westlichen Bündnisses diese Selbsterniedrigung rechtfertigten. Doch mit ihrer Unterwürfigkeit gegenüber Trump und dem nostalgischen Blick zurück auf die guten alten Zeiten der transatlantischen Beziehungen riskieren Europas Staats- und Regierungschefs mehr als nur ihre Würde.Man denke an die Ära nach dem Fall der Berliner Mauer. Nach der anfänglichen Euphorie wanderten viele Menschen aus Teilen der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (sprich aus Ostdeutschland) ab, obwohl die Immobilienpreise durch den Zuzug wohlhabenderer Westdeutscher stiegen. Das Ergebnis war eine Welle der Nostalgie in Bezug auf eine verlorene Welt, die in Filmen wie «Good Bye, Lenin!» zum Ausdruck kam.Drei SchlüsselmerkmaleDer zur Beschreibung dieses Gefühls geprägte Begriff heisst Ostalgie («Ost-Nostalgie»), und er prägt die deutsche Politik und Kultur nun schon seit fast vierzig Jahren. Obwohl viele ostdeutsche Schriftsteller diese Sentimentalität als Verharmlosung der jahrzehntelangen Unterdrückung in Ostdeutschland kritisiert haben, sehen manche darin den Schlüssel zum Verständnis dessen, was den östlichen Regionen Deutschlands heute zu schaffen macht. Dort trifft man auf die weitverbreitete Weigerung, die Veränderungen in der Welt zur Kenntnis zu nehmen, auf eine Neigung zur Trittbrettfahrerei und – gelegentlich – auf die Tendenz, sich lächerlich zu machen, etwa wenn Ostdeutsche russische Standpunkte zur Ukraine nachplappern.Ironischerweise besteht das Problem Europas heute nicht nur darin, dass die Ostalgie Ostdeutschland gebremst hat, sondern auch darin, dass sich ein neues Übel, die «Westalgie», breitgemacht hat. In Ankara zeigte sich dies in aller Deutlichkeit.Die Westalgie weist mehrere Schlüsselmerkmale auf. Zunächst ist da die Weigerung, zu akzeptieren, dass sich die Welt weiterentwickelt hat. Indem man so tut, als seien die Sicherheitsgarantien der USA heute genauso unumstösslich wie unter den Regierungen von Ronald Reagan und George H. W. Bush, und indem man weiterhin amerikanische Waffen kauft, hofft man, das Rad der Zeit zurückzudrehen. Eine bessere Strategie wäre es jedoch, einzusehen, dass sich die Vereinigten Staaten grundlegend verändert haben. Selbst wenn im Januar 2029 ein Demokrat ins Weisse Haus einziehen sollte, wird sich der Rückzug Amerikas fortsetzen.Wer die Zeit zurückdrehen will, betrachtet die Vergangenheit naturgemäss durch eine rosarote Brille, auch wenn bestimmte Elemente der Ordnung nach dem Kalten Krieg für Europa suboptimal waren. Insbesondere Europas extreme Abhängigkeit von amerikanischer Macht hatte eindeutig infantilisierende Wirkung. Selbst im Spannungsfeld zwischen einem aggressiven Russland, den unberechenbaren USA und einem repressiven China neigen die Europäer nach wie vor dazu, ihre eigene Macht und ihren Einfluss zu unterschätzen und herunterzuspielen.Das zweite Merkmal der Westalgie ist die Neigung zur Trittbrettfahrerei. So wie sich die Ostdeutschen an die nach der Wiedervereinigung nach Osten fliessenden Transferzahlungen und Subventionen (den berüchtigten Solidaritätszuschlag) gewöhnt hatten, haben es auch die Europäer zu lieben gelernt, dass Amerika ihre Sicherheit finanziert. Aus diesem Grund hat man in Europa zu wenig investiert, nicht nur in die Verteidigung, sondern auch in die industrielle Basis, in technologische Souveränität und Energieunabhängigkeit.Nicht mehr ernst genommenAnstatt sich darüber zu beschweren, dass die amerikanischen Bürger keine Verantwortung mehr für die Verteidigung Europas übernehmen wollen, und anstatt Milliarden Dollar auszugeben, um Trumps Eitelkeit zu befriedigen, täten die Europäer besser daran, ernsthaft darüber zu diskutieren, wie sie notfalls einen hochintensiven Konflikt aus eigener Kraft bewältigen könnten. Anstatt einen willkürlichen Anteil ihres BIP für Verteidigung auszugeben, sollten sie ihre Kapazitätslücken kritisch bewerten und ihre Ausgaben an ihren Bedarf anpassen. Die Kassen sind überall knapp, aber die Rechtfertigung für Rüstungsausgaben fällt leichter, wenn sie weniger darauf ausgerichtet erscheinen, Trump zu schmeicheln.Drittens verbergen die Europäer ihre Unterwürfigkeit gegenüber dem amerikanischen Präsidenten oft nicht besonders erfolgreich, und das verhindert, dass sie ernst genommen werden – sei es von Trump, von Putin oder von Xi Jinping. Wenn es einen Mann gibt, der Rutte vermutlich weniger respektiert als Rutte sich selbst, dann ist es Trump. Europa wird sich erst dann den Respekt der Welt verschaffen, wenn es für sich selbst einsteht.Während Ostalgie ein von unten nach oben gerichtetes Phänomen war, wird Westalgie von den Eliten vorangetrieben. Natürlich gilt es für die europäische Politik, die Ängste ihrer verunsicherten Wählerschaft zu zerstreuen. Doch wenn man im 21. Jahrhundert erfolgreich sein will, muss man aufhören, der Nostalgie zu frönen, und anfangen, einen Blick in die Zukunft zu werfen.Mark Leonard ist Direktor des European Council on Foreign Relations. Zuletzt erschien von ihm das Buch «Surviving Chaos: Geopolitics When the Rules Fail» (Polity Press, 2026). – Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier. – Copyright Project Syndicate, 2026.Passend zum Artikel
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Um die Nato am Leben zu erhalten, gehen westeuropäische Politiker so weit, sich vor dem unberechenbaren US-Präsidenten zu demütigen. Das Festklammern an den versunkenen Realitäten der DDR nannte man Ostalgie, hier aber ist «Westalgie» am Werk. Hilfreich ist sie nicht.







