Der andere BlickDer Westen will moralisch sein: Dann darf er das iranische Volk nicht im Stich lassenDer Westen erhebt den Anspruch, keine blosse Realpolitik zu betreiben. Es geht auch darum, das Richtige zu tun. Das iranische Regime ist unbeliebt, und es steht am Abgrund. Rechtfertigt das den Krieg?15.05.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDie Iraner leiden unter der Diktatur, die der Gründer des iranischen Gottesstaates Ayatollah Ruhollah Khomeini (links) errichtet hat. Dessen Nachfolger Ayatollah Ali Khamenei (Mitte) führte den Kurs des Regimes fort. Sein Sohn Mojtaba Khamenei (rechts) hält ebenfalls daran fest.Tauseef Mustafa / AFPSehr viele Menschen in den USA und erst recht in Europa möchten Trump scheitern sehen. Sie können sich nicht vorstellen, dass er etwas richtig macht oder dass es zu früh ist, um seine Taten abschliessend zu beurteilen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Als politische Haltung ist das völlig legitim. Als analytische Kategorie ist es eher armselig. Ein Paradebeispiel hierfür ist der Iran-Krieg.Trotz der militärischen Übermacht der USA und Israels hat Teheran nach acht Wochen noch nicht klein beigegeben. Dies gilt bereits als Beweis für die Niederlage des US-Präsidenten.Die letztgültige Formulierung für diese Ansicht hat der deutsche Kanzler gefunden. Merz trompetete, Iran habe die amerikanische Nation «gedemütigt». Die iranische Diktatur hat gewonnen, die amerikanische Demokratie verloren. Ende der Durchsage.Wer in dem Nervenkrieg gewinnt, ist noch nicht ausgemachtDabei stand das islamistische Regime in dem halben Jahrhundert seiner Existenz noch nie so nah am Abgrund. Selbst in dem Verteidigungskrieg gegen Saddam Hussein in den achtziger Jahren, als sich die irakische Armee nur unter grössten Opfern stoppen liess, war der innere Zusammenhalt des Landes gefestigter als heute.Damals nährte noch die Hoffnung, die Revolution schaffe ein besseres Iran, den Patriotismus. Heute hat das Volk sämtliche Illusionen verloren.Nie ist ein Ancien Régime gefährdeter, als wenn es den hungernden Massen verkünden muss, sie sollten einfach Kuchen essen. Die wirtschaftliche Lage in Iran ist katastrophal. Vor dem Krieg kostete ein Dollar 800 000 Rial. Heute sind es 1,8 Millionen.Die Inflation liegt noch einmal höher als zu Jahresbeginn. Im Januar provozierte die verbreitete Unzufriedenheit mit der Regierung die schwersten Unruhen seit der Vertreibung des Schahs 1979. Um der Proteste Herr zu werden, soll das Regime bis zu 30 000 Personen massakriert haben. Dieses Volk ausgerechnet dann im Stich zu lassen, wenn das Regime wankt, ist mehr als nur ein bisschen kaltherzig.Die Regierung in Teheran muss inzwischen Lebensmittelimporte in ruinöser Weise subventionieren, andere Importgüter sind selbst für die Oberschicht kaum mehr erschwinglich. Die Kriegsschäden und die amerikanische Seeblockade setzen der Wirtschaft schwer zu.Die Arbeitslosigkeit ist nach oben geschnellt, die Ausfuhren sind zusammengebrochen. Das gilt für petrochemische Produkte, in erster Linie aber für Rohöl, das wichtigste Exportgut. Wenn Trump behauptet, Iran verliere durch die Seeblockade jeden Tag 500 Millionen Dollar an Erlösen, dürfte er entgegen seinem Naturell kaum übertreiben.Vor allem gerät die Ölförderung insgesamt in Gefahr. Seit die Strasse von Hormuz komplett gesperrt ist, muss das Rohöl auf Tankern und an Land zwischengelagert werden. Sind die Speicher voll, bleibt nichts anderes übrig, als die Ölquellen zu versiegeln. Dieser Schritt lässt sich aber nur sehr schwer rückgängig machen. Hier tickt eine Zeitbombe.Auf diese Weise könnte Iran Förderkapazitäten für 300 000 bis 500 000 Barrel pro Tag dauerhaft verlieren und damit 9 bis 15 Milliarden Dollar an jährlichen Einnahmen. Ein durch Sanktionen und jahrelange Kriegswirtschaft ohnehin geschwächtes Land kann solche Verluste kaum kompensieren.Westliche Auguren stützen ihre These der amerikanischen Demütigung mit der Beobachtung, dass Teheran es geschafft habe, den Konflikt von der militärischen auf die politische Ebene zu verlagern. Das stimmt, trifft Iran aber nicht minder.Beide Seiten besitzen in dem Nervenkrieg ein Unterpfand. Trump hofft, Teheran in den wirtschaftlichen Ruin treiben zu können. Teheran glaubt, der Frust an den Tankstellen und die Zwischenwahlen im November würden Trump zum Einlenken zwingen.Das Duell reduziert sich vordergründig auf die banale Frage, wer länger durchhält. Es ist möglich, dass der Präsident einknickt gemäss dem ersten Lehrsatz der Trumpologie: «Trump always chickens out.» Das wäre tatsächlich eine Demütigung. Vielleicht bleibt er aber hart, weil er die Wahlen verloren gibt oder seinen Nachruhm im Blick hat.Muss Iran jedoch substanzielle Konzessionen machen, würde Trump etwas gelingen, woran alle seine Vorgänger seit Carter gescheitert sind. Und das zu dem vergleichsweise niedrigen Preis einer moderat steigenden Inflation und eines gewissen Verdrusses an den Zapfsäulen. Es wäre kein schlechter Deal.Angesichts der wirtschaftlichen Notlage ist der Einsatz der iranischen Revolutionäre ungleich höher. Jeden Erfolg erkaufen sie mit dem Leid des eigenen Volkes.Es ist die bewährte Taktik aller Islamisten. Skrupellos opfern sie die Wohlfahrt ihrer Untertanen dem Endsieg. Das ist in Iran nicht anders als in Gaza, wo die Hamas den massenhaften Tod von Zivilisten bewusst einkalkuliert für ihre Propaganda.Iran ist noch nicht auf diese unterste Stufe menschlicher Existenz herabgesunken. Es besitzt eine hochstehende Zivilisation, wie selbst Trump zähneknirschend anerkennen musste, als er deren Auslöschung androhte. Teheran ist eine moderne Grossstadt und Isfahan ein Kleinod der Weltkultur. Das Regime muss bei aller Brutalität noch einen Rest an Rücksichten nehmen. Die Unruhen der letzten Jahre belegen eindrucksvoll den Widerstandsgeist im Volk. Verdient er keine Unterstützung?Russland zeigt, dass Autokratien gefährlich sindZugleich ist die Führung nicht so monolithisch, wie sie der Aussenwelt weismachen will. Die Revolutionswächter haben alle Macht an sich gerissen und die zivilen Kräfte marginalisiert. Es gibt also Verlierer, die auf Revanche sinnen. Die Herrschaft der Mullahs mutiert zur gemeinen Militärjunta.Iran ist zwar seit einem halben Jahrhundert ein eigentümlicher Zwitter: halb Theokratie, halb säkularer Staat. Doch berief sich die Schöpfung Ayatollah Khomeinys stets auf ihre religiöse Legitimation. Diese verkommt jetzt vollends zur Fassade mit einem gespensterhaft abwesenden Geistlichen als Aushängeschild, dessen einzige Qualifikation darin besteht, Sohn zu sein. Das berührt die Wurzeln der islamistischen Revolution unmittelbar.Für Trump geht es nur um die Zwischenwahlen, nicht einmal mehr um seine eigene Wiederwahl. Für die Revolutionäre geht es um alles.Ob die Diktatur fällt, bleibt ungewiss. Bedenkt man ihr ruchloses Geschick in der Unterdrückung von Protesten, ist sie im Vorteil. Doch noch nie war das Regime so angeschlagen. Präsident Obama bereute es Jahre später, dass er die iranische Demokratiebewegung nicht unterstützt und sich auf die Diplomatie konzentriert hatte.Trump schlug einen anderen Weg ein. Noch ist es zu früh, darüber ein Urteil zu fällen. Aber beschwichtigen und wegsehen, diese gängige Methode im Umgang mit einer der blutrünstigeren Despotien dieser Welt, trägt einen moralischen Makel.Das sollte das Appeasement gegenüber Russland vor dem Ukraine-Krieg klargemacht haben. Autokratien sind gefährlich. Diese Erkenntnis gehört im Dschungel des 21. Jahrhunderts zum Grundbestand jeder vernünftigen Aussenpolitik.Die gebetsmühlenhaft vorgetragenen Warnungen vor einer «Eskalation» können zweierlei sein. Ein Caveat gegen unnötiges Blutvergiessen oder die billigste Ausrede für Nichtstun.Die Kriege gegen Saddam Hussein und die Taliban haben die Grenzen westlicher Interventionen aufgezeigt. Daraus aber eine Politik der absoluten Nichteinmischung abzuleiten, ist genauso kurzschlüssig wie der humanistische Überschwang nach dem Untergang des Kommunismus.Damals propagierte man die «responsibility to protect»: das völkerrechtliche Gebot, Völker notfalls mit Waffengewalt vor ihren Diktatoren zu schützen. Das ist ebenso unklug wie eine rein auf den kurzfristigen Vorteil ausgerichtete Realpolitik.Die Konflikte in Iran und in der Ukraine vermessen neu, was westliches Handeln in der Welt ausmacht.Genügt es, Kiew Waffen zu liefern, aber einen raschen Beitritt zur EU als Sicherheitsgarantie gegen den russischen Imperialismus auszuschliessen? Genügt es, von der Seitenlinie Washington wohlfeile Ratschläge für den Umgang mit Teheran zu erteilen?Henry Kissinger, der Übervater der Realpolitik, beharrte darauf, dass eine Aussenpolitik ohne moralische Basis ins Verderben führe. Iran und die Ukraine sind der Testfall, was das in einer Ära der hemmungslosen Grossmachtkonkurrenz bedeutet.Es kann gut sein, dass Trumps Vorgehen in einem Fiasko endet. Aber «Demütigung» zu rufen und die Hände in den Schoss zu legen, ist auch keine angemessene Antwort auf eine der drängendsten aussenpolitischen Fragen des Jahrhunderts.251 Kommentarevor 3 StundenDieter Berger vor 3 StundenDas Forum bewegt sich wie ein aufgescheuchter Professorenhaufen, Emeriti natürlich. Pro und Kontra. Thesen vs. Antithesen. Spekulationen und fadenscheinige Parteinahmen. Was soll es? Ein Genozid an den Armeniern. Der Genozid in Ruanda. Die Verbrechen in Thailand. Weitere Beispiele? Wen interessiert es substanziell, wenn er seine Interessen durchsetzen will? Was, wenn die Türkei (NATO-Staat!) mit ihrer Politik, die auch ein gewisses Vormachtstreben offenbart, durch einen „Fehler“ den Bündnisfall auslöst…? Geniale Vorstellung. Nicht weit weg. Niemand will seine Religion (Hauptübel) oder seine Ideologie preisgeben. Koste es was es wolle, auch um den Preis der Apokalypse nicht. Tja, den Sündenfall kann man nicht abschütteln.