Gastkommentarvon Kijan EspahangiziEs herrscht der Nebel des Krieges – doch Freiheit darf für die geschundenen Iraner keine Fata Morgana bleibenDas ideologische System des iranischen Gottesstaates ist mit dem Krieg kollabiert. 90 Prozent der Bevölkerung wollen keine Islamische Republik mehr. Doch das Regime klammert sich an die Macht. Was ihm bleibt, ist nackte Gewalt. Was kann Europa für die Iraner tun?08.06.2026, 05.25 Uhr9 LeseminutenDie Bombardierung von Einrichtungen des Regimes wird von den meisten Iranern als erster Schritt zur Befreiung begrüsst. Teheran, 1. März.Fatemeh Bahrami / Anadolu via GettyDie Menschen in Iran sind unendlich erschöpft: von der tiefen wirtschaftlichen Krise, von den täglichen Hinrichtungen, von der Trauer um die vielen Menschen, die im Januar getötet wurden, weil sie für Freiheit auf die Strasse gegangen sind. Das Land ist zu einem Gefängnis für ein ganzes Volk geworden. Iraner sind auch der Unsicherheit müde, die der Nebel des Krieges mit sich bringt, eines Krieges, den sie nie wollten und vor dem sie seit Jahren gewarnt haben. Müde der unzähligen Wendungen um einen möglichen Deal.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Viele wissen nicht, was sie mehr fürchten sollen: die Unsicherheit des Status quo oder einen neuen Deal, der dem Regime abermals einen Rettungsanker zuwirft. Und gleichzeitig können Iranerinnen und Iraner es sich nicht leisten, die Hoffnung aufzugeben. Die Hoffnung auf ein Ende des Schreckens nach 47 Jahren. Die Hoffnung auf Freiheit.Wo ist Europa? Wo ist die Schweiz?Trotz harter Zensur verfolgen die Menschen in Iran die weltweiten Reaktionen sehr genau. Und sie nehmen wahr, dass Europa mehr damit beschäftigt ist, sich an den USA und Israel abzuarbeiten, als den Iranern zuzuhören. Sie nehmen wahr, dass man in Europa stärker auf das mögliche Scheitern von Trump fixiert ist, ja zuweilen mit hämischer Freude, als auf das Schicksal der Iraner. Sie nehmen wahr, dass das Regime in den Medien starkgeredet wird, während die iranische Bevölkerung kaum vorkommt.Für sehr viele ist längst klar: In weiten Teilen des Westens und besonders in Europa sitzt man einem grundlegenden Missverständnis auf, übrigens von links bis rechts. Man glaubt, es gebe mit diesem Regime eine diplomatische Lösung, wenn nur der richtige Rahmen, der moderatere Gesprächspartner im Regime gefunden würde.Aber was, wenn der Konflikt gar nicht auf einem lösbaren Interessengegensatz basiert, sondern auf einem einseitigen ideologischen Kampf?Kein normaler StaatDie Islamische Republik definiert sich seit ihrer Gründung nicht einfach als Staat unter Staaten. Sie versteht sich als revolutionäre religiöse Ordnung und Trägerin einer messianisch-islamischen Weltmission, als Gegenmacht zum Westen, verkörpert durch die USA und Israel, denen sie mit ihrer Gründung den Krieg erklärt hat. Das ist keine ideologische Folklore, die schon nicht so gemeint wäre, nein. Das ist die DNA des Regimes.Es handelt sich daher auch nicht einfach um eine autoritäre Regierung, mit der man irgendwann zu einem stabilen Modus Vivendi finden könnte. Es handelt sich um ein mafiöses Machtkartell aus Klerus, Revolutionswächtern, Sicherheitsapparat und ökonomischen Banden, getragen aber von einer gemeinsamen schiitischen Endzeitideologie. Dieses Kartell hat den iranischen Staat und seine Ressourcen gekapert und hält das iranische Volk in Geiselhaft.Was brauchte es für einen epochalen Wandel? Und was könnten Europa und die Schweiz beitragen?Zu glauben, dass mit diesem Akteur jemals wirklich Frieden geschlossen werden kann, ist illusorisch. Deals mit dem Westen macht man, wenn, dann temporär, taktisch, zur Sicherung des eigenen Überlebens. Auch jetzt. Das jahrzehntelange Appeasement des Westens konnte die Eskalation nicht verhindern, im Gegenteil. Und nach dem Blutbad im Januar zu glauben, dass es noch eine Versöhnung zwischen dem islamischen Regime und dem iranischen Volk geben könnte, ist ebenfalls illusorisch.Aber es wäre auch illusorisch, zu glauben, dass sich die Menschen in Iran ganz allein, ohne Unterstützung von aussen, von einem Regime befreien könnten, das zu allem bereit ist.Derweil schwankt Europa zwischen geopolitischer Naivität und Defaitismus.Zwischen der falschen Hoffnung auf eine diplomatische Lösung und der ebenso falschen Vorstellung, eine westliche Intervention könnte ohnehin nur scheitern. Als Historiker bestürzt mich das. Die Zukunft ist noch nicht entschieden. Sie wird durch Handlungen geprägt. Durch das, was wir heute tun. Und durch das, was wir unterlassen, gerade hier in Europa.Defaitismus kann zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden.Risiken – und ChancenDie jetzige Situation birgt gewaltige Risiken. Aber sie birgt auch welthistorische Chancen, über die wir viel zu wenig sprechen. Und genau das ist vielleicht der grösste Propagandaerfolg der Islamischen Republik: dass sie uns dazu gebracht hat, Fanatismus und Skrupellosigkeit mit Stärke und Stabilität zu verwechseln.Das Regime ist brutal. Es ist gefährlich. Aber es ist nicht stark, sondern so schwach wie noch nie.Die Wirtschaft des Landes ist am Ende, nicht erst seit dem Krieg. Wegen der systemischen Unfähigkeit und Korruption, aber vor allem, weil dem Regime seine Ideologie immer wichtiger war als das Wohl der Menschen im Land. Die Iraner leiden unter Massenarbeitslosigkeit, Währungszerfall, Armut, Versorgungsengpässen. Ein reiches Land wurde systematisch geplündert und heruntergewirtschaftet.Hinzu kommt die politische Schwäche des Regimes. Jahrzehnte der Indoktrination haben nicht gewirkt. Im Gegenteil. 90 Prozent der Bevölkerung wollen keine Islamische Republik mehr. Was dieser nur noch bleibt, ist nackte Gewalt.Um zu verhindern, dass die Menschen wieder auf die Strasse gehen, setzt das Regime auf Angst. Auf Hinrichtungen. Auf Drohungen. Wer sich auflehnt, wird als Verräter, Ungläubiger und Feind Gottes verurteilt. Diese Sprache legitimiert staatlichen Mord am Fliessband.Religion war diesem Regime immer wichtiger als die Nation. Deshalb ist es auch kein Zufall, dass viele Iraner heute Fundamentalopposition als Patriotismus und ihr eigenes Land als fremdbesetzt verstehen: fremdbesetzt von einem Machtapparat, der tatsächlich ausländische Milizen ins Land geholt hat, aus dem Irak und Afghanistan, um die Bevölkerung auf den Strassen zu terrorisieren.Die Menschen in Iran haben seit den 1990er Jahren fast alles versucht, um dieses Regime zu einem Wandel zu bewegen: durch Wahlen, Proteste, Streiks, symbolische Akte des Widerstands. Die grosse Mehrheit ist zu der bitteren Einsicht gelangt: Mit diesem Regime kann es keinen Wandel geben. Keine Freiheit. Keinen Frieden.Die Proteste im Januar gehörten zu den grössten in der neueren Geschichte des Landes. Millionen gingen in fast allen Städten des Landes auf die Strasse, für ein Ende der Islamischen Republik. Das Regime konnte sich nur mit einem historischen Blutbad retten. In wenigen Stunden wurden Zehntausende ermordet. Ein Ausmass an Gewalt, das für viele im Westen kaum vorstellbar ist. Was folgt daraus?Zwei SzenarienAus Sicht der Iraner gibt es im Grunde nur zwei Szenarien, egal, ob es einen Deal gibt oder nicht.Das erste Szenario: Das Regime überlebt.Mit oder ohne Deal wird das Chaos weitergehen. Die brutale Unterdrückung im Innern. Die Ausbeutung der Ressourcen des Landes für den Kampf gegen den Westen. Die Unterstützung für den Hizbullah, die Hamas, die Huthi und andere Milizen. Die Drohnen für Russland. Das billige Öl für China. Für den Westen: Islamismus, Terrorförderung, antizionistische und antiwestliche Propaganda auf den Strassen und auf den Tiktok-Kanälen unserer Kinder.Die Islamische Republik bleibt ein permanenter Krisenexporteur, dessen ideologischer und militärischer Einfluss längst nicht nur Israel oder die Golfstaaten betrifft, sondern auch Europa.Es gibt nur ein anderes Szenario: Das Regime wird gestürzt.Dann eröffnet sich die Chance auf eine neue welthistorische Konstellation. Die wichtigste Bastion des politischen Islam könnte fallen. Ein grosses Land mit einer jungen und gebildeten Bevölkerung könnte sich von einer islamistischen Herrschaft lösen. Schon jetzt versteht sich nur noch rund ein Drittel der rund 90 Millionen Iraner als muslimisch. Aus einer Stütze der Achse der Autokratien könnte ein wichtiger Partner der freien Welt werden; eine Kraft für Frieden und Wohlstand nicht nur in der Region.Aber auch hier sollte man keine Illusionen haben: Der Preis für den Sturz eines Regimes, das den Märtyrertod mehr schätzt als das irdische Leben, wird hoch sein und der Weg nicht einfach. Aber die Chance wäre gewaltig. Für Iran. Für den Nahen Osten. Für einen Westen, der immer stärker an sich selbst zweifelt.Europa zahlt längst den Preis für den globalen Jihad des Islamischen Regimes: durch Teuerung, Energie- und Handelsrisiken, politische Destabilisierung. Wer Iran nur als fernes Problem behandelt, verkennt, wie sehr dieses Regime längst in unsere Gegenwart hineinwirkt.Mit Diplomatie wird das nicht zu ändern sein. Und das Möglichkeitsfenster zum Sturz des Regimes kann sich auch wieder schliessen. Es ist daher Zeit, sich zu entscheiden, auf welches der beiden Szenarien man hinarbeiten will, bevor andere dies für uns tun.Nicht Rettung, sondern UnterstützungWas brauchte es also? Und was könnten Europa und die Schweiz beitragen?Wenn keine friedliche Zukunft mit der Islamischen Republik möglich ist, und sie ist nicht möglich, dann muss die strategische Frage anders gestellt werden. Nicht: Wie machen wir einen Deal? Sondern: Wie unterstützen wir die Kräfte, die eine Zukunft nach diesem Regime möglich machen?Der wirtschaftliche Druck wirkt, aber er braucht Zeit. Der militärische Druck hat das Regime geschwächt, aber er kann das politische Problem nicht lösen. Die eigentliche Kraft, die diese Krise lösen könnte, wird in Europa wie in den USA erstaunlicherweise immer wieder übersehen: das iranische Volk.Die Menschen in Iran warten nicht einfach auf Rettung von aussen, sondern auf Unterstützung.Revolutionen gelingen, wenn innere und äussere Faktoren zusammenkommen. Die Menschen gehen dann wieder auf die Strasse, wenn sie glauben, dass sie ihr Leben nicht umsonst aufs Spiel setzen. Wenn sie den Eindruck haben, dass die Welt nicht am Ende doch wieder mit ihren Unterdrückern verhandelt.Genau hier versagt Europa bis jetzt.Anstatt das Regime klar als illegitim zu behandeln, sendet man gemischte Signale. Man spricht über Atomfragen und Deeskalation, aber zu wenig über Befreiung. Man kritisiert die USA und Israel, ohne es selbst besser zu machen.Was die Menschen in Iran jetzt brauchen, ist Vertrauen. Hoffnung. Glauben daran, dass eine Zukunft nach der Islamischen Republik nicht nur möglich, sondern konkret vorbereitet und getragen wird, vor allem vom Westen.Dazu gehört auch, dass Europa seine eigenen historischen Reflexe überprüft. Das Iran-Bild im Westen sagt mehr über uns aus als über das reale Iran: 1953 gilt als Ursünde des westlichen Imperialismus. Der Schah als Karikatur des Bösen. 1979 als antiimperialistische Befreiung. Die Islamische Republik als problematische, aber doch irgendwie authentische Stimme des globalen Südens.Diese Bilder sind bequem, aber falsch. Und sie verhindern, dass wir verstehen, warum die Menschen am 8. Januar auf den Strassen in Iran den Namen des Kronprinzen Reza Pahlevi gerufen haben.Man muss kein Monarchist sein, um zu verstehen, dass dies gegenwärtig die einzige nationale Führungsfigur ist, hinter der sich eine Mehrheit der Iranerinnen und Iraner aller Schichten und Ethnien versammelt und die zudem eine konkrete Plattform des demokratisch-säkularen Übergangs zu bieten hat.Warum bilden europäische Staaten keine Koalition der Willigen, die sich anders als Trump explizit auch für dieses zentrale Anliegen des iranischen Volkes einsetzt: also für eine freie Volksabstimmung über die Zukunft des Landes, gestützt durch die internationale Gemeinschaft?Kluge InvestitionUnd die Schweiz? So kontraintuitiv es klingen mag: Was die Schweiz jetzt beitragen könnte, wäre vor allem Symbolpolitik. Gemeint ist keine Politik der leeren Worte, sondern eine der konkreten Hoffnung.Warum organisiert die Schweiz keine internationale Konferenz für ein freies und demokratisches Iran, um eine Zukunft nach der Islamischen Republik greifbar zu machen? Mit Fachleuten, Politikern, Wirtschaftsakteuren, Vertretern der iranischen Zivilgesellschaft und vor allem dem Team Reza Pahlevis.Das wäre keine Parteinahme in einem militärischen Konflikt, sondern eine kluge Investition in eine bessere Zukunft. Anders als das ohnehin bedeutungslos gewordene Schutzmachtmandat wären das wahrhaft Gute Dienste.Und es würde nicht einmal viel kosten. Iraner sind nicht naiv. Sie erwarten nicht, dass Staaten aus Nächstenliebe für sie handeln. Aber sie verstehen nicht, warum Europa und die Schweiz nicht einmal dann reagieren, wenn Humanität und Eigeninteresse durchaus in dieselbe Richtung zeigen: als Premium-Partner von morgen, eines freien Iran und eines kaum erschlossenen riesigen Marktes.Iranerinnen und Iraner kämpfen heute nicht nur gegen ein Regime. Sie kämpfen auch für etwas, das wir im Westen selbst wieder ernster nehmen müssten: den Glauben, dass Freiheit und Demokratie nicht nur Worte aus Sonntagsreden sind, sondern historische Errungenschaften, die einen Preis haben.Die Zukunft Irans ist noch nicht entschieden.Aber sie wird auch davon abhängen, ob wir rechtzeitig erkennen, dass wir uns entscheiden müssen: für eine Zukunft mit dem islamischen Regime oder ohne. Für geopolitische Dauerkrise oder für langfristige Hoffnung auf Frieden und Freiheit, nicht nur in Iran, sondern auch in Europa.Kijan Espahangizi ist ein Schweizer Historiker mit iranischen Wurzeln. Er lehrt und forscht an der Universität Zürich zur Geschichte des modernen Iran und zu den Verbindungen zur Schweiz. Bei dem abgedruckten Text handelt es sich um die leicht gekürzte Version des Impulsreferats, das er am 27. Mai 2026 beim «NZZ Podium» «Ein geopolitisches Beben – der Iran-Krieg und seine Folgen» in Zürich gehalten hat.Passend zum Artikel
Freiheit darf für die geschundenen Iraner keine Fata Morgana bleiben
Das ideologische System des iranischen Gottesstaates ist mit dem Krieg kollabiert. 90 Prozent der Bevölkerung wollen keine Islamische Republik mehr. Doch das Regime klammert sich an die Macht. Was ihm bleibt, ist nackte Gewalt. Was kann Europa für die Iraner tun?









