Nach dem versuchten Anschlag von Leipzig ruft der erste Politiker nach der Bundeswehr – doch diese hat zu wenig Mittel gegen DrohnenEin CDU-Ministerpräsident fordert einen Militäreinsatz im deutschen Inland. Doch viele der dafür nötigen Abwehrsysteme kommen erst in den nächsten Jahren.Armin Arbeiter, Berlin11.08.2026, 16.00 Uhr5 LeseminutenDer Flugabwehrpanzer «Skyranger» wird erst Ende 2027 an die Bundeswehr ausgeliefert. Seine Munition eignet sich besonders gut gegen Drohnen.IMAGO/Eventfoto54 / ImagoWährend sich die Hinweise darauf verdichten, dass Russland hinter dem Drohnenangriff auf den Flughafen Leipzig stecken könnte, wird der Ton in der Debatte über die deutsche Drohnenabwehr schärfer. Schleswig-Holsteins christlichdemokratischer Ministerpräsident Daniel Günther fordert, Bundeswehrsoldaten zur Drohnenabwehr an deutschen Flughäfen einzusetzen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bei anfliegenden Drohnen lasse sich kaum unterscheiden, «ob es sich um eine aussenpolitische oder innenpolitische Bedrohung handelt», sagte er im «Deutschlandfunk». Um einen solchen Einsatz zu ermöglichen, brachte Günther gar eine Änderung des Grundgesetzes ins Spiel.Artikel 87a des Grundgesetzes erlaubt Bundeswehreinsätze ausserhalb der Landes- und Bündnisverteidigung nur in ausdrücklich geregelten Ausnahmefällen. Bei der inneren Gefahrenabwehr darf die Armee zwar Amtshilfe leisten, also in diesem Fall die Polizei unterstützen. Mit militärischen Mitteln darf sie jedoch erst bei einem drohenden Unglücksfall «katastrophischen Ausmasses» gegen eine Drohne vorgehen. Günther will diese Lücke für «hybride Bedrohungslagen» schliessen.Die Bedrohungslage steigt weiter anDie «hybride Bedrohungslage», also die Kombination verschiedener Mittel mit dem Ziel, das Vertrauen in Staat und Gesellschaft zu untergraben, nimmt in Deutschland seit Jahren zu. Die mit Sprengstoff beladene Drohne in Leipzig ist eine weitere Eskalation dieser Entwicklung – in verhältnismässig kleinem Massstab.Der Angriff war nach bisherigem Erkenntnisstand professionell geplant und vieles deutet darauf hin, dass nur durch viel Glück Schlimmeres verhindert wurde. Es hätte aber beispielsweise auch ein ganzer Drohnenschwarm angreifen können – in unterschiedlicher Grösse und Schnelligkeit. Selbst Drohnenoperationen islamistischer Milizen in Mali weisen eine höhere Komplexität auf als jene am Leipziger Flughafen. Sie laufen normalerweise so ab: Aufklärungsdrohnen der Islamisten filmen die Stellungen der Armee oder russischer Söldner. Drohnen mit Abwurfsystemen fliegen über die Stellungen und lassen Granaten fallen. Die Aufnahmen beschädigter oder zerstörter Flugzeuge landen sofort im Internet. Anders als in Leipzig sind dort deutlich mehr Akteure involviert.Der beinah erfolgreiche Drohnenangriff in Leipzig zeigt, dass Deutschland auf einen solchen Fall nach wie vor schlecht vorbereitet ist. Der Nationale Sicherheitsrat tagte, später hiess es, man werde die Polizeibeamten, die für die Drohnenabwehr zuständig sind, verdoppeln. 300 anstatt 130 Beamte sollen künftig von acht anstatt bisher vier «Operativen Stützpunkten» aus in den Drohnenabwehreinsatz an Flughäfen gehen. Ob die neuen Massnahmen die Reaktionszeit bei einem Drohnenangriff wirklich beschleunigen, darf bezweifelt werden.Aus Günthers Sicht könnte die Bundeswehr dabei helfen, die Reaktionszeit zu verkürzen und mehr Sicherheit gegen Drohnen an Flughäfen schaffen. Doch aus dem deutschen Verteidigungsministerium kam am Montag ein klares Nein. Man sei mit dem Schutz der eigenen Liegenschaften mehr als ausgelastet, sagte ein Sprecher des Ministeriums der «Süddeutschen Zeitung».Der Zulauf bei der Truppe beginnt erstZwar verfügt die Bundeswehr mittlerweile über eine ganze Palette von Drohnenabwehrsystemen, jedoch noch lange nicht in ausreichender Zahl, um einen flächendeckenden Schutz zu gewährleisten. Funkdetektoren, die anhand der Signale der erfassten Drohnen den Piloten ausmachen können, Abfangdrohnen oder andere Systeme elektronischer Kampfführung sind in der Truppe angekommen, werden aber erst nach und nach implementiert.Dass die Bundeswehr im vergangenen Dezember zwar eine Drohne über dem neuen, milliardenschweren Raketenabwehrsystem Arrow 3 identifizieren, aber nicht abschiessen konnte, spricht für sich. Arrow 3 soll das Rückgrat der deutschen Luftverteidigung bilden und steht eigentlich unter besonderem Schutz.Generell kann man sich die Struktur einer Luftverteidigung wie eine Zwiebel vorstellen, deren äusserste Schicht das Arrow-3-System mit einer «strategischen Reichweite» von bis zu 2400 Kilometern bildet. Es soll feindliche Raketen ausserhalb der Erdatmosphäre bekämpfen können. Über die «mittlere bis längere Distanz» (etwa 25 bis 100 Kilometer) geht es bis zur sogenannten «sehr kurzen Distanz» (VSHORAD) im Radius von fünf Kilometern. In diesem Bereich findet bislang die Drohnenbedrohung in Deutschland statt.Das Problem mit den StörsendernFür die unmittelbare Abwehr von Klein- und Kleinst-Drohnen hat die Bundeswehr unter anderem Geräte des Funkdetektors «Wingman 103» beschafft. Sie erkennen die Funkverbindung zwischen Drohne und Pilot über eine Distanz von bis zu rund zwei Kilometern. Hinzu kommen tragbare Störsender wie der HP-47, die Funksignale unterbrechen können.Mit dem mobilen System «RaDIS» und dem Abwehrsystem «ASUL» (davon beschaffte die Bundeswehr bislang fünf) verfügt die Bundeswehr über weitere Abwehrmassnahmen auf dem Gebiet Sensorik, Funkpeilung und elektronischer Kampfführung.Doch die Zahl an Drohnen, die autonom fliegen oder per Glasfaserkabel gesteuert werden, nimmt – zumindest im Ukraine-Krieg – zu. Das bedeutet, dass Drohnen tendenziell weniger oft mit elektronischen Massnahmen zu Boden gebracht werden können.Somit bleiben noch sogenannte «Hard-Kill»-Verfahren, also der Einsatz von Munition oder Laser. Auch in diesem Bereich ist die Bundeswehr (noch) schlecht aufgestellt. Ende Juli berichtete die «Bild»-Zeitung über ein Schreiben von Offizieren, die die Beschaffung von 44 200 Schrotflinten für Soldaten forderten, da die Truppe der Drohnengefahr in «nicht hinnehmbarem Mass» ausgesetzt sei.Ukrainische Soldaten setzen zum Selbstschutz auf Schrotflinten, um anfliegende Drohnen auf kurze Distanz zu bekämpfen. Der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius erteilte der Forderung eine Absage. Das Verteidigungsministerium setze auf Systeme wie den Skyranger, Laser und andere Waffen, die Drohnen aus grösserer Distanz bekämpfen könnten.Laser frühestens ab 2028Das Problem: Es wird noch dauern, bis diese Systeme bei der Truppe sind. Der Skyranger gilt etwa als eines der wichtigsten künftigen Systeme gegen Drohnen, Helikopter und andere tief fliegende Ziele. Seine 30-Millimeter-Kanone verschiesst programmierbare Munition, die im Flug aufsplittert und so kleine Drohnen mit wenigen Salven bekämpfen können soll. Bestellt sind bislang lediglich 19 Fahrzeuge, die erst im letzten Quartal 2027 zulaufen sollen. 561 weitere dürften Ende Jahr bestellt werden.Gegen grössere Drohnen kann die Bundeswehr auf klassische Flugabwehrsysteme zurückgreifen. IRIS-T SLM und SLS sowie Patriot sind grundsätzlich in der Lage, unbemannte Fluggeräte zu bekämpfen. Für billige Kleindrohnen käme der Einsatz solcher Raketen jedoch einer Verschwendung gleich.Eine funktionierende Luftverteidigung ist das Zusammenspiel aus Detektion, elektronischer Störung, Abfangdrohnen und günstiger kinetischer Flugabwehr. Diese Fähigkeiten baut die Bundeswehr aber erst auf. Lasersysteme sind derzeit in der Erprobung und sollen erst 2028 eingeführt werden.Sollten die Drohnenangriffe weiter eskalieren, stünde Deutschland also noch immer ohne funktionierende, flächendeckende Abwehr da.Passend zum Artikel