Die Zahl der Toten bei dem schweren Erdbeben in Kolumbien ist auf mindestens 132 gestiegen. Mehr als 570 Menschen wurden verletzt. Besonders stark stieg die Opferzahl im Valle del Cauca, wo inzwischen 66 Tote gemeldet wurden, 25 davon in Cali. Im Departement Chocó kamen mindestens 13 Menschen ums Leben. Zahlreiche Personen werden weiter vermisst.Das Epizentrum des Bebens der Stärke 7,4, das sich am Montag kurz nach 7.30 Uhr ereignete, lag laut dem US Geological Survey in der Gemeinde San José del Palmar im Departement Chocó, etwa 280 Kilometer westlich der Hauptstadt Bogotá. Die Tiefe des Erdstoßes wurde mit etwa 103 Kilometern angegeben, was dazu führte, dass die Erschütterungen in einem außergewöhnlich großen Radius spürbar waren.Mehrere Gebäude in Cali eingestürztSchwerwiegende Auswirkungen meldeten die Behörden aus der drittgrößten Stadt des Landes, Cali, wo mehrere Gebäude einstürzten. Auch das Hospital Universitario del Valle musste teilweise evakuiert werden. Angesichts der hohen Zahl von Verletzten riefen die Behörden die höchste Krankenhaus-Warnstufe aus. Wegen befürchteter Plünderungen verhängte Bürgermeister Alejandro Eder zudem für die Nacht eine Ausgangssperre und ordnete in besonders betroffenen Vierteln den Einsatz des Militärs an. Auch in Pereira wurde für Teile der Stadt eine nächtliche Ausgangssperre verhängt.Auch in Manizales, im Herzen der Kaffeeregion, kam es laut Berichten zu erheblichen Schäden. Schulen und Universitäten wurden dort bis auf Weiteres geschlossen und dienen als Notunterkünfte. In Chocó wurden zahlreiche Häuser beschädigt, insbesondere in Tadó. In San José del Palmar, nahe dem Epizentrum, wurden dagegen bislang keine Todesopfer gemeldet.Das Beben beeinträchtigte auch die Stromversorgung erheblich. Nach Angaben der Netzbetreiber konnten zeitweise rund 18 Prozent des landesweiten Strombedarfs nicht gedeckt werden. In einigen Regionen fiel die Versorgung nahezu vollständig aus. Nach Behördenangaben waren zudem 18 Straßen, sechs Flughäfen und 18 Gesundheitseinrichtungen beeinträchtigt. Die nationale Luftfahrtbehörde sah sich gezwungen, den Betrieb an sechs regionalen Flughäfen, darunter in Pereira, Manizales und Quibdó, vorerst einzustellen, um mögliche Schäden an den Landebahnen und den Gebäuden zu prüfen.Erschütterungen bis Manaus spürbarIn der Hauptstadt Bogotá löste das Beben heftige Erschütterungen aus, die etwa zwei Minuten andauerten und zu massenhaften Evakuierungen von Wohn- und Bürogebäuden führten. Trotz der Panik in den Straßen meldete Bürgermeister Carlos Galán nach ersten Überprüfungen keine Toten oder schwerwiegende Schäden an der Infrastruktur.Die Reichweite des Bebens war so massiv, dass es nicht nur in weiten Teilen Kolumbiens, sondern auch in den Nachbarländern Ecuador, Venezuela und Panama deutlich wahrgenommen wurde. Sogar im fast 2000 Kilometer entfernten brasilianischen Manaus meldeten Bewohner schwankende Hochhäuser, was zu Sicherheitsinspektionen durch die örtliche Feuerwehr führte. Trotz der Stärke des Bebens gab die kolumbianische Seefahrt- und Hafenbehörde schnell Entwarnung bezüglich einer möglichen Gefahr eines Tsunamis an der Pazifikküste. Auch wichtige Wasserkraftwerke wurden laut Angaben der Betreiber nicht beschädigt.Finanzielle Soforthilfe aus den USADer erst am Freitag vereidigte neue Präsident Abelardo de la Espriella reagierte umgehend auf die Katastrophe, indem er den nationalen Katastrophenfall ausrief, ein Krisenkabinett einberief und die Einrichtung eines zentralen Kommandopostens zur Koordinierung der Rettungsmaßnahmen in San José del Palmar anordnete. De la Espriella entsandte zudem mehrere Minister in das Katastrophengebiet. Die Vereinigten Staaten kündigten Soforthilfe in Höhe von 15,5 Millionen Dollar für Notunterkünfte, Lebensmittel und den Wiederaufbau an.Seismologen warnen vor Nachbeben. Bis Montagnachmittag wurden mindestens 21 Nachbeben registriert, das stärkste mit einer Magnitude von 4,8. Weitere Nachbeben sind in der geologisch aktiven Region, in der mehrere tektonische Platten aufeinandertreffen, nicht ausgeschlossen.Kolumbien liegt in einer geologisch hochaktiven Zone, in der die Nazca-Platte, die Südamerikanische Platte und die Karibische Platte aufeinandertreffen. Laut dem Geologischen Institut Kolumbiens (SGC) handelt es sich um das stärkste Beben in Kolumbien im 21. Jahrhundert. Jährlich werden im Land durchschnittlich 2500 Erschütterungen registriert, wobei sich die Aktivität oft im sogenannten „seismischen Nest“ von Bucaramanga im östlichen Departement Santander konzentriert, bei dem es sich um eines der weltweit aktivsten Gebiete für Erdbeben in mittlerer Tiefe handelt.Das Beben in Kolumbien ereignete sich weniger als zwei Monate nach dem starken Doppelerdbeben in Venezuela, bei dem nach offiziellen Angaben der Regierung in Caracas mehr als 5500 Menschen umgekommen und Hunderte Gebäude zerstört worden sind. Unabhängige Stellen gehen von einer weitaus höheren Opferzahl aus, da weiterhin Tausende Personen als vermisst gelten.