Die Kolumne der «Scharfen Zungen».Patti Basler und Corinne Sutter09.08.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenMit der Neutralität verhandelt die Schweiz auch einen Teil ihrer Identität.Benjamin Manser / CH MediaNeutralitätOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die globale Sicherheitslage ist trotz clownesken Machthabern unlustig. Vor dieser bedrohlichen Kulisse sollen die Scharfen Zungen Antworten liefern. Heute zur Frage: «Kann die Schweiz in diesen Zeiten neutral bleiben?»Patti BaslerDie Schweiz ist neutral. Das ist ein Witz. Allerdings kein lustiger.Selbst grammatikalisch ist unsere Nation kein Neutrum. Die Schweiz, die Eidgenossenschaft: Helvetia ist generisch feminin. Gendern bis zur Geschlechtslosigkeit ist uns suspekt. Dennoch stand in meiner 1.-August-Einladung: «Liebe Mitgliederinnen und Mitglieder . . .». Ohne Witz!Gleichentags fand sich einer auf X besonders lustig: «Die Opferinnen der Übergriffe sind illegal zugewandert.» Opfer und Mitglied sind beide generisches Neutrum! Ob männlich, weiblich oder einfach menschlich, es sind alle mitgemeint! Wer bleibt angesichts solcher Formulierungen neutral? Für einmal verbietet sich hier das Gendern. Es heisst: «das Mitglied», «das Opfer». «Der Täter» hingegen, meint der X-Kommentator, sei meist Ausländer. Wahrer wäre: «Mitglieder und Opfer sind geschlechtsneutral. Mitglieder ohne Glieder werden aber häufiger Opfer von Mitgliedern mit Gliedern.»Ein Amerikaner, ein Russe und ein Chinese buhlen in einer Bar um eine hübsche Frau. «Ehemals der abschreibende Austauschstudent, bringe ich jetzt die selbst gebastelten Geschenke meiner Kinder. Nimm mich», sagt der Chinese. «Ich überhäufe dich mit gefakten Liebesbriefen. Nimm mich», fordert der Russe. «Swedish? From Ikea? No Idea. Hauptsache Holz vor der Hütte und ein Zollstock im Hintern. Nimm mich», übertrumpft ihn der Ami. Da flüstert der Barkeeper: «Ihr drei habt sonst überall Lokalverbot. Hier könnt ihr bleiben, beginnt einfach keine Schlägerei! Der Dame dürft ihr was Starkes bezahlen. Sie legt sich mit jedem ins Bett. Ich verkaufe sie aber lieber an euch als an unsere Nachbarn. Ihr könnt sie ablenken, damit sie mir nicht auf die Finger schaut, wenn ich im Hinterzimmer mit Waffen handle. Das ist übrigens meine Mutter. Sie heisst Helvetia. Neutralisiert sie! Im Notfall helfen meine K.-o.-Tropfen.» Das ist ein Witz. Antwort habe ich keine.Corinne SutterWitze über Helvetia? Die Anekdoten im echten Leben sind unlustig genug: Ich schlenderte gemütlich durch Paris, als ein Mann auf mich zurannte, eine Damenhandtasche in der einen, ein Messer in der anderen Hand, verfolgt von seinem Opfer und französischen Flics. Würde er mich angreifen? Sollte ich der Frau mein Schweizer Taschenmesser zuwerfen? Und was, wenn ich das teure Stück nicht zurückbekäme und es in falsche Hände gelänge? Erstarrt fuhr ich mit der Zunge über meinen abgebrochenen Zahn. Eine Erinnerung an damals, als ich kurzerhand in die Prügelei zwischen Klassenclown und Cliquenboss eingegriffen hatte. Mit vollem Einsatz. Herumstehende Halbwüchsige hatten bloss ihr Taschengeld eingesetzt und heizten den Streithähnen ein. Wir drei erhielten danach einen Verweis wegen Raufhandels. Die wahren Enfants terribles waren doch jene, die am Rand zusahen, dass die Prügelei zusehends ausartete? Sie erhielten den Wettgewinn, ich verlor einen Schneidezahn. Und bekam kein Denkmal errichtet.Sollte ich nun den flüchtigen Taschendieb stellen – mittels Haken? Dieses Einschreiten konnte ich nicht riskieren, es hätte ihm das Genick gebrochen, ein kurzer Prozess. Er wäre gefallen. Wäre hingegen ich gefallen, erhielte ich als heldenmütige Schweizer Söldnerin wenigstens eine Statue. Neben Denkmälern von «Kriegshelden» – auch nur ein Euphemismus für «Mörder mit Kriegshintergrund». Sollte ich mich in Sicherheit bringen? Mich mit anderen Passanten zusammenschliessen? Ich stand nur da, ganz neutral. Da fiel mir ein, dass es im Französischen gar kein grammatikalisches Neutrum gibt. In diesem Moment war der Dieb vorbei, und en passant verstrich meine Chance auf eine Statue unter dem Arc de Triomphe.Mit hängendem Kopf entdeckte ich eine Goldkette, ein aus der Handtasche gefallenes Beutestück. Ich nahm sie vorsichtshalber mit, damit sie in sicheren Händen war. Ganz neutral.Böse Zungen sagen: Bei bewaffnetem Raufhandel bleibt unser Land neutral und rührt kein Glied. Schon gar nicht den Finger am Abzug. Opfer bringen andere.Scharfe Zungen sagen: Beim Raufhandeln der Waffenpreise soll die Schweiz am Drücker bleiben. Das Geld ist ein generisches Neutrum. Wir nehmen es von allen.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Hat Helvetia Handlungsspielraum bei der Neutralität? Da sind wir scherzfrei
Die Kolumne der «Scharfen Zungen».











