«Eine Stiftung in Liechtenstein gründet man nicht wegen ein paar Millionen»: Das Fürstentum und der nächste Angriff auf die SuperreichenDiskretion ist das Geschäftsmodell des «Sicherheitsparadieses» Liechtenstein. Doch nun trifft ein Hackerangriff den Finanzplatz ins Mark. Der Datendiebstahl hat auch Folgen für die Schweiz.09.08.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenVaduz bei Nacht: Das Rätseln über die Täter und das Motiv des Datendiebstahls geht weiter.GettyDas Vaduzer «Städtle» ist am Freitagmittag gut besucht. Touristen flanieren durch die Fussgängerzone im Herzen des Liechtensteiner Hauptorts und lassen sich am Rathausplatz mit vier lebensgrossen Pappfiguren der Beatles fotografieren. Am Wochenende steht die «5. Vaduzer Beatles-Party» an. Die Restaurants sind gut gefüllt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Omnipräsent sind im Zentrum des 6000-Einwohner-Orts aber nicht nur Touristen, sondern auch Banker und Geschäftsleute. Angestellte aus den nahe gelegenen Gebäuden der Banken LGT, VP Bank oder der Liechtensteinischen Landesbank, der Buchprüfungsfirma KPMG sowie von Treuhandgesellschaften essen gerade zu Mittag.Die Sonne brennt, die Stimmung in den blitzblanken Vaduzer Gassen ist entspannt – und über allem thront, hoch auf dem Berg, das mittelalterliche Schloss des Fürsten.Nichts deutet darauf hin, dass hier vor wenigen Tagen ein schwerwiegendes Verbrechen stattgefunden hat.Cyberkriminelle haben in der Nacht auf den 30. Juli insgesamt 31 000 Datensätze aus dem «Verzeichnis wirtschaftlich berechtigter Personen» erbeutet. Dieses Verzeichnis gibt Auskunft darüber, welche Personen hinter Unternehmen, Stiftungen und Treuhandvehikeln stehen.Für Liechtenstein ist das ein schwerer Schlag. Das Land hat sich als eine Art «Sicherheitsparadies» und Hort für Reiche und Superreiche positioniert. Viele sind hierhergekommen, um mit Stiftungen ihren Nachlass zu planen oder ihre Vermögen verwalten zu lassen. Nun müssen sie feststellen, dass absolute Anonymität und Diskretion im Zeitalter der Digitalisierung auch im Fürstentum nicht existieren. Unter den Opfern des Hackerangriffs dürften sich viele Deutsche und Schweizer befinden.Erinnerungen an die «Zumwinkel-Affäre»Die Fussgängerzone des «Städtle» mündet in den Peter-Kaiser-Platz mit dem historischen Regierungsgebäude, im Volksmund «Grosses Haus» genannt. Die liechtensteinische Regierungschefin Brigitte Haas empfängt in ihrem grosszügigen Büro. Die 61-Jährige ist erst seit April vergangenen Jahres im Amt und muss nun mit dieser grossen Krise umgehen.«Wir kennen bis jetzt weder die Täter noch deren Motiv», sagt sie etwas nervös. Bis jetzt gebe es keine Anzeichen dafür, dass die Daten im Darknet angeboten würden. Es seien bisher auch keine Lösegeldforderungen eingegangen. War es ein Angriff auf «die Superreichen», die in Liechtenstein Zuflucht suchten? «Seriöserweise lässt sich nur sagen, dass wir es schlicht nicht wissen», sagt sie. «Das ist auch für uns sehr unbefriedigend.»Derweil schiessen die Spekulationen ins Kraut. Mit jedem Tag wächst die Vermutung, es handle sich nicht um «normale Verbrecher», sondern um staatliche Akteure. So halten auch politisch exponierte Personen Stiftungen in Liechtenstein, beispielsweise bunkerten Russen gerne ihr Vermögen in Stiftungen im «Ländle». Weil die liechtensteinischen Treuhänder aus Angst vor amerikanischen Sanktionen nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollten, wurden von russischen Staatsbürgern gegründete Stiftungen herrenlos. Wie die Regierung im Sommer vergangenen Jahres mitteilte, sind 475 Stiftungen nach dem Rücktritt von Treuhändern handlungsunfähig. Umso anfälliger sind die Stifter für Erpressungsversuche, wenn ihre Identität auffliegt.Mit dem Cyberangriff werden auch Erinnerungen an die sogenannte «Zumwinkel-Affäre» wach, die 2008 den Finanzplatz Liechtenstein erschütterte. Damals verkaufte ein Insider Daten an die Steuerbehörden mehrerer Länder – und Hunderte von deutschen Steuerhinterziehern, unter ihnen der Chef der Deutschen Post Klaus Zumwinkel, flogen auf.Die Affäre bedeutete das Ende für das Schwarzgeldparadies Liechtenstein. Das Land beugte sich dem internationalen Druck und verpasste sich eine Weissgeldstrategie. Die Zahl der Stiftungen ging deutlich zurück, doch sie blieben für den Finanzplatz wichtig.Mit der im April 2009 in Kraft getretenen Totalrevision des Stiftungsrechts erfand sich der Stiftungsstandort Liechtenstein nach dem Skandal quasi neu. Die Stiftungen dienten seitdem vermögenden Familien und Unternehmern nicht zur Steuerhinterziehung, sondern vor allem als Instrument der generationenübergreifenden Vermögensgestaltung und Nachlassplanung. Sie schützen das Vermögen so auch vor dem Zugriff etwa missliebiger Verwandter und Gläubiger.Haas betont denn auch, nach der «Zumwinkel-Affäre» sei Liechtenstein bei der Umsetzung von europäischen Standards zu einem Musterknaben geworden. Die zahlreichen europäischen Regulierungen in diesem Bereich seien für ein kleines Land wie Liechtenstein oft nicht einfach umzusetzen. Doch man nehme sie sehr ernst. «Rechtssicherheit und die Einhaltung internationaler Compliance-Standards sind für uns das A und O», sagt die Regierungschefin.Kunden in AufregungWird der Hackerangriff nun zu einer erneuten Zäsur für den Finanzplatz, wie die «Zumwinkel-Affäre» 2008? Haas wiegelt ab. «Das war ein ganz anderes Thema, das kann man nicht vergleichen», sagt sie. An den Grundlagen des Finanzplatzes ändere sich durch den Datendiebstahl überhaupt nichts.Für den Finanzplatz Liechtenstein ist der Datenklau in jedem Fall aber ein erneuter Tiefschlag. «Für die betroffenen Familien ist das eine Katastrophe», sagt Fabian Teichmann, Rechtsanwalt und Notar bei der Kanzlei Teichmann International. Die Daten aus dem Verzeichnis könnten an organisierte Gruppen gefallen sein, welche sie für Folgekriminalität nutzen, beispielsweise für Erpressung, manipulative Betrugsmethoden oder Identitätsmissbrauch. Mit simplen Internetrecherchen könnten sie weitere Informationen erhalten und die Opfer des Datenklaus erpressen.Zweifel am Standort LiechtensteinBei den Stiftungsgründern dürfte es sich allesamt um sehr wohlhabende Personen handeln. Schliesslich ist es teuer, in Liechtenstein eine Stiftung zu errichten. Dies ergebe erst ab einer gewissen Vermögensgrösse Sinn, sagt Teichmann: «Eine Stiftung in Liechtenstein gründet man nicht wegen ein paar Millionen.» Einige der von dem Datendiebstahl betroffenen Personen dürften nun wohl zweimal überlegen, ob sie ihre Vermögens- und Nachlassplanung in dem Land weiterverfolgen.Im Gegensatz zu 2008 dürfte der Datenklau dieses Mal aber wohl nicht zu Verhaftungen von enttarnten Personen führen, sagt David Sele, Journalist beim «Liechtensteiner Vaterland». Er sei aber ein «Super-GAU» für das Vertrauen. «Wenn der Eindruck entsteht, dass der liechtensteinische Staat Daten nicht sicher verwalten kann, haben wir ein gravierendes Problem.»Symbiose der Finanzplätze Schweiz und LiechtensteinFür Wohlhabende sind in Liechtenstein vor allem die sogenannten privatnützigen Stiftungen interessant. Bei dieser liechtensteinischen Spezialität profitieren die Stifter von der Anonymität einer Stiftung, haben aber im Rahmen des Stiftungszweckes trotzdem Zugriff auf ihre Gelder. Privatnützige Stiftungen werden oft erst durch Skandale oder Streit bekannt, dazu zählen etwa der «Bastille Trust» der Rum-Dynastie Bacardi oder die Stiftungen des gefallenen Immobilieninvestors René Benko.Mit liechtensteinischen Privatstiftungen lässt sich das Vermögen problemlos von einer Generation auf die nächste übertragen. Dies ist mit Schweizer Stiftungen nicht möglich. «Das schweizerische Recht ist für private Vermögensstrukturen aber restriktiv, und ein eigenes Schweizer Trustrecht ist politisch vorerst nicht zustande gekommen», sagt Teichmann.Dennoch ist die Schweiz betroffen vom Datenklau. Die Finanzplätze Schweiz und Liechtenstein bilden eine Art Symbiose. «Strukturiert werden die Stiftungen häufig in Vaduz, gebankt wird in Zürich oder Genf», sagt Teichmann.Schweizer Beobachter, die seit Jahren gefordert haben, die Schweiz solle ihr eigenes Vehikel für Nachlassplanungen von Vermögenden schaffen oder die Familienstiftung reformieren, fühlen sich nun bestätigt. Sie argumentieren, wohlhabende Schweizer würden bei der Nachlassplanung nach Liechtenstein oder in Offshore-Zentren gezwungen. Im Februar 2024 wurde dazu in Bundesbern eine Motion des FDP-Politikers Thierry Burkart angenommen. Nun wartet die Branche auf einen Gesetzentwurf des Bundesrats. In der Schweiz werden jährlich rund 100 Milliarden Franken vererbt.Um Schadensbegrenzung bemühtDie Regierungschefin Haas bemüht sich derweil um Schadensbegrenzung. Von den Verbänden am Finanzplatz höre sie, dass der Vorfall viele Gespräche mit Kunden nach sich ziehe, da es sich um geschützte personenbezogene Daten handle, sagt sie. «Wenn die Kunden erfahren, dass keine Adressen, Telefonnummern oder Vermögensdaten betroffen sind, sind sie oft erleichtert.» In den erbeuteten 31 000 Datensätzen sind zu den Personen «nur» Angaben wie Name, Geburtsdatum, Staatsangehörigkeit und das Wohnsitzland vermerkt, keine Informationen zur Höhe ihrer Vermögen oder zu Bankkonten.«Aus dem Angriff auf das Verzeichnis kann nicht auf die Sicherheit der Systeme der Banken geschlossen werden», betont derweil Simon Tribelhorn, Geschäftsführer des Liechtensteinischen Bankenverbands. Es handle sich um unterschiedliche Systeme, Infrastrukturen und Sicherheitsvorkehrungen. Für Kunden bestehe aufgrund dieses Vorfalls kein Anlass, die Sicherheit ihrer Bankbeziehungen oder Vermögenswerte infrage zu stellen.Das gehackte Verzeichnis sei letztlich ein Ergebnis europäischer Regulierungen, sagt David Karl Jandrasits, Partner bei Schwärzler Rechtsanwälte in Vaduz. «Hier wurde ein Verzeichnis von Hackern erbeutet, das eigentlich dazu dienen soll, Geldwäscherei und Terrorismus zu bekämpfen.»Harter Wettbewerb unter Offshore-FinanzplätzenBei der Vermögensplanung von Wohlhabenden herrscht unter den verschiedenen Finanzplätzen ein harter Wettbewerb. Teichmann beobachtet seit der Affäre um die Panama Papers und der Einführung des automatischen Informationsaustauschs (AIA), dass sich Vermögende «weg von intransparenten Briefkastengesellschaften in unregulierten Offshore-Zentren hin zu regulierten Strukturen in Rechtsordnungen mit stabilem Rechtsrahmen» bewegen.Bei der Strukturierung von entsprechenden Vehikeln seien Liechtenstein, Luxemburg, die Kanalinseln sowie Singapur und Hongkong führend. Deutlich an Bedeutung gewonnen hätten die Vereinigten Arabischen Emirate, sagt Teichmann. In den vergangenen Jahren habe auch Dubai Personen angezogen, die Vermögen vor dem Fiskus verbergen wollten. Mit dem verschärften Regelwerk wandle sich indessen das Bild. Er rate unbedingt zur Steuerehrlichkeit. Mit dem Einsatz von künstlicher Intelligenz dürften Steuerverwaltungen in Zukunft vielen Schlupflöchern den Garaus machen: «Es wird jedes Jahr strenger.»Jandrasits sieht Liechtenstein punkto Erfahrung und Professionalität gegenüber Offshore-Zentren weit im Vorteil. Zudem sei am Finanzplatz Liechtenstein eine Vielzahl hochspezialisierter Fachleute im Bereich der privaten Vermögensplanung tätig.Genau dieses Geschäftsmodell steht mit dem Hackerangriff nun aber auf der Kippe. Denn ohne Diskretion werden auch weniger von den hochspezialisierten Fachleuten im «Städtle» von Vaduz gebraucht.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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