Abelardo de la Espriella mag die Disruption. Entgegen der jahrzehntelangen Tradition, das Staatsoberhaupt in der Hauptstadt Bogotá zu vereidigen, wählte Kolumbiens neuer Präsident die Stadt Cali als Schauplatz. Ursprünglich hatte er gar vor, sich in einer Militärbasis in einem Konfliktgebiet der Region vereidigen zu lassen, was ihm jedoch untersagt wurde. Das Militär kam dennoch zum Zug. Über 11.000 Einsatzkräfte von Militär und Polizei wurden mobilisiert, um die Stadt zu sichern. Ein spezielles Anti-Drohnen-System überwachte den Luftraum, während Panzerfahrzeuge und Checkpoints die Zufahrtswege zum Universitätsgelände kontrollierten, wo die Zeremonie stattfand. Die Vorsicht war nicht unbegründet. In den Tagen vor dem Event berichteten die kolumbianischen Behörden, in der Region einen Bus mit rund 450 Kilogramm Sprengstoff abgefangen zu haben, der Militär- und Polizeieinrichtungen ins Visier nehmen sollte. Hinter dem geplanten Anschlag stand offenbar eine Dissidentengruppe der ehemaligen FARC-Guerilla.Warum De la Espriella dennoch auf Cali beharrte und eine Schar illustrer Gäste von Argentiniens Präsident Javier Milei über den spanischen König Felipe VI. bis hin zum FIFA-Präsidenten Gianni Infantino dorthin lockte, hat seine Gründe. Die Wahl des Standorts im unberechenbaren Südwesten Kolumbiens war eine kalkulierte Kampfansage. Cali liegt zwischen den beiden Departementen Cauca und Valle del Cauca, wo etliche bewaffnete Gruppen einen erbitterten Kampf um die Kontrolle des Drogenhandels und illegalen Bergbaus führen und die Landbevölkerung sowie Kindersoldaten als Schutzschilder missbrauchen. Der 48 Jahre alte Anwalt und Unternehmer, der als absoluter politischer Outsider an die Macht kam, nutzte die Bühne in Cali geschickt, um seine „Politik der harten Hand“ unmittelbar an der Frontlinie zu proklamieren. „Die Zeit der Wiederherstellung von Ordnung, Autorität und Freiheit hat begonnen“, sagte De la Espriella in seiner Antrittsrede.Trumps zentraler AlliierterDe la Espriella verspricht eine radikale Remilitarisierung im Kampf gegen das Organisierte Verbrechen und den Drogenhandel. Sein Programm umfasst die Bombardierung von Kokainlaboren, die Wiederaufnahme der Glyphosat-Besprühung von Kokafeldern aus der Luft und den Bau von Mega-Gefängnissen, in denen Häftlinge unter drastischen Bedingungen untergebracht werden sollen. Zudem fordert er die Auflösung des Sondergerichts für den Frieden, das nach dem Friedensabkommen mit den FARC eingeführt wurde. Der Machtwechsel markiert somit ein abruptes Ende der Politik des „Totalen Friedens“ unter Gustavo Petro, die auf Verhandlungen mit den bewaffneten Gruppen setzte. Kritiker und der neue Präsident sehen Petros Ansatz als gescheitert an, da die Zahl der irregulären Kämpfer unter der Regierung Petro von rund 13.000 auf schätzungsweise 27.000 anstieg, was dem höchsten Stand seit der Unterzeichnung des Abkommens im Jahr 2016 entspricht. „Die Option des Dialogs ist vollständig ausgeschöpft“, erklärte De la Espriella nun. Seine Absicht sei es, den „Narcoterrorismus ohne Waffenruhe“ zu besiegen.Die sicherheitspolitische Neuausrichtung geht Hand in Hand mit einer Annäherung an Washington. De la Espriella, der selbst die US-Staatsbürgerschaft besitzt, strebt eine enge Allianz mit Donald Trump an. Er plant, Kolumbien zum Drehkreuz des von Trump gegründeten regionalen Sicherheitsbündnisses „Shield of the Americas“ zu machen, das den Kampf gegen kriminelle Netzwerke und illegale Migration militarisiert. „Eine meiner ersten Amtshandlungen wird der Beitritt zum Shield of the Americas sein“, kündigte De la Espriella unmittelbar nach seiner Vereidigung an. De la Espriella hat in diesem Kontext bereits angeboten, gemeinsame Militäroperationen durchzuführen und US-Truppen auf kolumbianischem Boden zu stationieren.Hubschrauber und Anti-Drohnen-TechnologieKern der Zusammenarbeit ist das Programm „Plan Patriot 2.0“, an dem Washington mit der neuen kolumbianischen Regierung arbeitet, wie die „New York Times“ berichtete. Das Programm sieht die Rückkehr zu einer engen militärischen Kooperation zwischen den beiden Ländern vor. Kolumbien soll zum zentralen Partner der Vereinigten Staaten in der Region werden. Zu den Kernpunkten der Kooperation gehören die Bereitstellung von US-Geheimdienstinformationen für Anti-Drogen-Einsätze sowie verstärkte Auslieferungen von Drogenhändlern an die amerikanische Justiz. Um die operative Schlagkraft der kolumbianischen Streitkräfte wiederherzustellen, sieht die Partnerschaft zudem die Instandsetzung der Hubschrauberflotte sowie den Transfer moderner Anti-Drohnen-Technologie vor. De la Espriella bezog sich dabei auch direkt auf den Kampf gegen die Guerillas unter dem früheren Präsidenten Álvaro Uribe. Die damalige Erfahrung habe gezeigt, „dass Sicherheit nicht mit Eingeständnissen an das Verbrechen aufgebaut wird“.Konfliktforscher der International Crisis Group warnen in einem soeben veröffentlichten Bericht jedoch vor den Grenzen dieser totalen Konfrontation. Eine rein militärische Strategie könne kontraproduktiv wirken, da das Ausschalten von Anführern oft zur Zersplitterung der Gruppen und damit zu heftigeren internen Machtkämpfen führe, warnen sie. Zudem bestehe die Gefahr, dass zivile Opfer und der Tod von zwangsrekrutierten Minderjährigen bei Luftangriffen das Vertrauen in den Staat weiter untergraben. Bereits unter Petro starben mindestens 65 Kinder bei Militäroperationen. Experten betonen zudem, dass das Militär allein keine dauerhafte Kontrolle in den Konfliktregionen herstellen kann, solange soziale Basisdienste wie Justiz und Bildung fehlen.Opposition ruft zum zivilen Ungehorsam aufEine Frage, die sich ebenfalls aufdrängt, ist die der Finanzierung. Die Sicherheit ist nicht das einzige Problem, mit dem sich die neue Regierung konfrontiert sieht. Petro schaffte es zwar, die Armutsquote in Kolumbien deutlich zu senken. Doch gleichzeitig ist Kolumbiens Haushaltsdefizit angewachsen. Es liegt heute bei etwa 6,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, und die Kosten für die öffentliche Verschuldung haben den höchsten Stand seit fast zwei Jahrzehnten erreicht. Vizepräsident José Manuel Restrepo, der unter dem konservativen Präsidenten Iván Duque Finanzminister war, wirft der Vorgängerregierung fiskalische Verantwortungslosigkeit vor. De la Espriella plant eine Reduzierung des Staatsapparates um 40 Prozent. „Wir müssen das Haus in Ordnung bringen“, sagte der neue Präsident und kündigte noch in seiner Antrittsrede ein Dekret zum Einfrieren der Staatsausgaben an. Die Sparmaßnahmen sollten allerdings nicht zulasten der Bedürftigsten gehen. Dafür ist er aber auf klare Mehrheiten im sehr fragmentierten Parlament angewiesen, in dem seine eigene Partei nur drei Senatoren stellt.Eine Kostprobe des politischen Widerstands, der sich gegen die neue Regierung formiert, gab es schon am Freitag. Während De la Espriella in Cali vereidigt wurde, gingen linke Bewegungen und Gewerkschaften in verschiedenen Städten auf die Straße. In Barranquilla rief der in der Stichwahl unterlegene Iván Cepeda zu einem „friedlichen zivilen Ungehorsam“ auf und stellte die Legitimität des neuen Präsidenten in Frage. Angeheizt wurden die Proteste vor allem auch von Gustavo Petro selbst, der seit der Wahl von Betrug spricht und das Wahlergebnis bis heute nicht anerkannt hat. Petro hat seine Anhänger zur Bildung von „Volksmilizen“ und zu Generalstreiks aufgerufen, sollte gegen ihn gerichtlich vorgegangen werden. Der Vereidigung seines Nachfolgers blieb Petro am Freitag wenig überraschend fern. De la Espriella versuchte in seiner ersten Rede zumindest verbal, über das eigene Lager hinauszugreifen. Er werde „Präsident aller Kolumbianer“ sein, sagte er, auch jener, die ihr Vertrauen in andere politische Optionen gesetzt hätten. Wie De la Espriella in seine Präsidentschaft startet, hängt somit weniger vom ersten Militärschlag gegen ein Kokainlabor ab, sondern mehr von seinen Fähigkeiten, die politischen Brüche im Land zu überwinden.