Wer in den vergangenen Tagen Budapest besuchte, dem fiel schnell auf, dass etwas anders war. Das ungarische Parlament war nicht der leuchtende Fixpunkt an der Donau, der es normalerweise ist, und auch die berühmte Kettenbrücke und die Burg blieben nachts dunkel. Wer noch genauer hinsah, merkte, dass Busse und Straßenbahnen langsamer fuhren als sonst und manche Güterzüge stillstanden. Und sobald man sich derzeit mit Menschen aus Ungarn unterhält, geht es schnell darum, wie sie die Zeit zwischen 17 und 22 Uhr verbringen. Nämlich ohne die Waschmaschine anzuschalten, das E-Auto zu laden und am besten auch ohne die Klimaanlage hochzudrehen, kurz: mit so wenig Stromverbrauch wie möglich.Die ungarische Regierung hat in den vergangenen Tagen sowohl Privatleute als auch große Unternehmen dazu aufgerufen, Strom zu sparen, vor allem während der Spitzenlast am Abend. Noch sind dies mehr oder weniger nachdrückliche Appelle. Es ist aber nicht auszuschließen, dass der Stromverbrauch auch noch gedrosselt werden muss.Ein Meer von Steinen, wo sonst Wasser fließt: Bewohner von Budapest auf einer Insel, die an einer Donaubrücke infolge der Trockenheit entstanden ist. Janos Kummer/Getty ImagesWährend des trockenen und heißen Sommers ist in Ungarn der Wasserstand der Donau empfindlich gesunken. Das Wasser reicht nun nicht mehr aus, um das Atomkraftwerk in Paks, hundert Kilometer südlich von Budapest, vollständig zu kühlen. In diesem war in den vergangenen Tagen nur mehr eine allerletzte Turbine in Betrieb. Das hat Auswirkungen bis in den kleinsten Haushalt.Das Land hat nur ein Atomkraftwerk, und dieses produziert den Großteil des benötigten StromsEs ist eine Energiekrise, wie sie Ungarn seit Jahrzehnten nicht erlebt hat. Zwar müssen während trockener Sommer auch anderswo immer wieder Atomkraftwerke heruntergefahren werden, zuletzt etwa in Frankreich. Doch Ungarn treffen die Folgen besonders hart. Das Land hat nur ein Atomkraftwerk, und dieses produziert einen Großteil des benötigten Stroms im Land.Man sei „wenige Millimeter“ davon entfernt gewesen, das Kraftwerk ganz vom Netz nehmen zu müssen, sagte Ministerpräsident Péter Magyar, als er am Dienstag in Paks war. Magyar hätte eigentlich genug zu tun. Er muss einen neuen Präsidenten finden, nachdem Amtsinhaber Tamás Sulyok, ein Vertrauter des abgewählten Viktor Orbán, per Verfassungsänderung aus dem Amt gekegelt worden war und Magyars Wunschkandidatin, die Schachspielerin Judit Polgár, abgesagt hatte. Dazu läuft Ende August die Frist ab, um die eingefrorenen EU-Milliarden zurückzubekommen, und dafür muss noch einiges an der Rechtsstaatlichkeit in Ungarn wiederhergestellt werden. Jetzt muss sich Magyar neben alledem auch noch als Krisenmanager beweisen.Unter Strom: Für Ungarns neuen Ministerpräsidenten Magyar ist es die erste Krise, in der er sich bewähren muss. Balint Szentgallay/IMAGOMagyar tut das, indem er seine Landsleute in den sozialen Medien unmittelbar anspricht und von Ort zu Ort eilt, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Noch kann er auf Selbstverantwortung setzen und darauf, dass sich die Industrie freiwillig beim Stromverbrauch beschränkt. Magyar zufolge klappe das gut, zehn bis fünfzehn Prozent des Verbrauchs konnten eingespart werden. Am Donnerstagabend konnte er dann entwarnen: Die Energiesicherheit sei wieder stabil, eine freiwillige Einschränkung sei nicht mehr erforderlich.Orbán hatte geplant, dass die Russen das AKW Paks ausbauenKurzfristig hilft ihm die Zeit, der Wasserstand der Donau ist wieder leicht angestiegen, für die kommenden Tage wird Regen erwartet. Mittelfristig wird sich die ungarische Regierung aber sehr grundsätzliche Gedanken über die Energieversorgung machen müssen. Ungarn bezieht nach wie vor russische Energie, Viktor Orbán hatte zudem Pläne vorangetrieben, dass das AKW Paks von der staatlichen russischen Atomenergiegesellschaft Rosatom ausgebaut wird. Orbán hatte sich deswegen auch immer wieder quergelegt, wenn EU-Sanktionen gegen die russische Atomenergiewirtschaft gefordert wurden.Allerdings hatte die Orbán-Regierung auch kräftig in Solarenergie investiert, die inzwischen mehr als ein Viertel der ungarischen Stromerzeugung ausmacht. Ungarn gehört damit zu jenen EU-Ländern, die den größten Anteil an Solarenergie im Strommix vorweisen können. Doch Experten zufolge reicht das nicht, zumal Energiequellen wie Wind- oder Wasserkraft vernachlässigt wurden. Zudem ist der Strombedarf nicht zuletzt durch die deutsche Autoindustrie, die in großem Stil in Ungarn produzieren lässt, stetig gewachsen.Zur Misere trägt wohl auch bei, dass unter Orbán die Energiepreise reguliert und für Privatverbraucher subventioniert wurden, sie gehörten deshalb zu den niedrigsten in Europa. Dies belastete nicht nur den Staatshaushalt, sondern führte auch dazu, dass das Bewusstsein in Ungarn, Energie zu sparen, nicht sehr ausgeprägt ist. Ob sich daran unter Péter Magyar viel ändern wird, ist fraglich. Allen Appellen zur Sparsamkeit zum Trotz gilt es als unwahrscheinlich, dass Magyar eine Erhöhung der Energiekosten in Kauf nehmen wird. Die Teuerung zu bekämpfen, war schließlich eines seiner zentralen Wahlversprechen gewesen.Die beliebten Donaukreuzfahrten kommen nur bis KomáromNicht zuletzt macht dieser Sommer auch deutlich, wie viele Länder von der Donau abhängen und wie verletzlich diese Lebensader in Zeiten des Klimawandels geworden ist. In Budapest ist die Donau so weit zurückgegangen, dass man auf den Sandbänken zwischen Steinhaufen spazieren konnte. Schiffe konnten dafür nicht fahren, die beliebten Donaukreuzfahrten kamen nur bis Komárom. In Rumänien wiederum musste die Armee einen Felsen in der Donau sprengen, damit mehr Wasser zum Atomkraftwerk Cernavoda fließen kann. Seit Ende Juli ist dort der Notstand ausgerufen.Zu den wenigen Berufsgruppen, die davon profitieren, dürften die Archäologen gehören. Immer wieder kommen im Niedrigwasser Reste der Vergangenheit zum Vorschein, Schiffswracks, gesprengte Brückenteile aus dem Zweiten Weltkrieg. In Bulgarien wurden im trockenen Donaubett sogar Stoßzähne gefunden, die von einem Mammut stammen sollen.
AKWin Paks liefert wegen Hitzesommer kaum Energie: Ungarn geht der Strom aus
Weil die Donau nicht genug Wasser führt, liefert Ungarns einziges AKW in Paks kaum Energie. Es ist die erste große Krise für Ungarns Premier














