Die teilweise Abschaltung des ungarischen Atomkraftwerks Paks hat eine alte energiepolitische Debatte neu belebt. Während einer außergewöhnlichen Hitze- und Dürreperiode war der Wasserstand der Donau auf ein historisch niedriges Niveau gefallen. Weil das einzige Kernkraftwerk des kleinen mitteleuropäischen Landes – eine zentrale Elektrizitätsquelle – auf Flusswasser zur Kühlung angewiesen ist, musste der staatliche Betreiber Teile der Anlage vom Netz nehmen. Aus einem technischen Problem ist damit ein politischer Vorgang geworden: In Budapest wird nun über Versäumnisse der früheren Regierung Viktor Orbáns, über die Abhängigkeit von Russland und über die Zukunft des geplanten Neubaus Paks II gestritten.Ministerpräsident Péter Magyar wirft der abgewählten rechtspopulistischen Orbán-Regierung vor, bekannte Risiken ignoriert zu haben. Fachleute hätten schon im Jahre 2018 empfohlen, Pumpen im Kraftwerk umzubauen oder zu verlagern, um die Kühlwasserversorgung auch im Falle niedriger Donaupegel zu sichern. Dass dies unterblieb, gilt der neuen Regierung als Beispiel für eine Politik, die Versorgungssicherheit zwar rhetorisch beschwor, notwendige Anpassungen an den Klimawandel aber verschleppte.Hinzu kommt ein zweiter Vorwurf: Orbáns Kabinette hätten den Ausbau erneuerbarer Energien behindert. Zwar wurde in großem Stil Solarkraft ausgebaut, sodass das Land einen Spitzenplatz beim Anteil am Strommix in Europa hat. Hingegen spielte Windkraft jahrelang praktisch keine Rolle.Ausbau verzögert sichDer dritte Kritikpunkt betrifft Paks II, der Ausbau wurde mit 12,5 Milliarden von der Vorgängerregierung veranschlagt – überwiegend von einem russischen Staatskredit finanziert. Wenn Magyar sagt, es gebe keinen Fortschritt, meint er nicht, dass auf dem Gelände gar nichts geschehen sei. Im Februar 2026 wurde der erste Beton für Block 5 gegossen. Formal gilt das Projekt damit als im Bau befindlich. Doch im politischen und wirtschaftlichen Sinn ist das Vorhaben weit von einem geordneten Projektfortschritt entfernt.Die beiden neuen Reaktoren, die zwei ältere Blöcke des seit 1982 betriebenen sowjetischen Kraftwerks ersetzen sollen, liegen Jahre hinter früheren Zeitplänen zurück. Während zwischenzeitlich eine Inbetriebnahme schon in den Zwanzigerjahren erwartet worden war, wird nun nicht vor den Dreißigerjahren damit gerechnet.Als echter Fortschritt gälte aus Sicht der Regierung daher mehr als ein symbolischer Baubeginn: Es fehlen belastbare Genehmigungen, ein gesicherter Finanzierungsrahmen, klare Lieferketten trotz Sanktionen und ein realistischer Zeitplan.Direktvergabe an Rosatom rechtswidrigUmstritten ist Paks II auf mehreren Ebenen. Innenpolitisch stehen sich die neue proeuropäische Regierung, die Orbán-Opposition und energiepolitische Lager gegenüber. Umweltverbände wie Global 2000 fordern den Ausstieg aus dem Projekt und verweisen auf die aktuelle Abschaltung als Beleg dafür, dass Atomkraft in Zeiten der Klimakrise anfälliger werde. In Europa geht es um Beihilfe- und Vergaberecht: Die EU-Kommission genehmigte im Jahre 2017 zwar staatliche Hilfen von zehn Milliarden Euro, doch die Direktvergabe an den russischen Staatskonzern Rosatom ohne EU-weite Ausschreibung wurde vom Europäischen Gerichtshof im vergangenen Jahr als rechtswidrig bewertet. Hinzu kommen Sicherheitsbehörden und internationale Kontrollgremien, die Genehmigungen, Baufortschritt und Standards überwachen.Aus Sicht der früheren Regierungspartei Fidesz versucht das Kabinett von Magyar unterdessen nur von eigenen Problemen und dem von ihm als misslungenes Energiemanagement bezeichneten Vorgehen während der herrschenden Dürre- und Hitzekrise an der Donau abzulenken.Vertraglich und politisch ist vorgesehen, dass Rosatom die beiden neuen Blöcke errichtet. Doch der russische Angriffskrieg, Sanktionsrisiken, Finanzierungsfragen, EU-Recht und die strategische Abhängigkeit von Moskau machen aus diesem Plan keine Gewissheit. Paks II ist damit nicht nur ein Kraftwerksprojekt, sondern ein Testfall dafür, ob Ungarn seine Energiepolitik weiter an Russland bindet – oder sie europäisiert und diversifiziert.