Zu den wichtigsten Bestandteilen der 2025 vom Berliner Senat verabschiedeten Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung vor extremer Sommerhitze gehört eine Karte mit kühlenden Orten, in die man sich im Notfall zurückziehen kann. Zum Beispiel in Parks, aber auch in Museen oder Kirchen. „Dual Use“ nennt man das im rüstungspolitischen Zusammenhang, wenn Dinge sowohl zivilen als auch militärischen Zwecken dienen können. Dual Use – das wird jetzt auch im kulturellen Sektor immer entscheidender: Wenn die Besucher nicht mehr wegen des alten Zwecks kommen, dann muss ein Theater oder ein Museum nach neuen Daseinsgründen suchen.Nackt-Führungen sind da zum Beispiel eine Idee, wie manche Museen entdeckt haben. Man kann aber Foyers auch zu „Dritten Orten“ umfunktionieren, die dann für offene Werkstätten oder Flohmärkte genutzt werden. An der Berliner Volksbühne hat man sich aufs Schwimmtraining verlegt und bietet jetzt Kraul-Kurse an.Vor dem traditionsreichen Schauspielhaus hat der neue Intendant Matthias Lilienthal soeben ein temporäres Schwimmbad eröffnet und damit einen beachtlichen PR-Erfolg erzielt. Ob nun wirklich ganz Berlin in den vergangenen Wochen über das „Volksbad“ diskutierte, wie es bei der mittäglichen Eröffnungsfeier hieß, sei dahingestellt. Zumindest war das Theater einmal wieder jenseits von Sparkurs-Gejammere im Gespräch, und es wurde über Sinn und Unsinn einer solchen Aktion gestritten.Die Blasenbildner sind im Urlaub300.000 Euro Steuergeld steckt in dem 25 Meter langen Pop-up- Schwimmbecken, davon sind 90.000 Euro für den Aufbau gezahlt worden, der Rest geht in Personalkosten. Denn so ein Schwimmbad muss nicht nur tagsüber, sondern vor allem auch nachts von einem Security-Team überwacht werden – „damit die betrunkenen Hostel-Touristen von gegenüber hier nicht absaufen“, so Lilienthal mit angetäuschter Schnoddrigkeit in seiner Eröffnungsrede.Elif Eralp (vorne in der Mitte), Spitzenkandidatin der Linken für die Wahl zum Abgeordnetenhaus Berlin, schwimmt im öffentlichen Schwimmbecken vor der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.ReutersFür alle ist das Bad also nicht da. Schon deshalb, weil man zwar kostenlos, aber nicht ohne Mühsal hineinkommt: Auf einer Website muss man sich einen Zeitslot buchen und dafür in einen Aktualisierungs-Wettbewerb eintreten. Nur wer schnell genug klickt, kann das neue Wunder von Mitte erleben.Lilienthal will mit seiner Aktion an die Tradition des sozialistischen Kreiskulturhauses anknüpfen und auch die Geschichte der Volksbühne zitieren, die ja bekanntlich aus der Arbeiterbewegung hervorging und Kunst für Menschen zugänglich machen wollte, die sie sich sonst nicht leisten konnten. Dass Lilienthal in gewohnter Luschenmanier seine soziale Performancearbeit von der „Kunstkacke“ eines Schiller-Abends absetzt – geschenkt. Was soll man schon wieder meckern und mosern? Es ist Sommer in Berlin, die meisten Blasenbildner sind im Urlaub, sogar der Kanzler ist weg.Man kann also auch einfach mal sagen: Glückwunsch zum geglückten Marketingcoup, kann sich die Badehose anziehen und ins ungeheuer blaue Becken gleiten. Springen sollte man nicht: 1,30 Meter beträgt die Beckentiefe, mehr hat der Denkmalschutz nicht erlaubt. Und so tippelt man eher, als das man schwimmt, vor der ikonischen Fassade hin und her, freut sich über den ungewohnten Blickwinkel, die vielen lachenden Gesichter – und darüber, dass zwei Rettungsschwimmerinnen gut auf einen aufpassen.
Volksbühne Berlin baut 300.000-Euro-Planschbecken
Intendant Matthias Lilienthal steckt eine Menge Steuergeld in ein temporäres Schwimmbad vor der Volksbühne. Wer online schnell genug klickt, darf im 1,30 Meter flachen Wasser vor der Theaterfassade dümpeln. Lohnt das?














