KommentarDie letzte Hoffnung auf ein Wachstumswunder: Deutschland muss sein Geschäftsmodell radikal überdenkenAusgerechnet die deutsche Industrie hätte beste Voraussetzungen, um mit KI den Fabrikalltag zu revolutionieren. Dafür muss das Land aber jetzt handeln.05.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenEin Facharbeiter von VW in Zwickau. Dem Werk droht laut Medienberichten eine Schliessung.Martin Divisek / EPAEs scheint fast, als könnten nur noch Zweckoptimisten beim Gedanken an die Industrienation Deutschland zuversichtlich bleiben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.So bauten deutsche Industrieunternehmen im vergangenen Jahr 125 000 Stellen ab, einst stolze Marken wie Bosch oder ThyssenKrupp befinden sich in Schieflage. Das eindrücklichste Symbol der Krise ist VW. Der Wolfsburger Autokonzern steht wie kein anderes Unternehmen für den Aufstieg und Niedergang eines Wirtschaftsmodells. Jahrzehntelang lieferte niemand gleichwertige Autos zu besseren Preisen als die Deutschen. Dieser Vorteil ist weg, und das wohl endgültig.Wie der VW-Chef Oliver Blume vorrechnet, liegen die Gemeinkosten für einen in Deutschland produzierten Wagen zwanzig Prozent über dem Niveau von vergleichbaren Konkurrenten im Ausland. Trotzdem ist sein Sparprogramm bei der Politik und den Arbeitnehmern so unbeliebt, dass Blume schon bald weichen könnte – und das Schlamassel dann einem Nachfolger überlässt, der mit dem gleichen Widerstand rechnen muss.Der mächtigste Konzern eines Sektors, der einst der Stolz einer ganzen Nation war, wirkt wie ein hoffnungsloser Sanierungsfall. Vielen weiteren Industriebetrieben geht es ähnlich. Im Ruhrgebiet etwa, einer Hochburg der Stahlproduktion, erzählen ganze Landstreifen von einer glorreichen Vergangenheit, die nie mehr zurückzukehren scheint.Dabei hat die deutsche Industrie sehr wohl eine blühende Zukunft vor sich – wenn das Land jetzt Mut beweist und sein Geschäftsmodell radikal überdenkt. Deutschland hat die Wahl. Entweder wagt das Land den Wandel zur Hightech-Nation, oder es endet als Industriemuseum.Heimische Startups machen HoffnungAusgerechnet in Deutschland, wo die Industrie in vielen Dingen dem technologischen Fortschritt hinterherhinkt, tüfteln schon heute zahlreiche Unternehmer an einigen der vielversprechendsten Projekte weltweit. Sie könnten den Alltag durch den gezielten Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) in der Industrie revolutionieren.So erproben die Startups Black Forest Labs und Mimic Robotics im Audi-Werk in Ingolstadt eine KI, welche die Roboter in der Fabrik autonom ansteuern soll. Die Münchner Firma Celonis bietet Unternehmen eine Plattform, auf der Firmen ihre Geschäftsprozesse mit KI analysieren können. Und in einer kleinen Gemeinde in der Nähe von Stuttgart baut Neura Robotics humanoide Roboter, die menschenähnliche Bewegungsabläufe innert Kürze erlernen und so künftig qualifizierte Arbeitskräfte in Fabriken ersetzen sollen. Gleich mehrere amerikanische Konzerne wie Tether, Amazon und Nvidia haben in das deutsche Startup investiert – weil es weltweit kaum ein ähnlich innovatives Unternehmen im Bereich der Robotik gibt.Schon in naher Zukunft dürften Fabriken anders aussehen als heute. Wo jetzt noch Menschen die Abläufe der Produktion festlegen, wird die KI die Kontrolle über die Produktionsabläufe übernehmen. Die Maschine optimiert dann Bauteile, steuert die Roboter, trifft eigenständig Entscheidungen über den Fertigungsprozess.Wetteifern um das Industriemodell der ZukunftVolkswirtschaftlich verspricht ein flächendeckender Einsatz von KI in der Industrie mehr Wachstum. So schätzt das Beratungsunternehmen McKinsey, dass sich die Produktivität in der Industrie verdoppeln bis verdreifachen könnte, etwa durch weniger Mängel sowie einen effizienteren Energieverbrauch bei der Produktion. Und Forscher des Instituts der deutschen Wirtschaft beziffern das Potenzial auf 440 Milliarden Euro bis 2034, knapp ein Zehntel der Wirtschaftsleistung in einem ganzen Jahr.Nebenbei löst KI ein demografisches Problem: In kaum einem anderen Wirtschaftszweig zeigt sich die Überalterung der Gesellschaft deutlicher als in der Industrie.Auch die Konkurrenz sieht daher grosse Chancen in einer weiteren Automatisierung. So hat die chinesische Regierung im jüngsten Fünfjahresplan die industrielle KI zur Staatsangelegenheit erklärt. Und die KI-Investitionen in den USA übersteigen diejenigen in anderen Weltregionen um ein Vielfaches.Davon sollten sich die Deutschen aber nicht einschüchtern lassen. So scheint der Abstand zu den USA und China bei herkömmlichen KI-Sprachmodellen wie Chat-GPT oder Claude uneinholbar. Bei der Anwendung von KI im Industriebereich ist das anders. Deutschland hat eine echte Chance, bei der Entwicklung von vollautomatisierten Produktionsbetrieben an die Weltspitze aufzuschliessen.Auch die Konzerne müssen sich bewegenEine KI-Anwendung für die Industrie braucht gute Daten und kompetentes Personal. Nirgendwo sind die Voraussetzungen mehr gegeben als in Deutschland, wo viele Weltmarktführer seit Jahrzehnten ihren Hauptsitz haben.Auch die stolzen Industrieunternehmen im Land müssen daher mutig sein und ihr Geschäftsmodell anpassen. Ein gutes Beispiel ist Siemens: Der CEO Roland Busch will aus dem Industriekonglomerat einen integrierten Technologiekonzern formen. Um das zu erreichen, ist Siemens gleich mit mehreren Startups Kooperationen eingegangen – unter anderem mit Neura Robotics.Manche Kritiker halten Buschs Strategie für eine Utopie. Dabei ist sie konsequent. Nur wenn sich eine Firma auf neue Technologien einlässt, kann sie inmitten wachsender Konkurrenz eine glaubwürdige Erzählung für die Zukunft liefern.Ein weiterer Vorteil sind die zahlreichen Forschungsstandorte in der Region. So entsteht in Heilbronn ein Innovationspark für künstliche Intelligenz, finanziert vom Lidl-Gründer Dieter Schwarz. München wird dank der Technischen Universität immer mehr zu einem Hotspot für Gründer, allen voran im Rüstungsbereich. Und auch die Nähe zur ETH Zürich trägt dazu bei, dass in Süddeutschland gerade etwas heranwächst.Was Deutschland jetzt brauchtUm das volle Potenzial davon auszuschöpfen, müssen sich jedoch grundlegende Dinge ändern.So wird in Europa technologischer Fortschritt häufig reguliert, bevor er überhaupt entstanden ist. Deutsche Politiker versprechen in ihren Reden Besserung. Und auch die Regierung hielt in ihrer kürzlich veröffentlichten Startup- und Scaleup-Strategie ausdrücklich fest: Die hohe Regulierungsdichte im Land erschwert Neugründungen und bremst das Wachstum. Karsten Wildbergers Ministerium für Digitalisierung und Staatsmodernisierung lieferte Ansätze, blieb im ersten Jahr aber hinter den Erwartungen zurück. Weiterhin wartet die Wirtschaft sehnlichst auf einen echten Umschwung bei der Bürokratie.Entscheidend wäre auch eine Lockerung des Kündigungsschutzes, eines Relikts der alten Industriegesellschaft. Denn geht ein Unternehmer in Deutschland Risiken ein, drohen ihm im Falle eines Scheiterns hohe Kosten für Abfindungen und Sozialpläne. Die von der Regierung angekündigte Anpassung des Kündigungsschutzes für Hochverdiener ist richtig, geht aber noch nicht weit genug.Zudem muss Deutschland sein Energieproblem lösen. Will das Land zur KI-Nation werden, braucht es einen massiven Zubau von Datenzentren und Rechenkapazitäten. Diesen wird es nur mit günstigeren Strompreisen und besseren Netzen geben, denn sonst investieren die Tech-Konzerne lieber anderswo.Und in Sachen Wagniskapital behandeln deutsche Anleger das Thema viel zu stiefmütterlich. Allzu häufig sind es amerikanische Investoren, die den deutschen Startups die nötigen Mittel für ihre Ambitionen bereitstellen. Damit verlieren die Europäer trotz verfügbarem Wohlstand die Kontrolle über die eigenen Hoffnungsträger.Letzte Hoffnung auf ein WachstumswunderVor allem aber sollte Deutschland sich von seinem alten Verständnis der Industrie verabschieden. Die teilautomatisierte Produktion von Massengütern, etwa das Zusammenbauen von Autos am Fliessband, wird langfristig kein Erfolgsmodell für das Land mehr sein. Die Konkurrenz dafür ist zu gross, allen voran die aus China.Auch Moritz Schularick, Präsident des Kiel-Instituts für Weltwirtschaft, sagte der NZZ in einem Interview: «Stahl, Grundlagenchemie und Verbrennerautos werden nicht die Wachstumstreiber des nächsten Jahrzehnts sein. Eigentlich wissen das alle.» Dennoch drehe sich die wirtschaftspolitische Debatte sehr oft ums Bewahren und Erhalten: «Wir laufen rückwärts in die Zukunft.»Um im Wettbewerb zu überleben, bieten sich für deutsche Industriebetriebe nur zwei Möglichkeiten. Entweder finden sie eine Nische, die einen hohen Spezialisierungsgrad erfordert. Oder sie nutzen ihren Datenschatz und wagen die KI-Revolution.Für Deutschland liegt in der industriellen KI vielleicht die letzte Hoffnung auf ein Wachstumswunder. Nur wenn das Land sich auf moderne Technologien einlässt, kann es den Grossmächten USA und China wirtschaftlich und geopolitisch noch etwas entgegenhalten.Passend zum Artikel