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Autoproduktion in Deutschland: „Die Autoindustrie wurde schon oft totgesagt“ Deutschlands Autoindustrie steckt im Umbau – und in der Krise. Ökonom Martin Gornig erklärt, was den Standort wieder wettbewerbsfähiger machen könnte.

Kevin Gallant 14.07.2026 - 12:16 Uhr Bis zu 50.000 Jobs könnten bei VW im Zuge der Neuausrichtung des Konzerns bedroht sein. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpaWirtschaftsWoche: Herr Gornig, wenn Sie den Zustand der Autoindustrie in Deutschland heute in einem Satz beschreiben müssten – wie würde der lauten? Martin Gornig: Noch immer in der Transformation. Das Potenzial dafür, die auch gut zu überstehen, ist meiner Meinung nach aber da. Ich bin da gar nicht so pessimistisch – aus der Erfahrung heraus, dass diese Industrie schon oft totgesagt wurde. Das letzte Mal in der Finanzkrise, davor in der Basar-Ökonomie, davor war es der Japan-Schock, wiederum davor der Wechselkurs-Schock.Die aktuellen Umstände sind dennoch drastisch: VW-Chef Blume will das größte Unternehmen des Landes umgestalten, möglicherweise fallen bis zu 50.000 Stellen weg. Inwiefern könnte so ein Umbau helfen? Schrumpfung gehört zu so einem Prozess dazu, schrumpfen und wieder wachsen ist Strukturwandel. Auch in Unternehmen. Dass dieses Prinzip funktionieren kann, hat auch schon die Vergangenheit gezeigt.Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des privaten Instituts Center Automotive Research, hat kürzlich erklärt, VW müsse zur 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich zurückkehren, um die Kosten zu senken. Ist das ökonomisch der richtige Hebel? Es kann für die Arbeitnehmer eines Unternehmens auch mal sinnvoll sein, zeitweise auf Löhne zu verzichten. Aber grundsätzlich ist es doch so: Deutsche Autos werden seit Jahrzehnten nicht verkauft, weil sie besonders billig sind. Deutsche Autos werden gekauft, weil sie besonders gut sind. Unsere Schwäche liegt doch darin, dass die Autos nicht mehr als technologisch gut oder gar führend angesehen werden. Und wenn man ein Premiumfahrzeug verkaufen will, dann muss man nachweisen, dass man führend ist. Da hilft es nicht, etwas fast so Gutes zu verkaufen wie die Chinesen. Zur Person Martin Gornig ist Diplom-Ökonom und seit 2017 Forschungsdirektor Industriepolitik am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin.Was würde denn dabei helfen, die hohen Produktionskosten hierzulande abzufedern und den Autobauern zusätzliche Luft zu verschaffen? Natürlich muss man die Kosten im Griff haben. Dennoch kann die Lösung nicht darin liegen, die Kosten auf chinesisches Niveau zu bringen. Das wird hierzulande nicht funktionieren. Die zentrale Größe, über die sich Kosten einsparen lassen, ist die Effizienz. In der Vergangenheit ist dies über Entwicklungsplattformen und Automatisierung gelungen. Künftig dürfte auch industrielle KI eine größere Bedeutung gewinnen.Wie viele der Probleme der Autobauer sind aus Ihrer Sicht hausgemacht? Man ist immer kollektiv verantwortlich. Selbst wir als Wissenschaftler haben das Loblied auf das Erfolgsmodell deutsche Autoindustrie vielleicht zu lange gesungen. Die Politik erst recht. Die Unternehmen selbst mussten lange nicht viel machen, weil sie technologisch überlegen waren und die anderen nicht hinterhergekommen sind. Aber man hätte viel früher erkennen müssen, dass man für den nächsten technologischen Schub investieren muss, solange man viel Geld verdient. Aber das muss man auch erstmal seinen Anteilseignern beibringen, dass die auf Dividende verzichten sollen.Gerade in Süddeutschland hängen an der Autoindustrie nicht nur Werke, sondern auch Zulieferer, Ausbildungsplätze und kommunale Einnahmen. Was bedeutet diese anhaltende Schwäche perspektivisch auch für die Regionen? Die Automobilindustrie ist von immenser volkswirtschaftlicher Bedeutung. Wenn es nicht gelingt, die Technologieführerschaft wieder zu erlangen, würden nicht nur viele Leute ihren Job verlieren, sondern in Deutschland auch dauerhaft industrielle Kompetenzen verloren gehen.Volkswagen Die vertraulichen Pläne der VW-Anteilseigner vor der Krisensitzung von Philip KaletaWie lang ist der Rattenschwanz für den gesamten Wirtschaftsstandort denn noch, der an der Autoindustrie hängt? Das kommt darauf an, was man dazuzählt. Ganz falsch ist die uralte These von jedem siebten Arbeitsplatz, der irgendwie mit dem Auto zusammenhängt, immer noch nicht. Das heißt nicht, dass jeder siebte Arbeitsplatz wegfallen würde, wenn wir keine Autos mehr produzieren, aber diese Industrie hat für die deutsche Volkswirtschaft eine wirklich erhebliche Dimension.Die Bundesregierung will mit ihrem Reformpaket den Standort wieder in Bewegung bringen. Welche Maßnahmen würden gerade für die Autoindustrie tatsächlich einen Unterschied machen? Eine bessere Technologiepolitik. Man muss ganz konzentriert und strategisch überlegen, wie wir unseren Konzernen helfen können, technologisch aufzutrumpfen. Wo kann man Mittel in die Forschung bringen? Es geht nicht um Dauer- oder Erhaltungs-Subventionen. Es ergibt keinen Sinn, wenn man die bisherige Autoproduktion fördert, wohl aber einen technologischen Umschwung, um die Transformation zu beschleunigen.Woran würden Sie in Zukunft erkennen, dass sich der Autostandort Deutschland tatsächlich stabilisiert? Der zentrale Indikator sind für mich die Investitionen. Wenn zwischendurch auch mal die Beschäftigtenzahlen sinken, ist das aus meiner Sicht auch nicht so schlimm, insofern am Ende durch mehr Investitionen auch wieder mehr Wertschöpfung da ist.Was wäre aus Ihrer Sicht der größte wirtschaftspolitische Fehler für die Autoindustrie und den Wirtschaftsstandort Deutschland in den kommenden zwei Jahren? Zu denken, man könnte ein Billig-Produktionsstandort werden. Das lässt sich nicht erreichen. Das kann vielleicht mal beim Atmen und Investieren helfen, aber niemals eine langfristige Strategie sein. Mehr zum Thema Unsere Partner Anzeige Stellenmarkt Die besten Jobs auf Handelsblatt.com Anzeige ImmoScout Jetzt kostenlos den Wert deiner Immobilie ermitteln Anzeige IT BOLTWISE Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik Anzeige Remind.me Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s Anzeige Presseportal Lesen Sie die News führender Unternehmen! Anzeige Bellevue Ferienhaus Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen Anzeige Übersicht Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche Anzeige Finanzvergleich Die besten Produkte im Überblick