Auch Bergsteiger quälen sich im Fitnessstudio oder machen Yoga. Denn das Überleben am Achttausender beginnt im TrainingProfi-Alpinisten wie David Göttler und Michael Wohlleben bereiten sich gezielt auf ihre extremen Routen vor – körperlich und mental.Stephanie Geiger05.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenBevor es an die Felswand geht, steht für Alpinisten intensives Training an.Anthony Anex / KeystoneDavid Göttler liegt schweissgebadet auf dem Boden. Göttler, einer der erfolgreichsten Höhenbergsteiger Deutschlands, hat sich soeben auf einer Tartanbahn verausgabt. Er hält dies mit einem Selfie in seiner Instagram-Story fest. «Sie haben gesagt, Training in der Hitze sei gut . . . Schauen wir mal!», schreibt er dazu. Ein Emoji soll seinen Erschöpfungszustand symbolisieren: hochroter Kopf, ein Schweisstropfen, die Zunge weit herausgestreckt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein Alpinist, der auf einer Laufbahn seine Fitness und Ausdauer trainiert? Das mag auf den ersten Blick überraschen. Ein Bergführer stählt seinen Körper in seinem Beruf doch bereits genug, könnte man meinen. Und ein Profi-Alpinist braucht doch keinen ausgeklügelten Trainingsplan, um erfolgreich zu sein – oder? Frei nach dem Motto des Ausnahmebergsteigers Reinhold Messner: so schnell wie möglich einen Berg hinauflaufen und 1000 Höhenmeter in 35 Minuten absolvieren – wie er sich einmal in einem Interview erinnerte. Doch die Realität vieler Bergsteiger sieht anders aus.Training für die entscheidenden 2 ProzentDer deutsche Bergsteiger und Alpinkletterer Michael Wohlleben sagt, er müsse für seine Tätigkeit als Bergführer nicht extra trainieren. «Für meine alpinistischen Projekte als Bergsportler hingegen hat gezieltes Training einen sehr hohen Stellenwert.» Insbesondere beim Klettern sei fokussiertes Training zentral. Ende 2023 gelang dem 36-Jährigen, der seit vielen Jahren in der Schweiz lebt, zusammen mit Simon Gietl und Lukas Hinterberger die erste vollständige Begehung von unten (Ground-up) der Mixed-Route Ultima Perla in der Nordwand des Monte Agnèr in den Dolomiten südlich von Cortina d’Ampezzo.Um zum Eisfall im oberen Wandteil zu gelangen, kletterten sie erst vom Wandfuss eine Route, die im Winter noch nie geklettert worden war. Auch die Kombination aus beiden Teilen hatte vor ihnen nie jemand gemacht. Insgesamt drei Tage mit zwei exponierten Biwaks verbrachten die Kletterer für das Projekt in der Wand. «Erfolge wie dieser fallen nicht vom Himmel», sagt Wohlleben. Das Training macht sie möglich.Michael Wohlleben, Simon Gietl und Lukas Hinterberger bei der ersten Ground-up-Begehung der Mixed-Route Ultima Perla.PDWobei Training nicht gleich Training ist. Wohlleben kennt niemanden, der eine Route im Schwierigkeitsgrad 9a klettert und gleichzeitig im Höhenbergsteigen ganz vorne mitmischt. Das sei nicht möglich, zu unterschiedlich seien die jeweiligen Anforderungen, sagt er.Wohlleben arbeitet seit einigen Jahren erfolgreich mit einem Coach zusammen, der ihm einen kletterspezifischen Trainingsplan vorgibt, diesen bei körperlichen Beschwerden anpasst und alle drei Monate überarbeitet. Für sein Konditionstraining hat sich der ausgebildete Physiotherapeut seinen eigenen Trainingsplan zusammengestellt.«Man weiss nicht, wann am Berg 2 Prozent mehr Kraft, Ausdauer und Können gebraucht werden, um nicht zu sterben», sagt Wohlleben. Er trainiert dafür, dass diese 2 Prozent nicht fehlen. Das Ziel: Der Körper soll die Belastungen aushalten, denen er bei den extremen Projekten ausgesetzt ist. Fatal wäre es, wenn der Rücken weit über einer schlechten Zwischensicherung oder gar an der Schlüsselstelle zu schmerzen begänne.Pro Woche kommt Wohlleben auf bis zu fünf Stunden Ausdauertraining im Fitnessstudio und auf bis zu acht Stunden Klettertraining an der Kletterwand. Ist er noch dazu am Fels beim Klettern, dient das vor allem der Übung. Seine Grundlagenausdauer trainiert er, wenn er an ein bis zwei Tagen pro Woche als Bergführer arbeitet. Ist Wohlleben in einer Woche vier Tage mit Gästen unterwegs, ärgert ihn das als Kletterer. «Es beeinflusst mein Niveau negativ», sagt er.Wohlleben stieg im Alter von 16 Jahren zum ersten Mal durch die Nordwand des Eiger. Damals lernte er den Schweizer Extrembergsteiger Ueli Steck kennen, der für sein ausgeklügeltes Training bekannt war. Und so begann auch Wohlleben zu trainieren. «Rückblickend war das zwar total planlos, aber es war zumindest ein Versuch», sagt er.Er beobachtet beim Bergsport-Nachwuchs andere Trainingsansätze, als sie noch in seiner eigenen Jugend üblich waren. Obschon es da ebenso Luft nach oben gebe wie bei den Expeditionsteams der alpinen Vereine, die den Nachwuchs förderten, wie er sagt.Heute begleitet Wohlleben Hobbybergsteiger, die sich daheim auf ein bestimmtes Tourenziel vorbereiten möchten – und festgestellt haben, dass sie sich durch abendliches Joggen am Berg nicht verbessert haben. Wohlleben schreibt für sie Trainingspläne.Vom Treppensprint zum AchttausenderWährend Michael Wohlleben bereits in jungen Jahren mit dem Klettertraining begann, war David Göttler bereits ein anerkannter Alpinist, als er die Zusammenarbeit mit einem Coach aufnahm.Seine Follower in den sozialen Netzwerken lässt er heute regelmässig an seinen Trainings teilhaben: Göttler rennt an der spanischen Nordküste, wo er seit einigen Jahren lebt, steile Treppen hinauf, als hinge sein Leben davon ab. Er macht Yoga, das nicht nur Kraft, sondern auch viel Körperbeherrschung fordert. In der Sommerhitze quält er sich auf der Laufbahn bis an seine Grenzen. Das alles, um schliesslich bei eisigen Temperaturen über schwierige Routen und ohne Flaschensauerstoff auf die höchsten Berge in Nepal und Pakistan zu steigen. So wie im vergangenen Juni durch die Rupal-Flanke auf den Gipfel des Nanga Parbat.Göttler ist sich sicher: «Das strukturierte, geplante und zielgerichtete Training macht einen echten Unterschied. In den ersten Jahren habe ich unglaubliche Leistungssteigerungen erlebt.» Er sieht einen Vorteil darin, nicht nur das zu tun, was ihm ohnehin leichtfällt, sondern auch ausserhalb seiner Komfortzone das Notwendige zu trainieren.Als Beispiel nennt er seine einstündigen Treppenläufe mit 15 Kilogramm Gewicht im Rucksack, 4 Kilogramm an den Knöcheln. «Da weiss ich schon vorher, dass das eine Quälerei wird», sagt Göttler. Selbst wäre er nicht auf die Idee dazu gekommen. Sein Fitnesscoach spornt ihn an – und mahnt ihn zur Ruhe, wenn er Erholung benötigt.Die körperliche Fitness ist nur ein Teil des Erfolgs beim Bergsport. Alpinisten wie Göttler und Wohlleben gehen regelmässig an die Grenze des Möglichen – verschieben sie bestenfalls sogar. Daher arbeiten sie wie viele Leistungssportler ergänzend auch mit Mentaltrainern zusammen.Die Zeit und den Aufwand, die Wohlleben und Göttler in ihr Training investieren, können Freizeitsportler aber oft nicht aufbringen. Diese Erfahrung hat David Göttler kürzlich während eines Praktikums bei seinem Ausrüster gemacht. Zum ersten Mal in seinem Leben sei er dort einer Nine-to-five-Büroarbeit nachgegangen. Trainieren musste der Alpinist nebenher. «Da gab es dann nichts anderes mehr in meinem Leben. Nur Job und Training», sagt Göttler.Indoor-Training für die Berge braucht viel Zeit – für Freizeitsportler oft eine Herausforderung.Jordi Salas / Moment RF / GettyWie viel das Training wirklich bringt, lässt sich beim Bergsport nicht an harten Fakten festmachen. Vergleichbarkeit ist ihm nicht gegeben, wie etwa beim 100-Meter-Lauf. Was für ihn möglich gewesen wäre, wenn er früher mit dem spezifischen Training begonnen hätte? Diese Frage stellt sich David Göttler oft. Aber der Vorteil vom Bergsteigen sei, dass Athletinnen und Athleten nicht schon mit zwanzig ihren Zenit erreicht hätten.Auch der 47-jährige Göttler fühlt sich so, als käme sein Höhepunkt als Bergsteiger erst noch: «Ich kenne meinen Körper besser als früher. Ich habe eine viel bessere Ausdauer, laufe einen Marathon in drei Stunden, was früher nie möglich gewesen wäre.» Auch mental habe ihm das Training noch einmal «einen unglaublichen Boost gegeben».Passend zum Artikel
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Profi-Alpinisten wie David Göttler und Michael Wohlleben bereiten sich gezielt auf ihre extremen Routen vor – körperlich und mental.












