Interview«Einen Everest-Rekord mit Flaschensauerstoff zu erreichen, ist wie einen Tour-de-France-Sieger auf dem E-Bike zu krönen», sagt der Höhenbergsteiger David GöttlerDer Deutsche erklimmt die höchsten Berge und Wände – trotzdem will er kein Held sein. Er vermisst im Alpinismus oft die Ehrlichkeit und kritisiert die zunehmende Selbstinszenierung.Stephanie Geiger04.06.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenDavid Göttler stand 2022 auf dem Mount Everest – ohne Flaschensauerstoff.PDDavid Göttler, Sie haben kürzlich mit dem amerikanischen Alpinisten Colin Haley am Langshisha Ri, einem Sechstausender in Nepal, vermutlich eine neue Route eröffnet. Statt sich dafür zu feiern, fragten Sie auf Social Media, ob die Route womöglich schon vorher begangen worden sei.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es entspricht dem Zeitgeist, zu meinen, man müsse schnell maximal viel hinausposaunen. Da werden irgendwelche Tatsachen für sich in Anspruch genommen. Man erklärt sich als den Ersten und den Schnellsten. Ich finde das eine Unart.Die Versuchung ist gross.Leider sehe ich oft, dass Plattformen Instagram-Posts mit Copy-Paste ungeprüft übernehmen. Mein Wunsch wäre, öfter einen Tag zu warten, als beim Nachrichtenrausch mitzumachen. Weil es im Bergsteigen keine Regeln gibt, ist Kritik immer etwas schwierig und kann schnell als Neid ausgelegt werden. Aber zumindest hoffe ich, dass ich mit meiner Art der Kommunikation – maximal transparent und maximal ehrlich – ein Vorbild sein kann für andere.Was gehört für Sie dazu?Offen zu kommunizieren, wenn man Unterstützung durch einen Sherpa hatte. Was soll ein Gipfelbild ohne Sauerstoffmaske, wenn man mit Flaschensauerstoff unterwegs war? Ich finde, so etwas muss schon im ersten Post offengelegt werden. Und dann kann ich mich auch unglaublich für jemanden freuen, der das offenlegt. Wenn es aber erst bei der zehnten Nachfrage durchsickert, dann habe ich wenig Respekt.Vergangenes Jahr gingen die Wogen hoch, weil der italienische Höhenbergsteiger Marco Confortola behauptete, alle 14 Achttausender bestiegen zu haben. Er liess sich feiern dafür, obwohl Hinweise Zweifel an seiner Aussage weckten. Wieso nehmen es einige mit der Wahrheit nicht genau?Das frage ich mich auch. Für mich ist es unverständlich, dass man mit Halbwahrheiten und Falschaussagen, die einen für immer begleiten, leben kann. Oft habe ich es erlebt, dass mir im Basislager verschiedene Versionen derselben Tage am Berg erzählt worden sind – häufig kommen genauso viele Wahrheiten zurück wie Personen. Ich will niemandem eine Lüge unterstellen. Jeder speichert es eben so ab, wie es für ihn selbst am besten ist.In Ihrem Vortrag und auch im Film über die Durchsteigung der Rupal-Wand am Nanga Parbat auf der Schell-Route, die Sie vorher viermal versucht haben, zeigen Sie, wie Sie den Gipfel erreichen. Auf heroische Musik, die man erwartet und oft auch bekommt, verzichten Sie. Stattdessen erlebt man die letzten Meter hautnah mit.Ich zeige, wie es dort oben war. Die Atemfrequenz, das Knirschen des Schnees, der Wind und wie langsam ich unterwegs war. Interessant ist, dass ich genau darauf schon öfter angesprochen wurde. Das bleibt den Zuschauern offenbar. Ich bin absolut glücklich, wenn man mich nicht als Helden der Berge wahrnimmt.David Göttler kritisiert den Heldenkult: «Oft lässt sich jemand als Held feiern, der Wahnsinniges überlebt hat, weil er eine Dummheit beging.»PDSind Sie der Antiheld?Ich versuche nicht, das bewusst zu vermitteln. Ich habe kein Problem damit, mit Leuten unterwegs zu sein, die im Rampenlicht stehen, sonst hätte ich nicht mit Gerlinde Kaltenbrunner, Ralf Dujmovits, Ueli Steck oder Kilian Jornet unterwegs sein dürfen. Ich muss aber nicht in der ersten Reihe stehen, verspürte nie den Drang, dass ich irgendwo der Erste oder der Schnellste sein muss. Aber ich gebe zu, dass es mir schwerfällt, mich von Fomo loszusagen, wenn ich sehe, was andere machen.Fomo steht für die Angst, etwas zu verpassen. Selbstdarstellung hatte in den vergangenen Wochen im Himalaja Hochkonjunktur. Am Mount Everest wurden wieder Helden am Fliessband produziert.Ich tue mich mit dem Begriff «Held» schwer. Es ist ein romantisches Bild, das etwas glorifiziert, was nicht zu glorifizieren ist. Oft lässt sich jemand als Held feiern, der Wahnsinniges überlebt hat, weil er eine Dummheit beging und dann in grosse Schwierigkeiten geraten ist. Leistungen zu differenzieren, fällt auch mir oft schwer, dabei sollte ich das mit meinem Wissen können. Für Aussenstehende ist das natürlich noch schwieriger.Einer der besten Höhenbergsteiger Deutschlandshin. David Göttler, 47 Jahre alt, ist in Starnberg geboren und in München aufgewachsen. Er gehört zu den erfolgreichsten aktiven deutschen Höhenbergsteigern. 2022 stand er ohne Flaschensauerstoff und Unterstützung durch Sherpas auf dem Gipfel des Mount Everest. Im vergangenen Jahr durchstieg er die 4500 Meter hohe Rupal-Flanke am Nanga Parbat, die höchste Wand der Welt. Göttler lebt im Sommer in Nordspanien und in Chamonix im Winter.Sie hätten es sich auch am Nanga Parbat leichter machen können . . .. . . indem ich nach dem zweiten Versuch im Winter einfach auf die andere Seite gewechselt wäre.Richtig.An der Rupal-Flanke ohne Flaschensauerstoff, ohne Fixseil und mit einem kleinen Team unterwegs zu sein, hat meine Erfolgschancen unglaublich geschmälert. Ich wusste, dass ich es auf den Gipfel schaffen würde, würde ich auf die Diamir-Seite wechseln. Das war für mich eine echte Herausforderung, an der ich auch mit meiner Mentaltrainerin gearbeitet habe. Es ist schwierig, an den Achttausendern sein Spielfeld, seinen Kompass, seine Werte zu behalten. Damit umzugehen, dass quasi jeder mit maximalen Hilfsmitteln und mit Guide auf den Nanga Parbat kommt und man als Profi umdrehen muss.Diese Erfahrung muss eine unglaublich frustrierende gewesen sein. Fiel es Ihnen auf dem langen Weg durch die Rupal-Wand manchmal schwer, sich zu motivieren?Motiviert zu sein, war nie meine Schwäche. Das Problem war eher, an den Achttausendern sein eigenes Spielfeld zu finden und die Werte und den Kompass zu behalten. Mir ist heute viel besser bewusst, was ich will.Es gab also Zweifel und die Versuchung, vom eigenen Weg abzuweichen?Zweifel ganz sicher. Aber die Versuchung, am Nanga Parbat auf die andere Seite und den Normalweg zu wechseln, gab es nie. Da war ich mir gerade bei den letzten drei Versuchen schon zu sicher, dass ich es nur über die Rupal-Seite probieren will. Gerade nach den Erfahrungen am Mount Everest hatte ich keine Motivation mehr für den Normalweg.Sie stiegen 2022 ohne Flaschensauerstoff auf den Gipfel des Mount Everest. Haben Sie das Gefühl, Ihre Leistung wurde entsprechend gewürdigt?Es gab eine Zeit, in der ich damit gehadert habe. Jetzt kann ich damit umgehen. Ich habe immer offen kommuniziert, dass ich ohne Flaschensauerstoff, aber am Fixseil unterwegs war. Ob das eine besondere Leistung ist, sollen andere bewerten. Bewertungen von aussen können aber schon ungerecht sein.Laut ersten Schätzungen waren in der laufenden Saison tausend Leute auf dem Gipfel des Mount Everest – überwiegend mit Sauerstoffmaske und Sherpa-Begleitung.Ich finde, das ist zum grossen Teil ein Zirkus geworden, der aber existieren darf, weil in Nepal viele davon leben. Ich kann die Entwicklung nicht aufhalten, arbeite mich auch nicht daran ab. Eine Einschränkung habe ich aber: Es muss verantwortungsvoll, sicher und umweltfreundlich sein. Die Themen also, die uns auch in den Alpen beschäftigen.David Göttler feiert den Gipfelerfolg auf besondere Art.PDIst es denn verantwortungsvoll und umweltfreundlich, wenn die Helis schon am frühen Morgen ins Basislager fliegen?Das ist die Frage. Am dringendsten bleibt die nach der Umweltverträglichkeit. Doch hier sollten wir alle vorsichtig urteilen. Zu leicht lassen wir uns von der romantischen Idee des wilden Himalaja verführen und verteufeln jeden Tourismus dort. Wenn ich sehe, wie wir die Alpen ausgebeutet haben und immer noch jeden Cent herausholen, verbiete ich mir, auf den Tourismus im Himalaja zu zeigen. Das heisst aber nicht, zumindest zu versuchen, dort umweltverträglicher und besser unterwegs zu sein. Allerdings muss ich sagen: In den vergangenen zehn Jahren hat sich gerade in Nepal vieles deutlich verbessert.Gab es in dieser Saison eine Leistung, die Sie beeindruckt hat?Tatsächlich gab es die. Bartek Ziemski, der vom Lhotse und vom Mount Everest mit Ski abgefahren ist. Er war allein, ohne Unterstützung durch Sherpas. Bartek macht das in einem Stil, bei dem ich nur «Chapeau» sagen kann. Er ist unglaublich stark. Und vor allem muss er das nicht alles in die sozialen Netzwerke hinausposaunen. Das sind die interessanten Geschichten.Was halten Sie von dem Rennen um die schnellste Zeit am Mount Everest, an dem auch der Schweizer Bergsteiger Karl Egloff beteiligt ist?Da bin ich sehr zwiegespalten. Im Prinzip habe ich nichts dagegen: Ich finde schnellste Zeiten spannend und oft faszinierend. Auch ich schaue oft, ob ich meine Zeit irgendwo verbessern kann, sei das in den Bergen oder bei einem Marathon. Wenn Karl Egloff oder Kilian Jornet das Ganze ohne Flaschensauerstoff angehen und umdrehen, wenn sie sich nicht gut fühlen, passt das für mich. Andererseits ist das, was am Everest oder an den Achttausendern im Hinblick auf diese «fastest known time, FKT» (Weltrekord, Anm. der Red.) passiert, für mich zum Grossteil schamloses Marketing, das zeigt, wie weit wir uns von einer sportlichen Verantwortung entfernt haben. Eine FKT mit Sauerstoff ist für mich nichts wert – das sind Enhanced Games hoch zehn. Das ist, als würden wir einen Tour-de-France-Sieger auf dem E-Bike krönen.Konnten Sie eigentlich inzwischen klären, ob das eine Erstbegehung war am Langshisha Ri?Mithilfe von Experten in Sachen Himalaja-Chronik konnten wir das tatsächlich klären. Nach unserem Wissensstand heute ist es eine neue Route, was uns natürlich sehr glücklich macht.Passend zum Artikel