KommentarDie europäische Asylpolitik steht für eine verirrte Menschlichkeit – das zeigen die Bilder von Ceuta drastischViele Migranten sterben auf dem Weg nach Europa. Andere, die ankommen, verunsichern die Öffentlichkeit. Europa sollte daraus endlich lernen und die Migrationspolitik radikal verändern.05.08.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenMigranten aus Marokko erreichen die Küste der spanischen Stadt Ceuta, 31. Juli.Marcos Moreno / ImagoDie Bilder aus Ceuta seien inakzeptabel, schrieb Ursula von der Leyen auf X, nachdem Tausende meist junger Männer die spanische Exklave eingenommen hatten. Im Grunde hätte von der Leyen von einer inakzeptablen und verantwortungslosen europäischen Asylpolitik sprechen müssen, die genau solche Bilder produziert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zum einen sehen wir Kinder und junge Männer im Meer mit improvisierten Schwimmhilfen. Viele scheinen gar nicht richtig schwimmen zu können. Sie treiben im Meer – auf der Suche nach einem grossen Versprechen, das Europa heisst. Vielleicht nehmen sie dafür das Risiko bewusst in Kauf, vielleicht haben sie sich aber auch einfach zu wenig Gedanken gemacht. Einige ertrinken und werden später von Tauchern geborgen und in weissen Leichensäcken an Land gebracht. Das ist das Bild der Tragödie.Wenn die Männer aber einmal an Land sind, ändert sich das Bild. Aus den Individuen in Not wird eine Masse, die bedrohlich ist. Im Falle von Ceuta haben 60 000 Migranten innert kürzester Zeit eine Stadt okkupiert, deren Einwohnerzahl nicht viel höher ist. Einmal an Land, haben sie den Ort erstürmt, euphorisiert von der überstandenen Reise und der Vorstellung, es geschafft zu haben. Eine Horde von Männern in Badehosen und Schlappen erkundete nun die Gegend, und die Einheimischen verbarrikadierten sich ängstlich in ihren Häusern. Das ist das Bild des Kontrollverlusts.Das tödlichste Migrationssystem der WeltEine Frau aus Ceuta hat die Lage so zusammengefasst: «Die Migranten haben das nicht verdient, was hier passiert. Aber wir auch nicht.» Das trifft die Situation genau, und die europäischen Länder sollten sich eingestehen, dass sie dafür verantwortlich sind. Die europäische Asylpolitik ist unzumutbar für die Menschen, die auf diesem Kontinent leben – und sie ist gefährlich für die Migranten. Der Migrationsexperte Ruud Koopmans spricht vom tödlichsten Migrationssystem der Welt. Zehntausende sind in den vergangenen Jahrzehnten auf dem Weg ertrunken und gestorben.Es ist ein System, das vor allem junge Männer begünstigt. Sie wagen es am ehesten, eine solche Reise mit ungewissem Ausgang anzutreten. In den Medien wird oft geschrieben, dass diese Männer dann in Europa keine Chance hätten. Das stimmt nur so halb, denn auch als Chancenlose bleiben sie oft jahrelang oder für immer da, weil die Europäer überfordert sind, Menschen ohne Asylanspruch auszuschaffen.Das grosse Versprechen schrumpft dann darauf zusammen, in irgendeiner europäischen Stadt am Bahnhof herumzuhängen, Kaugummi zu kauen und Dosenbier zu trinken. Denn in Wahrheit hat auf diese Menschen niemand gewartet – auch das gehört zur Brutalität der europäischen Asylpolitik. Dass aus dem Zustand der perspektivlosen Duldung nichts Gutes wächst, versteht sich von selbst. Die grössten Probleme im Asylbereich verursachen ausgerechnet jene, die am wenigsten Anspruch darauf haben, hier zu sein.Die einen betreten den Boden von Ceuta, die anderen kehren schwimmend nach Marokko zurück. Ceuta, 31. Juli.Antonio Sempere / APDie kolossale ÜberforderungAbschieben können die Europäer nicht, die EU-Aussengrenze schützen können sie im Zweifel auch nicht, wie der Fall von Ceuta zeigt. Weil man sich aus humanitären Gründen mit beidem schwertut, versucht man die Drecksarbeit auszulagern. Autoritär geführte Länder wie Marokko und die Türkei, die keine Skrupel haben, werden dafür bezahlt, Migranten an einer Überfahrt zu hindern. Diese Konstellation macht den Kontinent noch verletzlicher, ja erpressbar.Europa wird aus dieser Mühle nur rauskommen, wenn die Migrationspolitik radikal reformiert wird und der individuelle Anspruch auf Asyl entfällt. Dies wäre der Versuch, die Dynamik grundlegend zu verändern.Es wäre nicht die Absage an die Migration, im Gegenteil. Europa sollte sich auf Kontingente für Arbeitsmigranten und für Flüchtlinge verpflichten. Damit würde man Migration nicht mehr einfach über sich ergehen lassen, sondern selbst bestimmen, wer hier eine Chance erhält. Arbeitsmigranten und Flüchtlinge müssten ihre Anträge ausserhalb Europas stellen und könnten bei Annahme legal und mit weniger Gefahren verbunden einreisen. Die gesellschaftliche Akzeptanz für Migration würde wachsen, und ein menschenfreundlicherer Umgang wäre möglich.Das jetzige Asylsystem ist eine Simulation von Humanität. Es produziert Kontrollverlust und bringt Menschen in Gefahr. Um das zu erkennen, muss man nur die Bilder von Ceuta anschauen.Passend zum Artikel
Die europäische Asylpolitik steht für eine verirrte Menschlichkeit – das zeigen die Bilder von Ceuta drastisch
Viele Migranten sterben auf dem Weg nach Europa. Andere, die ankommen, verunsichern die Öffentlichkeit. Europa sollte daraus endlich lernen und die Migrationspolitik radikal verändern.










