Wie aus dem Nichts flog vor einer Woche der Masterplan des Fifa-Präsidenten Gianni Infantino, 56, zum Ausverkauf des Weltfußballs auf: Die WM-Rechte sollten in eine neue Tochterfirma (FFE) wandern und externe Investoren sollten daran Anteile erwerben. Über Monate hatten ein enger Kreis um Infantino, der als Ankerinvestor vorgesehene Bruder von Donald Trumps Schwiegersohn und die Großbank JP Morgan daran gearbeitet, dann flog die Idee auf – und seitdem ist im Weltfußball nichts mehr, wie es war.Globale Entrüstung überall dort, wo Fußball eine Rolle spielt, Widerstand aus wichtigen Kontinentalverbänden, WM-Boykott der Europäer, Rücknahme der Investorenpläne, Absetzbewegungen höchster Fifa-Mitarbeiter: Die Welle türmt sich immer weiter auf, und ein Ende ist nicht abzusehen. Das Scheitern des Infantino-Plans könnte zum Urknall für eine grundlegende Fifa-Reform werden.Fifa:Der Mann aus dem Trump-Clan wollte mit dem Fußball Kasse machen – und scheiterteDer Multimilliardär Josh Kushner plante gemeinsam mit Gianni Infantino das ganz große Geschäft. Doch er hat seine Gegner unterschätzt.Nun geht es vor allem darum, ob Infantino überhaupt Präsident bleiben oder sich im März zur Wiederwahl stellen kann. Oder ob die größte Skandal-Ära in der durchaus skandalreichen Geschichte des Weltverbandes nach zehn Jahren endet. Eine Zwischenprüfung nach einer Woche größter Turbulenzen.Wie ist die Situation?Der Machtkampf läuft in zwei Bereichen, die natürlich Schnittmengen haben. Einer der Bereiche ist der sportpolitische: Infantino kann nur wiedergewählt werden, wenn er 106 oder mehr der 211 Mitgliedsländer hinter sich bringt. Jedoch ist der Gegenwind stark wie nie und nimmt permanent an Kraft zu. Das Nein zum Investorendeal beruhte auf einer nie dagewesenen Allianz der Kontinentalverbände von Europa, Nord-/Mittelamerika und Asien, auch viele einzelne Nationalverbände wenden sich von ihm ab. Die US-Administration von Donald Trump ging ebenfalls öffentlich zweimal demonstrativ auf Distanz zu Infantino.Überdies haben ihn auch höchste Fifa-Mitarbeiter offen angezählt. Am Freitag hatte Direktor Kevin Lamour, die Nummer drei im Apparat, eine Täuschung des Personals durch den Präsidenten gerügt, am Dienstag reagierte nun auch der Generalsekretär. In einem Memo beschrieb Mattias Grafström die gescheiterten Verkaufspläne als „traurige und verwerfliche Reihe von Ereignissen“, die „schwer zu verstehen und zu akzeptieren“ seien, man sei „mitten in ein Chaos geraten“. Sogar der langjährige Arsenal-Trainer und jetzige Fifa-Direktor Arsène Wenger, bisher ein strammer Infantino-Begleiter, betonte, er sei nie in den Plan involviert und dessen Rücknahme sei absolut notwendig gewesen.Neben diesen sportpolitischen Gefechten gibt es den noch bedeutsameren juristischen Strang. Der Nord-/Mittelamerikaverband Concacaf hat eine umfassende Aufarbeitung der Präsidentschaft gefordert, und die europäische Uefa drohte Infantino offen eine Klage an. Über eine New Yorker Anwaltskanzlei schickte sie bereits ein Warnschreiben an ihn und alle anderen Beteiligten des geplatzten Investorendeals: Niemand dürfe mehr relevante Materialien oder Kommunikation dazu vernichten. Stattdessen sollen alle Daten rund um den FFE-Deal sichergestellt werden.Das ist ein scharfes Schwert. Wer jetzt noch eine Whatsapp oder eine Aktennotiz beseitigt, kann sich nach US-Recht strafbar machen. Zugleich ist das Enttarnungspotenzial groß: Weil von der Fifa über Kushners Holding und die Großbank JP Morgan bis zu mindestens zwei Beratungsfirmen diverse Stellen beteiligt waren, könnte im Falle stiller Säuberungsaktionen leicht noch irgendwo etwas auftauchen, das anderswo nicht mehr vorhanden ist. So koordiniert ließe sich wohl schwerlich alles potenziell Heikle vernichten – und davon dürfte es einiges geben, das liegt in der Logik des geplanten Investoren-Überfalls. In der Fifa betrifft die Warnung nicht nur den Boss persönlich, sondern auch andere mögliche Mitwisser. Entsprechend sind die Absetzbewegungen von im Uefa-Warnbrief namentlich genannten Leuten wie Grafström, Wenger & Co. auch in dem Lichte drohender Justizprobleme zu sehen.Wie geht es juristisch weiter?Die Fifa hat bis zum Ende der Woche Zeit, auf das juristische Drohschreiben zu reagieren. Laut Punkt 7 soll der Weltverband wie alle anderen Beteiligten bestätigen, dass man a) die Mitteilung erhalten habe, b) „unverzüglich“ Maßnahmen ergriffen habe, um die relevanten Unterlagen zu sichern, c) einen für die Einhaltung Verantwortlichen benannt habe und d) mitteilen werde, ob wichtige Dokumente schon gelöscht wurden.Sollte die Fifa das nicht oder nur unzureichend beantworten, dürften sehr rasch weitere Schritte folgen. Vorneweg eine Strafklage, für die allerlei Ansatzpunkte denkbar wären. Besonders heikel wäre für Infantino der Vorwurf einer geplanten Selbstbereicherung, weil nach Lage der Dinge für ihn in der neuen Firma ein Führungsamt mit einem Salär von 30 Millionen Euro möglich gewesen wäre (die Fifa beteuert, dass darüber nie gesprochen worden sei).Das würde die Last von Infantinos Justizproblemen massiv erhöhen. Denn da läuft ohnehin schon einiges. In Fribourg/Schweiz wartet ein Verfahren wegen angeblich falscher Anschuldigungen in einer gerichtlichen Auseinandersetzung, in dem er demnächst aussagen soll (Infantino weist den Vorwurf zurück). In den USA ermitteln die Generalstaatsanwaltschaften von New York und New Jersey wegen der intransparenten Ticketverkäufe rund um die WM gegen die Fifa. Obendrein wartet der US-Justizausschuss auf Gianni Infantino: Der oberste Demokrat in diesem Gremium verlangt, dass er alle Kontakte zur Trump-Regierung offenbart – andernfalls wird der Fifa-Chef sogar selbst vorgeladen.Und wie geht es sportpolitisch weiter?Die Spitzen der Infantino-kritischen Kontinentalverbände erhöhen den Druck kontinuierlich. Zwischen Vertretern von Europa, Nordamerika und Asien kursiert der Plan, die Fifa institutionell zu „paralysieren“, dies wird der SZ bestätigt. Das heißt: Die Repräsentanten dieser Großverbände würden Sitzungen des Fifa-Councils oder anderer Fifa-Gremien einfach boykottieren und damit beschlussunfähig machen.Daneben gibt es Bestrebungen, dass die Europäische Klubvereinigung (ECA), die der Katarer Nasser al-Khelaifi anführt, einen Boykott der Klub-WM verkündet. Da käme es nun auf die Position von Europas Spitzenklubs an. Real Madrid zum Beispiel hat sich zuletzt schon sehr kritisch über den Investorendeal geäußert. Beim FC Bayern etwa fällt auf, dass manche Führungskräfte wie Uli Hoeneß sehr klar Stellung beziehen, während andere – zufällig mit kommunikationspolitischer Nähe zu Infantino – noch schweigen.Auch bei den Nationalverbänden und ihren Nationalteams schwingt der Boykottgedanke weiter mit. Die Uefa und die mächtigsten europäischen Verbände erleben gerade, dass dieses Instrument funktioniert. Dass die 55 Uefa-Mitglieder geschlossen einen WM-Boykott verkündeten, war die Basis dafür, dass sich auch andere Verbände gegen den Investorenplan stellten. Jedem Funktionär aus einem Land mit halbwegs relevantem Fußballbetrieb ist klar, dass eine WM ohne Europa nicht nur sportlich sinnlos ist, sondern dass sie auch nur einen Bruchteil der Vermarktungserlöse einbrächte. Und allein diese Erlöse bescheren Infantino ja sein einziges Machtinstrument: Fördergeld-Milliarden für Bhutan bis Sri Lanka.Nun überwölbt das Boykott-Thema alles. Denn für die Uefa gilt er ohnehin so lange, bis Infantino definitiv und verbindlich erklärt, dass es nie wieder zu solchen Privatisierungsideen kommen würde. Das ist noch nicht geschehen, nur der konkrete FFE-Plan wurde abgeblasen. Zum anderen ließe sich die Boykottdrohung ausdehnen. Etwa nach dem Motto: Wenn jemand, gegen den strafrechtlich ermittelt wird, Präsident bleibt oder kandidiert, nimmt kein Europäer an der WM teil.Wie sind aktuell die Mehrheiten?Die Fifa hat 211 Mitgliedsländer. Den größten Block bildet Europa mit 55 Nationen, es folgen Afrika (54), Asien (46), Nord-/Mittelamerika (35), Ozeanien (11) und Südamerika (10). Dass der eurasisch-nordamerikanische Block den Investorendeal so geschlossen verhindert hat und weiter auf Distanz zu Infantino geht, muss nicht zwangsläufig heißen, dass sich auch alle der insgesamt 136 weiteren Mitgliedsländer gegen ihn aussprechen. Aber sehr viel deutet auf eine stabile Mehrheit hin.Infantinos Strategie zielt erkennbar darauf, vor allem kleinere asiatische Vertreter herauszubrechen. Das unterstreicht jedenfalls die Auswahl der Länder, deren Unterstützerschreiben er gerade auf Instagram publizierte: Katar, Kuwait, Vereinigte Arabische Emirate, Libanon, Bhutan, Sri Lanka. Die Schwergewichte des asiatischen Kontinentalverbandes (AFC) fehlen; auch Saudi-Arabien, Gastgeber der WM 2034 und Milliarden-Investor des Weltsports, soll nach SZ-Informationen intern signalisiert haben, sich nicht anschließen zu wollen. Zudem möchte so mancher gewichtige Funktionär jetzt auch bei der Neuaufstellung des Weltfußballs ein entscheidendes Wörtchen mitreden: Das gilt insbesondere für den AFC-Präsidenten Scheich Salman al-Chalifa sowie für den katarischen Multifunktionär Khelaifi.Zugleich bröckelt der Zusammenhalt in den Kontinenten, die Infantinos Lager zuzurechnen sind. Afrika ist ob der Dauerbevormundung durch die Fifa tief in Pro- und Contra-Fraktionen gespalten. In Ozeanien stellte sich der einzige fußballerisch relevante Verband, Neuseeland, gegen den Investorendeal, Skepsis äußerten auch die Kontinentalführung sowie mancher kleiner Inselstaat. Und Südamerikas Fußballführung hat sich zwar besonders eng an Infantino gebunden, aber die Nationalverbände und die Fans dort wissen besonders gut, wie sportlich sinnlos eine WM ohne Europäer, dafür mit Bhutan und Sri Lanka wäre.Woher sollen da 106 Stimmen für Infantino kommen? Die Lage spitzt sich zu für den Italo-Schweizer. Sofern die anstehenden Vorgänge in der Justiz überhaupt den Spielraum lassen, dass er im März noch antreten könnte.
Fifa-Skandal um gescheiterte Investoren-Pläne: Wie ist die Lage und wie geht es weiter?
Im Weltfußball und im Kampf um die Zukunft von Fifa-Präsident Gianni Infantino folgt eine spektakuläre Entwicklung auf die nächste. Wie ist die Lage, und wie geht es jetzt weiter?













