Im Swing State Michigan tobt der Kampf um die Zukunft der Demokratischen ParteiAm Dienstag könnte der muslimische Linkspopulist Abdul El-Sayed bei der demokratischen Vorwahl für den Senat die Establishment-Kandidatin Haley Stevens besiegen. Das umkämpfte Rennen in Michigan hat Signalwirkung für die Demokraten.04.08.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenEloquent, charismatisch und radikal: Der muslimische Linkspopulist Abdul El-Sayed sagt dem demokratischen Establishment den Kampf an.Julia Demaree Nikhinson / APWie ein Prediger steht Abdul El-Sayed auf der Bühne des Kleintheaters Croofoot in Pontiac und ruft seine Glaubenssätze in den Saal. Das Publikum wiederholt sie im Chor. «Geld raus aus der Politik!» – «Geld rein in deine Tasche!» – «Krankenversicherung für alle!»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es sind Botschaften, die bei der Mischung aus jugendlichen und ergrauten Aktivisten ankommen, die sich an diesem Sommerabend in der Provinzstadt nördlich von Detroit im Gliedstaat Michigan versammelt haben. Pontiac hat seine besten Zeiten hinter sich. 2010 wurde hier das letzte der nach der Ortschaft benannten Autos produziert. Seit der Fabrikschliessung sucht Pontiac nach einer tragfähigen wirtschaftlichen Zukunft.Eine Mittfünfzigerin im Publikum, die nur ihren Vornamen Sarah nennt, erzählt, wie sie wegen hoher Spitalrechnungen vor einigen Jahren fast bankrottgegangen wäre und ihr Haus verloren hätte. «Abdul ist der Kandidat, der dafür sorgen wird, dass solches in Amerika nicht mehr geschieht.»Populistische RhetorikEl-Sayed ist eloquent und charismatisch, das schwarze T-Shirt betont seinen muskulösen Körperbau. Er stimmt seine Anhänger auf den Schlussspurt im Vorwahlkampf ein. Denn an diesem Dienstag entscheiden die demokratischen Wähler in Michigan, ob El-Sayed oder seine Rivalin Haley Stevens in die Senatswahl vom November steigen. Er spricht von einer schicksalhaften Wahl zwischen «money» und «the many», zwischen Geld und der Menge: «Es ist ein Rennen zwischen den Mächtigen und dem Volk.»Die populistische Rhetorik ist ein Markenzeichen des 41-jährigen Arztes, Podcasters, ehemaligen Epidemiologie-Professors und früheren Spitzenbeamten im Gesundheitsministerium von Detroit. El-Sayed wird von den wichtigsten nationalen Exponenten des linken Parteiflügels von Bernie Sanders über Alexandria Ocasio-Cortez bis hin zu Zohran Mamdani unterstützt. Er scheut auch gemeinsame Auftritte mit dem umstrittenen Podcaster Hasan Piker nicht. Dieser hatte einmal erklärt, die USA hätten die Anschläge vom 11. September 2001 verdient und die Hamas sei das kleinere Übel als Israel.Anders als Mamdani und Ocasio-Cortez gehört El-Sayed nicht den Democratic Socialists of America (DSA) an, die derzeit bei den demokratischen Vorwahlen landesweit für Furore sorgen. Er sei kein Sozialist, sondern ein Kapitalist, der glaube, dass Märkte reguliert und Monopole gebrochen werden müssten, sagt der Sohn ägyptischer Einwanderer.Doch insgesamt unterscheiden sich seine linken Positionen ebenso wenig von jenen der DSA wie seine Israel-Kritik. Im Kleintheater wird er von einem Zuschauer gefragt, warum er Medienfragen nach dem Existenzrecht Israels stets ausweichend beantworte. «Unsere Steuergelder schulden wir unseren Kindern und keinen fremden Regierungen, und wir schulden sie ihnen schon gar nicht, damit sie einen Genozid und ein Apartheidregime organisieren», sagt er. «Warum fragen mich die Journalisten nach einem theoretischen Existenzrecht eines anderen Landes, das bereits existiert, anstatt mich nach unseren Nachbarn zu fragen, die ihre Gesundheitskosten nicht bezahlen können?»«Kein Dressurpferd»Kaum eine Vorwahl findet in den USA derzeit mehr Beachtung als das Rennen zwischen El-Sayed und Stevens. Dutzende Millionen von Dollar fliessen in die Wahlwerbung im TV und im Internet. Auswärtige Exponenten des linken Parteiflügels und des Parteiestablishments mischen sich ein. Denn es steht viel auf dem Spiel: Michigan ist ein Swing State, der 2020 für Joe Biden und 2024 für Donald Trump stimmte. Nach dem Rücktritt ihres langjährigen Senators Gary Peters wollen die Demokraten den Sitz im November unbedingt verteidigen. Denn ohne Sieg in Michigan dürfte es für sie schwierig bis unmöglich werden, im Senat eine Mehrheit zu erringen.Das Interesse an der Vorwahl ist auch darum so gross, weil der Zweikampf Signalwirkung für die künftige Ausrichtung der Demokraten hat. In den letzten Umfragen lag El-Sayed vorne. Setzt er sich am Dienstag tatsächlich durch und schlägt er im November den Republikaner Mike Rogers, beweist er, dass Linkspopulisten nicht nur in progressiven Wahlkreisen wie New York gewinnen können, sondern auch eine Majorzwahl in einem ganzen Gliedstaat im Mittleren Westen. Geht hingegen Stevens als Siegerin vom Feld, wäre dies eine Bestätigung für das demokratische Establishment, das das Erfolgsrezept weiterhin in einer zentristischen Ausrichtung sieht.Haley Stevens tritt energisch und kämpferisch auf, ohne sich an den linksprogressiven Zeitgeist anzubiedern. Ihr nasaler Akzent und ihre direkte Art gelten als typisch für Michigan. Die 43-Jährige ist lokal verwurzelt und geniesst die Unterstützung der Wirtschaft und des demokratischen Establishments. Unverfroren umwirbt sie schwarze Wähler: mit einem Video mit dem ehemaligen Präsidenten Barack Obama, der Stevens einmal für ihre Rolle bei der Rettung der Autoindustrie in Detroit gelobt hatte, oder mit Auftritten in afroamerikanischen Kirchgemeinden.Sie ist energisch und kämpferisch und empfiehlt sich im Wahlkampf als sicheren Wert: Die Abgeordnete im Repräsentantenhaus Haley Stevens.Julia Demaree Nikhinson / APDoch während El-Sayed unermüdlich durch Michigan tourt und den spontanen Kontakt zur Bevölkerung sucht, wirkt Stevens Kampagne stärker inszeniert und distanziert. Ihre Kernbotschaft: Nur eine gemässigte und erfahrene Kandidatin wie sie werde in der Lage sein, im November den Senatssitz gegen den republikanischen Kandidaten Mike Rogers zu verteidigen. Das legen auch die Umfragen nahe. Und das glaubt der Republikaner Rogers, der sich laut einem geleakten Telefongespräch El-Sayed als Gegenkandidaten wünscht.In ihren Medienauftritten präsentiert sich Stevens als erfahrene Politikerin, die einen Leistungsausweis vorweisen kann. «Wir brauchen im Senat kein Dressurpferd», sagt sie in Anspielung auf El-Sayed. «Wir brauchen ein Arbeitspferd wie mich!» Eigentlich möchte die Abgeordnete im Repräsentantenhaus über Wirtschaftspolitik sprechen oder über ihren Widerstand gegen Donald Trump, dessen Zollpolitik den Handel Michigans mit dem benachbarten Kanada stark belastet.Doch macht El-Sayed immer wieder Israel zum Thema. Stevens betont, dass sie Ministerpräsident Benjamin Netanyahu kritisch sehe. Doch glaube sie nicht, dass Israel in Gaza einen Völkermord begehe. Sie unterstützt Waffenlieferungen an Israel und entschuldigt sich nicht dafür, dass sie von der proisraelischen Lobbyorganisation Aipac Spenden im Umfang von fast 30 Millionen Dollar erhält. «Wenn Haley Stevens siegt, dann gewinnt Israel», sagt El-Sayed dazu.«Wenn Haley Stevens siegt, dann gewinnt Israel»: Abdul El-Sayed greift seine Gegenkandidatin Haley Stevens bei einer TV-Debatte im Wahlkampf scharf an.Robin Buckson / ReutersIm Zentrum des muslimischen AmerikaDass Israel im Vorwahlkampf zu einem derart zentralen Thema geworden ist, hat auch mit der Zusammensetzung der Wählerschaft zu tun. Etwa 2,5 Prozent der Einwohner Michigans sind Muslime, doch konzentrieren sie sich vor allem in der Agglomeration Detroit. Die Vorstadt Dearborn, in der die Muslime die Mehrheit der Anwohner stellen, gilt als Stadt mit dem höchsten arabischen Bevölkerungsanteil ausserhalb des Nahen Ostens.Dearborn ist das kulturelle und politische Zentrum des muslimischen Amerika. Ein Kommentator bezeichnete die Vorstadt im «Wall Street Journal» 2024 als «Amerikas Jihad-Hauptstadt», da hier Politiker und Imame in den elf Moscheen die Verbrechen der Hamas verharmlosten.Doch im Gegensatz zu manchen Quartieren in europäischen Metropolen wirkt Dearborn nicht wie ein Hort sozialer Probleme, die einen fruchtbaren Boden für die Radikalisierung schaffen. Die Geschäftsstrassen mit libanesischen Restaurants und jemenitischen Kaffeehäusern sind lebendig und gepflegt. Die Wohnstrassen mit ihren Reihenhäusern würden an jede andere amerikanische Kleinstadt erinnern, wenn nicht so viele Frauen einen Hijab trügen.Der Nahostkonflikt treibt die Bevölkerung ganz offensichtlich um. Im Stadtpark zeigt eine Kunstinstallation Fotografien von 18 000 palästinensischen Kindern, die während der israelischen Militäroperation in Gaza getötet worden sind. Das Arab American National Museum erzählt eigentlich die Geschichte arabischer und nordafrikanischer Einwanderer, die in mehreren Wellen als Arbeiter der Autoindustrie in den Mittleren Westen gekommen sind. Doch eine Ausstellung im Untergeschoss besteht einzig und allein aus israelkritischen Kunstwerken.Das trendige Café Qawah House im Osten der Vorstadt gilt als Treffpunkt für politische Aktivisten. In den Fenstern klebt Wahlwerbung für El-Sayed. Zöge er in den Senat ein, wäre er der erste Muslim in den USA, der nicht bloss einen einzelnen Wahlkreis oder die Bürgermeisterwahl in einer linken Metropole wie New York gewänne, sondern eine Majorzwahl in einem ganzen Gliedstaat.Die meisten Besucher, die an diesem späten Nachmittag auf der Terrasse des Coffee-Shops jemenitischen Kaffee schlürfen, verspüren keine Lust auf ein Gespräch mit einem ausländischen Journalisten. Nur ein junger Mann mit Baseballmütze, der seinen Namen nicht nennen möchte, erklärt, die amerikanische Unterstützung für Israel zeige die ganze Verlogenheit der Politik in den USA. Diese werde von jüdischen Interessen gesteuert, weshalb das Leben eines Muslims aus amerikanischer Sicht ganz offensichtlich weniger wert sei als das Leben eines Juden.Von den «Uncommitted» zur DSADie mitunter antisemitisch gefärbte Empörung über den Gaza-Krieg hatte Dearborn 2024 auf die nationale Politbühne katapultiert. In den Kaffeehäusern nahm die «Uncommitted»-Bewegung ihren Anfang. Aus Protest gegen Joe Bidens Unterstützung für Israel legten damals 13 Prozent der demokratischen Delegierten in Michigan bei den Vorwahlen eine leere Stimme ein. Die Bewegung schwappte auf andere Gliedstaaten über. Und als Kamala Harris Biden als Kandidatin ersetzte, verweigerten viele «Uncommitted»-Aktivisten auch ihr die Unterstützung.Zu den Mitbegründern der Bewegung gehörte damals Mikal Goodman, der heute als Lokalpolitiker und als Vorstandsmitglied der Democratic Socialists of America (DSA) in Michigan tätig ist. «‹Uncommitted› war die Reaktion auf unsere absolute Abscheu über den Genozid und über die Tatenlosigkeit unserer Regierung», sagt der stämmige Aktivist mit tätowierten Armen im Gespräch. «Wir nahmen unsere demokratischen Rechte wahr, um unsere Partei und Joe Biden zu einem Kurswechsel zu zwingen.»Inzwischen hat sich die Israel-Kritik mit postkolonialem Antirassismus, dem Ruf nach der Abschaffung der Einwanderungspolizei ICE sowie linker Wirtschaftspolitik vermischt und mit der DSA ein institutionelles Dach gefunden. «Seit der Wirtschaftskrise und dem Rückgang der Autoindustrie darben die Menschen in Michigan, und nun wollen sie, dass sich Grundlegendes ändert», sagt Goodman. «Abdul El-Sayed ist der einzige Senatskandidat, der radikal genug ist, um das Leben der Leute wirklich zu verbessern.»Lobbyisten als neue TyrannenIm Kleintheater von Pontiac hat Abdul El-Sayed seine Wahlkampfveranstaltung beendet. «Wir stehen auf der richtigen Seite der Geschichte!», hat er seinen Anhängern zum Abschied zugerufen. Die USA gründeten auf der Idee, dass das Volk nicht unter einer Fremdherrschaft leben müsse. Doch verkörperten heute Oligarchen, Lobbyisten und die Gesundheitsindustrie die Tyrannei, vor der die Gründerväter vor 250 Jahren gewarnt hätten.El-Sayeds Worte hallen nach bei der Mittdreissigerin Alysa und der Rentnerin Debbie, die in der Abendsonne auf der Terrasse eines Burger-Restaurants Platz gefunden haben und angeregt diskutieren. Beide sind als demokratische Wählerinnen registriert und möchten im Gespräch nur ihren Vornamen nennen.«Natürlich hat Abdul in vielem recht, und eine Krankenversicherung für alle wäre schön, aber wir müssen im November unbedingt die Mehrheit im Kongress erringen, um Donald Trump zu stoppen», meint Debbie. Haley Stevens sei gemässigt, weshalb es ihr einfacher fiele als El-Sayed, in Michigan die vielen moderaten und unabhängigen Wähler anzusprechen und den Senatssitz zu verteidigen.«Ich glaube, wir haben viel zu lange taktisch gehandelt», entgegnet die Künstlerin Alysa. «Moderate Kandidaten haben Trump nicht verhindert, und die Leute sind heute einfach zu wütend.» Es brauche nun Politiker, die nicht mehr das Ewiggleiche täten. Politiker, die bereit seien, gegen den Strom zu schwimmen und gegen das System anzukämpfen.Passend zum Artikel