Eigentlich hassen Menschen es, zu warten – außer bei Rolltreppen, da stellt man sich an, auch wenn die Treppe direkt daneben sofort frei zugänglich wäre. Natürlich weiß man, dass mehr Bewegung gesünder wäre, der innere Antrieb, Energie zu sparen, ist trotzdem oft stärker als das Bedürfnis nach Bewegung. Aber: Reicht es überhaupt aus, mal wieder die Treppe zu nehmen? Immerhin empfiehlt die WHO, 150 bis 300 Minuten pro Woche körperlich aktiv zu sein.Weltweit verfehlen 31 Prozent der Erwachsenen die Bewegungsempfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), in Zahlen sind das 1,8 Milliarden Menschen. Bei Jugendlichen sieht die Bilanz noch verheerender aus: 81 Prozent bewegen sich zu wenig, das entspricht 340 Millionen Menschen.Das ist fatal, denn was im Moment bequem sein mag, kann langfristig nicht nur zu Verspannungen, sondern zu ernsthaften Erkrankungen und frühzeitigen Todesfällen führen. „Die, die sich heute zu wenig bewegen, sind die Herz-Kreislauf-, Krebs- oder Diabetespatienten von morgen“, sagte Fiona Bull, die bei der WHO für körperliche Aktivität, gesunde Ernährung und Fettleibigkeit zuständig ist, Anfang Juli auf dem Kongress des European College of Sport Science, kurz ECSS, in Lausanne.Bull bezog sich auf eine Studie, laut der die Inaktivität zwischen 2020 und 2030 insgesamt bei knapp 500 Millionen Menschen zu Diabetes, Bluthochdruck, Herzerkrankungen, Schlaganfällen, Krebs, Depressionen und Demenz führen könnte. Vermeidbares Leid, das auch die Krankenkassen mit geschätzten 300 Milliarden US-Dollar belasten dürfte. Ein Drittel davon entfällt demnach auf Europa. Diese Berechnungen hatten Forscher aus der Schweiz 2023 im Journal „Lancet Global Health“ publiziert. All das könnten sich die Steuerzahler sparen, wenn man die Bewegungsempfehlungen der WHO umsetzen würde.Intensives Training als medizinisches KonzeptAuch wenn die Lösung so vermeintlich einfach scheint, beschäftigen sich Sportwissenschaftler in Lausanne mit der Frage, wie man dieser Pandemie der Inaktivität beikommen kann. Während sich andere ungesunde Verhaltensweisen wie Rauchen oder Zuckerkonsum durch höhere Besteuerung zumindest theoretisch relativ leicht eindämmen ließen, ist es weit schwieriger, Bewegung im Alltag selbstverständlich zu machen. Die Vorteile davon seien indessen klar wie nie, so die Forscher: Man könnte Bewegung inzwischen auch als Medizinmodell verstehen. „Es könnte zukünftig immer mehr spezifische Bewegungsrezepte geben, mit individuellen Intensitäten je nach gewünschter Anpassung“, sagte David Bishop, Sportwissenschaftler an der Victoria-Universität in Australien.Auch wenn solche individuellen Maßnahmen nicht flächendeckend einsetzbar sind, so lasse sich allgemeiner festhalten, dass intensiveres Training vorteilhafter ist als gemütliche Bewegung. Bishop sagte: „Eine höhere maximale Sauerstoffaufnahmefähigkeit reduziert das Risiko, früh zu sterben.“ Nur, das erreicht man nicht durch gelegentliches Treppensteigen.Erst 2024 zeigte eine Übersichtsarbeit mit insgesamt über 12.000 Probanden, dass hochintensives Intervalltraining, auch bekannt als HIIT, besser ist zur Reduktion von Herz-Kreislauf-Erkrankungen als leichte kontinuierliche Bewegung. Das galt sowohl für Gesunde als auch für Übergewichtige. Ursprünglich nutzten nur Athleten diese Methode und trieben ihre Herzfrequenz wiederholt für einige Sekunden oder Minuten auf 80 bis 100 Prozent der Leistungsfähigkeit. Prinzip: „All out“. Mittlerweile hat sich das Konzept auch zur Prävention kardiovaskulärer Krankheiten als wirksam erwiesen, schreiben die Autoren im „Scandinavian Journal of Medicine & Science in Sports“. Dazu muss man auch nicht so heftig trainieren wie die Athleten.Bishop sagte, schon eine HIIT-Einheit pro Woche genüge. Besonders für die Gehirnfunktion sei das wichtig. Um Stürze zu vermeiden, sollten Ältere zusätzlich mindestens dreimal pro Woche Gleichgewichtstraining machen, denn zuständige Nervenzellen im Gehirn nehmen bereits vom 40. Lebensjahr an ab. Erwachsene in jedem Alter sollten außerdem zweimal pro Woche an ihrer Muskelkraft arbeiten. Auch ohne Hanteln könne man mit dem Körpergewicht oder mit Gummibändern schon viel erreichen. Das sei eine besonders wichtige Empfehlung, denn Krafttraining ließen die Menschen noch mehr schleifen als Ausdauertraining, sagte Bishop.Jeder zusätzliche Schritt zähltDie Empfehlung, mehrmals pro Woche gezielt zu trainieren, sei bei einer Millionenzielgruppe der falsche Ansatz, sagt Fiona Bull von der WHO. Mit diesen individualisierten Herangehensweisen erreiche man zu wenige Menschen, um global wirklich einen Unterschied zu machen. Vielerorts fehle schlicht die Infrastruktur für einen bewegten Lebensstil.Weltweit sind besonders ältere Menschen und Frauen vom Bewegungsmangel betroffen, sagt Bull. Die Gründe dafür sind vielfältig: Kulturelle Gegebenheiten, Hitze oder schlicht die mangelnde Sicherheit oder fehlende Bewegungsräume sorgen dafür, dass Menschen sich weniger bewegen. „Ob man mit seinen Kindern zu Fuß zur Schule gehen kann, wird von vielen Dingen beeinflusst“, sagt Bull. Man müsse die Menschen informieren, Zugang zu Bewegung einfach machen und in Stadt- und Transportplanung mitdenken. In Europa sind in den letzten 20 Jahren positive Tendenzen zu sehen, es ist der einzige Kontinent, auf dem die Bewegung ein wenig zunimmt. Vielleicht auch, weil es hier mehr sichere und beleuchtete Bürgersteige und Radwege gibt.Aus einer Public-Health-Perspektive plädierte Bull deshalb für einen systematischen Wandel, der Bewegung in allen Lebenswelten priorisiert. Gerade bei sehr inaktiven Menschen zähle jeder zusätzliche Schritt. „Schon die bescheidensten Mengen an Bewegung lassen das Risiko für verschiedene Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, der Lunge und verschiedene Krebsarten und das Risiko, früh zu sterben, steil abfallen“, sagte Bull.Bull bezog sich dabei auf Auswertungen zweier Kohortenstudien, die 2025 im Journal „BMJ Medicine“ erschienen sind. Wissenschaftler hatten dafür über 30 Jahre hinweg über 100.000 Personen nach ihrer körperlichen Aktivität und ihrer sportlichen Betätigung befragt. Das Ergebnis: Egal, ob man Rad fährt, joggt, schwimmt, Tennis spielt, Krafttraining macht oder auch nur Treppen läuft und spazieren geht, das Risiko, früh zu sterben, sinkt quasi, sobald man vom Sofa aufsteht. Je mehr verschiedene Sportarten man ausübt, desto besser.Mit sozialem Anschluss zu mehr BewegungOft ist es aber nicht nur fehlender Asphalt, der die Menschen daran hindert, sich zu bewegen. In England gaben gerade Ältere an, keinen Grund zu haben, das Haus zu verlassen. Einkäufe lassen sich bequem von zu Hause erledigen, soziale Kontakte gibt es wenig. Es sei wenig hilfreich, diese Personen direkt aufzufordern, sich mehr zu bewegen, sagt Janice Thompson, die ebenfalls lange Jahre im Bereich Public Health geforscht hat und heute Präsidentin des ECSS ist. Es ginge darum, Anschluss an das soziale Leben herzustellen. Gemeinsam mit fitten Gleichaltrigen könnten die Betroffenen eher mal zum Bowling, zu Tanztreffs oder zu lokalen Festen gehen. Erste Untersuchungen haben gezeigt, dass solche Ansätze, Bewegung quasi durch die Hintertür zu fördern, funktionierten.Auch Sportwissenschaftler Bishop sagte, zunächst müsse der Fokus darauf liegen, sich überhaupt mehr zu bewegen. Gleichzeitig möchte er spezifisches sportliches Training der breiten Masse zugänglich machen. Gemeinsam mit chinesischen Wissenschaftlern arbeitet seine Arbeitsgruppe an einer Künstlichen Intelligenz, die je nach Wissensstand, Gegebenheiten und Vorlieben individualisierte Bewegungsprogramme erstellt.