Die Kategorie Preis-Leistungs-Verhältnis ist für die, die im Namen des Publikums probieren, zu einem riskanten Balanceakt geworden, ebenso der Versuch, wirklich breiten Ansprüchen mit der Auswahl der Lokale gerecht zu werden, wenn auf der Karte schon in bescheideneren Etablissements bislang unerhörte Zahlen purzeln?Die Gewissheit, das Preisniveau einer Lokalität stehe doch wenigstens in einem relativen Zusammenhang mit dem Niveau der Küche, ist folgerichtig ebenfalls ins Wanken geraten und auf das Prinzip Hoffnung eingeschrumpft. Auch ist man sich nicht mehr sicher, was als teuer, was als preiswert einzuschätzen sei – gleicht die Gestaltung des Entgeltes doch immer öfter einer Kür im Hochsprung. Und wo ist sie geblieben, die saftige Mehrwertsteuersenkung zu Anfang des Jahres auf das gastronomische Verabreichen von Speisen?Nehmen wir das Tiratardi an der Kurfürstenstraße, dieses kleine, kitschfreie Lokal mit dem in Schwabing häufigen Gärtchen in der Einfahrt, ein trotz diverser Betreiberwechsel im Gewimmel der italienischen Ristoranti in Schwabing und Maxvorstadt als angestammt zu nehmender Name. Wenn also im Tiratardi der Steinbutt für zwei Personen mit 119 Euro auftrumpft – ist das nun das neue „normal“, oder ist das doch ziemlich unverschämt, bei aller Wertschätzung dieses raren und köstlichen Plattfisches? Das Publikum nimmt derlei klaglos hin.Immerhin ging die Küche mit dem kostbaren Gut erfreulich fundamentalistisch um, ließ ihm, vorsichtig gegart, seine ganz eigene Art. An den Seeteufel für 34,90, die Gelbschwanzmakrele für 35,90, den Wolfsbarsch für zwei um die 70 Euro herum hat man sich indessen preislich ja sowieso längst gewöhnen müssen, will man in München Fisch speisen. Irgendwann ist dann der ökonomische Nerv doch so gereizt, dass sich der Gast über Kleinigkeiten richtig zu ärgern beginnt, muss er zum Butt die frische Zitrone, unabdingbar für derlei Speise, ausdrücklich nachfordern.Im Sommer sitzt man auf der kleinen Terrasse. Stephan RumpfUnd die Suppen? Für diesen Introitus einer Mahlzeit hat sich der Preis binnen weniger Jahre gut und gern verdoppelt. Hier mochten wir an der Selleriesuppe mit ihrer puddinghaften Steifheit gleichwohl nichts aussetzen, empfanden den Bitterton des bleichen Gemüses als wohltuend (14,90). Die Gurkensuppe (14,90) mit Pfirsich gefiel uns in ihrer leichten, fast schaumigen Art. Aber: Auch wenn Gurkensuppe sehr oft als Kaltgericht das Sommermenü eröffnet, kann man sie nicht einfach so auf den Tisch stellen, ohne ihre Temperatur anzukündigen, was unterblieb.Zucchiniblüten (drei für 18,50) sind ein Klassiker der italienischen Hausmannskost. Im Lande selbst kommen sie gastronomisch oft nur als neckisches Beiwerk zu Tische. Hier Respekt für die Leichtigkeit des Backteiges und seine zarte Würzung. Antipasti sind nicht selten in der Hitze des Sommers auch als Hauptgericht willkommen. Ein bisschen was im Magen will man dann doch haben. Geröstete Pfifferlinge mit Pesto, Rucola und Pecorino (16,90) hinterließen keinen Eindruck. Das Rindercarpaccio (22,50) erst recht nicht mit seiner Ferne von aller Würze und einer – zugegeben - mächtigen Schicht Trüffel obenauf.Trüffel gab es auch zum Kartoffelcarpaccio, Erdäpfelblätter mit Ei überbacken. Verwunderung über deren Pappbeschaffenheit. Es gab Trüffel erst recht auf den Tagliatelle al Tartuffo (kleine Portion zu 17,90), deren delikater Grundgeschmack überzeugte, deren Namensgeber jedoch hier und bei allen anderen Gerichten Anlass zu einer grundsätzlichen Bemerkung sein muss. Natürlich sind die jetzt verfügbaren Sommertrüffel weit weniger intensiv als die der Herbst- und Wintersaison. Hier aber erwies sich diese Trüffelsorte als gänzlich aromafrei und geschmacklos. Die Küche suchte wohl diesen Mangel löblich mit reichlicher Zuteilung auszugleichen. Das half aber nichts.Schlicht und kitschfrei: So reduziert präsentiert sich das Lokal. Stephan RumpfViele Gerichte im Tiratardi locken der Papierform nach – nein, alles steht weiß auf schwarz auf einer Schiefertafel – mit Trüffel, was sagt, dass dem Publikum das irgendwie auch gefallen muss. Gerade bei so vielen Stammgästen, wie sie offenbar diesem Haus die Treue halten, fragt man sich am Ende, ob sie aus Höflichkeit den Null-Geschmacks-Pilz goutieren oder ihnen der Mangel einfach egal ist, Hauptsache die Pose stimmt. Warum, um des Trüffelhundes willen, bietet man den Edelpilz an, wenn er nichts von seinen delikaten Eigenschaften mitbringt, statt ihn einfach wegzulassen. So manches Gericht im Tiratardi bedürfte dessen nicht einmal dann, schmeckte er denn in all seiner Delikatesse.Um das, was eine wahre Carbonara ausmacht, sind schon Glaubenskriege geführt worden. Ohne also in dieses Gemenge eingreifen zu wollen, kamen uns die Garganelli Carbonara (17,90) doch sehr gelegen in ihrem erdigen, ruralen Duft. Garganelli sind im Grunde quergerillte Penne, eine der unzähligen Varianten aus Italiens Pastaparadiesen. Entzückt hat den Hecht Risotto mit Pfifferlingen und Kalbsbries (25,90): Auf angenehme Weise al dente brachte er diese sämige, delikat-kräftige Grundverfassung mit, auf der sich das knusprig gebratene Bries wie feine Spitzen präsentierte. (Ein Rätsel übrigens, warum diese einst sehr angesagte Innerei heute völlig aus den Küchen verschwunden ist.)Eine Sommervorspeise: die Gazpacho mit Wassermelone und Thunfisch. Stephan RumpfUnd dann der Schweinebauch (zu deutsch Wammerl, 28,90). Wenn sich Italiener, die allzu Fettes fast hysterisch meiden, dennoch ausnahmsweise dem Schweinefett zuwenden, dann eigentlich immer mit besonderer Hingabe, dann muss es besondere Qualität haben. Was für eine bittere Enttäuschung: fad, beinahe geschmacklos mit labbriger Schwarte. Das Rinderfilet (37,90) hingegen ein absolutes Prachtstück, butterzart, schlichtweg meisterlich. Die meist sehr schmal portionierten Gemüsebeilagen erwiesen sich durchwegs als angenehm geschmort und nicht als zu hart, fast roh belassen, was andernorts grundlos grassiert.Die süßen Sachen hinterdrein fallen hauptsächlich durch sehr ungewöhnliche Interpretationen geläufigerer Benennungen auf und dadurch, dass zu beinahe allen Nachspeisen Eis gereicht wird. Wer immer diese überbordende Mode in Umlauf gebracht hat? Die Variazione di Cioccolato (12,50) zum Beispiel war eine schmackhafte Creme, keineswegs aber verschiedenerlei Schokovarianten. Dafür die Zabajone (9,50) untadelig. Der Schwarzwaldkuchen (12,90) ist ein Riegel aus einer Schicht luftiger schwarzer Schokolade und einer Schicht Backwerk, überraschend, nicht überzeugend. Baba al Limoncello (12,90), der durchaus berühmte Kuchen, Likör-getränkt, war uns zu penetrant alkoholisch.Sich in die Weinkarte solcher Lokalitäten zu vertiefen, wäre das München-übliche Preiskamikaze. Andererseits: Sehr angenehm die überraschende Frische des leider sonst so bräsig modischen Pecorino (0,2-Glas 11 Euro), wobei dieser aus den Abruzzen stammte. Pecorino von dort ist dem oft aller anderen Regionen meist vorzuziehen. Gleiches ist zum Grechetto (13) aus Umbrien zu sagen, den man uns auf Nachfrage glasweise ausschenkte, ohne dass er im kleinen langweiligen Kanon der offenen Kreszenzen vorgekommen wäre. Man sollte also immer nach einer offenen Flasche außer der Reihe fragen.Vielleicht ist das die Qualität dieser Stadtregion um das Theater der Jugend, dass dort unauffällige und wenig aufregende Lokalitäten langen Atem beweisen. Das Tiratardi, vor Jahrzehnten als Dependance des in derselben Straße wirtschaftenden La Stella gegründet und seit eineinhalb Jahren nach einigem Wechsel neu geführt, hat immer den Nimbus des etwas Edleren wahren können. Warum das so ist – so richtig hat es sich uns nicht erschlossen.Tiratardi, Kurfürstenstraße 41, Telefon 089/27774455, Montag bis Mittwoch und Freitag, 12-14.30 Uhr und 18-22 Uhr, Donnerstag 18- 22 Uhr, Samstag, 18-22 Uhr, sonntags geschlossenDie Restaurant-Kritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit vielen Jahren auch online. Mehr als ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem, wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.
Unter neuer Leitung: So ist das Restaurant Tiratardi in Schwabing
Das kleine Münchner Traditionslokal Tiratardi steht unter neuer Leitung. Die Küche kann entzücken, lässt einen dann und wann allerdings auch ratlos zurück.









