Lausanne war die Bühne für die erste Zielankunft dieser Frankreichrundfahrt, der Tour de France Femmes, die unter diesem Label seit Samstag zum fünften Mal firmiert. Zehntausende versammelten sich auf den letzten Kilometern durch jene Stadt, in der das Olympische Komitee seinen Hauptsitz hat. Sie sahen, wie die Mitfavoritin Demi Vollering 700 Meter vor dem Ziel attackierte, es wurde laut, doch die Niederländerin wurde gejagt und gestoppt. Und so kam es, dass eine andere Niederländerin zum Sieg sprintete.Lorena Wiebes setzte sich durch und durfte sich im Ziel das erste Gelbe Trikot dieser Tour überstreifen, Kim Le Court Pienaar aus Mauritius und Vollering blieben Platz zwei und drei. Die deutsche Zeitfahrmeisterin Antonia Niedermaier, zuletzt Dritte beim Giro d’Italia, kam auf Rang 17 (+8 Sekunden) ins Ziel dieser Auftaktetappe über 138 Kilometer mit Start und Ziel in Lausanne. Laut, wild und spannend ging es zu, das war der Rahmen dieser ersten Etappe, die erahnen ließ, welchen Status die Tour de France der Frauen inzwischen erreicht hat.Der Grand Départ in der Schweiz, die Königsetappe am ikonischen Mont Ventoux, ein Finale an der Côte d’Azur: Die Tour de France Femmes hält 1175 Kilometer und 18 795 Höhenmeter auf neun Etappen bereit, beides sind historische Rekordwerte für das Rennen der Frauen. Verglichen mit den 21 Abschnitten der Männer samt 3200 Kilometern und mehr als 54 000 Höhenmetern mag das als wenig erscheinen. Dennoch darf diese Tour de France Femmes als Statement für ihre Emanzipation erachtet werden. Und zwar nicht zuletzt aufgrund der Terminierung.Tour de France:Le SchicksalsbergWas macht den Mont Ventoux zum berüchtigtsten Berg im Weltradsport? Was erwartet die Fahrer auf dem knallharten Anstieg der 16. Etappe? Eine virtuelle Radtour der Qualen.In ihrer fünften Ausgabe erhält die Tour der Frauen erstmals ihre eigene Bühne. Bislang waren die Frauen stets parallel zum Schlusswochenende der Männer gestartet. Diese Überschneidung, erklärte Tour-Direktorin Marion Rousse, sei nötig gewesen, um sicherzustellen, dass „die Leute uns weiterhin folgen“. Man erhoffte sich also, Teile der Anhängerschaft des Männerrennens abzugreifen. Inzwischen aber sei das Rennen so stark gewachsen, dass die Fans die Tour der Frauen als „eigenständiges Event“ wahrnehmen, wie Rousse unlängst der spanischen Zeitung Marca erklärte: „Ja, wir können uns den Luxus leisten, eine Woche später zu starten.“Wenn man so will, ist den Veranstaltern der ASO, die auch die Tour der Männer organisiert, ein weiterer Schritt zur Autonomie des Frauenradsports geglückt – nachdem der Weltverband UCI zuvor mehrere Reformen angeschoben hatte. In den vergangenen Jahren wurde eine zweite Profi-Liga eingeführt, der Rennkalender aufgestockt, ein Mindestgehalt gibt es längst. Die Leistungsdichte in der Weltspitze ist merklich gewachsen – aber auch die Kosten für die Teams.„Der Frauenradsport hat sich in den letzten vier Jahren zu schnell entwickelt“, sagt Claude Sun. Der Franzose war Geschäftsführer des deutschen Teams Ceratizit Pro Cycling, das im September 2025 aus finanziellen Gründen aufgelöst wurde. „Ich glaube, die UCI wollte für Frauen das gleiche Niveau wie für Männer erreichen: Teams, Kultur, Budget. Aber sie haben eines vergessen: die Sponsoren“, sagte er dem Portal Cyclingnews: „Die Sponsoren geben das Geld.“„Wie ein Feuerwerk“: Viermal geht es im Tour-Endspurt über den Col d’EzeMehrere Equipen zogen sich zuletzt aus wirtschaftlichen Gründen zurück. Der Betrieb eines World-Tour-Teams kostet Sun zufolge inzwischen um die fünf Millionen Euro, mehr als doppelt so viel wie noch 2022. Die Folge: Für die 15 verfügbaren Plätze bei dieser Tour bewarben sich nur 14 Teams. Die steigende Popularität allerdings hält das offenbar nicht auf. In etwa 190 Ländern wird die Tour Femmes übertragen, ein Millionenpublikum schaut zu. In Deutschland zeigen die ARD und Eurosport die Etappen im TV und im Stream.Spannung dürfte den Fans auf jeder der neun Etappen bis zum 9. August geboten sein. Von der Schweiz bis Nizza steht nach den ersten Stationen in der Schweiz unter anderem die Auffahrt zum Mont Ventoux in Südfrankreich auf dem Programm. 15,7 Kilometer mit 8,8 Prozent Steigung erwarten die Fahrerinnen am sogenannten „Riesen der Provence“. An der Côte d’Azur endet die Rundfahrt in einer schweißtreibenden Kletterei: Vier Mal geht es über den Col d’Eze. „Es ist ein bisschen wie ein Feuerwerk“, sagt Rousse.Angeführt von Titelverteidigerin Pauline Ferrand-Prévot aus Frankreich, der früheren Tour-Siegerin Demi Vollering sowie Katarzyna Niewiadoma-Phinney aus Polen steht erneut ein hochkarätiges Feld am Start. „Seit Saisonbeginn haben wir praktisch jedes Wochenende eine andere Siegerin, und das sorgt für viel Spannung“, so Rousse. Die deutsche Zuschauerschaft wird Franziska Koch auf dem Zettel haben, die Gewinnerin von Paris-Roubaix Mitte April steht im Verdacht, Etappensiege anzupeilen. Antonia Niedermaier bestach als Gesamtzweite des Giro d’Italias Anfang Juni, dürfte ihren Tätigkeitsbereich allerdings zuvorderst als sogenannte Edelhelferin ihrer Teamkapitänin Niewiadoma-Phinney erfüllen.Die Siegerin der Gesamtwertung erhält 50 000 Euro. Damit zählt die Tour de France Femmes zu den bestdotierten Rennen im Frauenradsport. Dass zur Tour de France der Männer mit ihrer 123 Jahre währenden Historie speziell noch eine finanzielle Schlucht klafft, zeigen die Zahlen: Dort kassiert der Gesamtsieger 500 000 Euro – also das Zehnfache.
Tour de France Femmes: Ein Statement für den Frauenradsport
Die fünfte Auflage der Tour de France Femmes ist ein großer Schritt in Richtung Autonomie vom Männerrennen. Das Streckenprofil bricht Rekorde – und die Terminierung kommt erstmals ohne Überschneidungen aus.











