Die Tour de France Femmes erlebt ein glanzvolles Startwochenende in der Schweiz – doch die finanzielle Schere geht aufSeit dem Start im Jahr 2022 hat sich die Tour de France der Frauen rasant entwickelt. Doch wie bei den Männern wächst die finanzielle Ungleichheit zwischen den Teams.02.08.2026, 19.00 Uhr5 LeseminutenPostkartenbilder, wie sie nur die Tour de France erzeugen kann: Das Peloton passiert auf der zweiten Etappe von Aigle nach Genf das Dorf Chexbres.Jean-Christoph Bott / KeystoneDie erste Tour de France der Frauen in der Neuauflage hatte 2022 noch keinen Meter zurückgelegt, der Erfolg war noch ungewiss, als sich die Schweiz bereits für einen Grand Départ bewarb. Das geschah vor vier Jahren während der Tour-Etappe der Männer in Lausanne, wo Zehntausende die Strecke in der Innenstadt säumten. Damals beschlossen die Städte Lausanne, Genf und Aigle, auch für die Frauen ein Radsportfest zu organisieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nun steht die Tour-Direktorin Marion Rousse an der Riviera in Lausanne, die Romandie hat den Wunsch eines prestigeträchtigen Startwochenendes umgesetzt. Hinter Rousse drängen sich die Leute trotz weit über 30 Grad auf die Place de la Navigation, um der Präsentation der Fahrerinnen beizuwohnen. Rousse sagt: «Vor vier Jahren kannte kaum jemand, mit dem ich sprach, auch nur ein paar Namen von Fahrerinnen.»Nun ist das anders: Die Stars der Szene werden bejubelt und um Selfies gebeten, Demi Vollering postet später ein Video, auf dem man sieht, wie sie während des Moments Tränen in den Augen hat. Rousse sagt: «Ich denke, jetzt können wir sagen: Es ist einfach die Tour de France.»Marion Rousse war früher selber Rennradfahrerin, hörte aber mit 24 auf, weil sie davon nicht leben konnte. Seit 2022 ist sie die Direktorin der Tour de France Femmes.Jean-Christoph Bott / Keystone2026 sind alle weltbesten Fahrerinnen am Start. Marlen Reusser, die als erste Schweizerin triumphieren möchte, fasste die Ausgangslage so zusammen: «Es ist bei uns ungefähr wie bei den Männern minus Pogacar.» Die ersten beiden Etappen gingen an die Niederländerin Lorena Wiebes, im Sprint ist die Konkurrenz derzeit chancenlos gegen die dreifache Bahn- sowie Gravel-Weltmeisterin. Und das, obwohl am Samstag in Lausanne die letzten 2,6 Kilometer bergauf führten – Wiebes liess sich vor frenetischem Publikum nicht abschütteln.Zum ersten Mal losgelöst von der Männer-TourEs ist bemerkenswert, wie die Tour de France das Wachstum des Frauen-Radsports in den vergangenen vier Jahren beschleunigt hat. Die ersten Ausgaben starteten an demselben Wochenende, an dem die Männer ihr Rennen beendeten, mit Ausnahme des Olympiajahrs 2024. Die Taktik funktionierte, die Überlappung brachte Aufmerksamkeit. «Mittlerweile sind wir bekannt genug», sagt Rousse, «die Leute haben sich an den Frauen-Radsport gewöhnt. Man sieht, dass die Tour de France Femmes funktioniert.»Zum ersten Mal startet die Frauen-Tour dieses Jahr losgelöst von jener der Männer. In den sozialen Netzwerken kursierten etliche Beiträge, wie man als Radsportfan nur die eine Woche überstehen müsse, bis man wieder Tour de France schauen könne. Die Schlussetappe der Tour 2025, die die Französin Pauline Ferrand-Prévot gewann, sahen zu Spitzenzeiten 7,7 Millionen Menschen im französischen Fernsehen; getoppt wurde sie nur von den 8,7 Millionen der Männer-Schlussetappe.Wer sich am Startwochenende in der Romandie umschaut, sieht keinen grossen Unterschied mehr – was auch daran liegt, dass beide Rennen von der Amaury Sport Organisation (ASO) organisiert werden, teilweise dieselben Sponsoren haben, die Werbekolonne auch bei den Frauen Hütchen ausspuckt und die Leadertrikots dieselben Farben haben. Im Publikum hat es auffallend viele junge Frauen, die meisten im Rennvelotenue; dass es noch eine Lücke zu schliessen gibt, darauf deuten die Sprüche auf den Trikots hin, etwa «More Femmes on bikes» oder «Donnons des elles au vélo».Natürlich gibt es auch an der Tour de France noch grosse Unterschiede zwischen dem Männer- und dem Frauen-Radsport. Wobei die ASO daran nicht ganz unschuldig ist. Von 1984 bis 1989 organisierte sie die Tour de France féminin, jeweils am selben Tag auf den rund 70 letzten Kilometern der Etappe wie die Männer. Als kurz nach der Einstellung des Rennens ein anderer Organisator einsprang, verhinderte die ASO die Nutzung des Worts «Tour». Und als Fahrerinnen wie Marianne Vos – auch dieses Jahr noch am Start – 2014 in einer Petition fast 100 000 Unterschriften sammelten und eine Ausgabe für die Frauen forderten, führte die ASO zuerst bloss ein Eintagesrennen ein.50 000 Euro Siegesprämie statt 500 000Die Gesamtsiegerin 2026 erhält 50 000 Euro (bei den Männern 500 000), das durchschnittliche Budget eines World-Tour-Teams liegt bei 5,7 Millionen Euro (33 bei den Männern), und gegenwärtig fragt man sich, ob es eine Fahrerin wie Vollering oder Ferrand-Prévot bereits auf eine Million Jahresgehalt geschafft hat oder das erst der aufstrebenden Generation um die 23-jährige Paula Blasi gelingen wird.Demi Vollering (Mitte) ist eine der erfolgreichsten und populärsten Fahrerinnen des Pelotons.Jean-Christoph Bott / KeystoneOb des rasanten Wachstums öffnet sich die Schere. Während der ersten Tour-Etappe etwa wurde bekannt, dass Red Bull per sofort als Partner beim Spitzenteam FDJ United-Suez einsteigt, während die kleineren Equipen um jeden Franken kämpfen. Die Mindestlöhne steigen jährlich, was richtig und wichtig ist, doch ohne klingende Namen Sponsoren zu finden, ist schwierig. Das gilt auch für die Rennen, die oft von jenen der Männer quersubventioniert werden.Wie das bei der Tour de France aussieht, weiss man nicht so genau. Die im Radsport mächtige ASO ist ein französisches Familienunternehmen, das seine Zahlen nicht offenlegt. Experten schätzen, dass sie mit der Tour de France rund 70 Millionen Euro einnimmt. Da bleibt auch Geld genug, um das Frauenrennen voranzutreiben und im grossen Stil anzurichten. Bei den Männern wird die Verteilung des riesigen Umsatzes kritisiert – denn die Teams profitieren von den Einnahmen der ASO nicht, und auch dort kämpfen viele Mannschaften finanziell.Zur finanziellen Situation der Frauen-Tour sagte Rousse in Lausanne bloss: «Der Name Tour de France und die Betreuung durch die ASO bedeuten, dass diese Struktur im Gegensatz zu kleineren, ehrenamtlich geführten Rennen finanziell gefestigt ist.» Sie sei sich jedoch voll bewusst, wie real das finanzielle Problem im Radsport sei. «Die Tour de France steht an der Spitze der Pyramide. Hier gibt es das meiste Interesse von Städten, Medien und Sendern. Aber die Basis der Pyramide hat es extrem schwer, zu überleben.»Noch ist die Frauen-Tour für Etappenausrichter im Vergleich zu den Männern ein Schnäppchen. Während Barcelona für den Start dieses Jahr der ASO geschätzt 8 Millionen Euro bezahlen musste, gab es den Grand Départ in Lausanne, Aigle und Genf für 1,2 Millionen Franken.Passend zum Artikel