Im Straßenverkehr werden wir alle zu Opportunisten. Kaum haben wir unsere Rolle als Fußgänger abgelegt und hinter dem Steuer eines Autos Platz genommen, sind wir mit Radfahrern spinnefeind – und ohnehin mit jedem, der langsamer ist als wir. Zu Fuß geraten wir ebenfalls mit Radlern aneinander. Und sobald wir selbst im Sattel sitzen, sind es plötzlich Autofahrer und Passanten, die uns den letzten Nerv rauben. Auch ich kann mich nicht ganz davon ausnehmen. Egal, für welches Verkehrsmittel ich mich entscheide: Der Gegenspieler wechselt ständig und zuverlässig. Die Schuld liegt natürlich immer bei den anderen. Nur Bus und Bahn bleiben von dieser Beobachtung verschont. Dort richtet sich der Ärger stets gegen das Unternehmen, das man gerade für die horrende Verspätung verantwortlich machen kann.

Wenn aus Fußgängern plötzlich Jogger werden

Doch neben all den Optionen, die es gibt, um sich im Verkehrsmoloch der Stadt fortzubewegen, schlüpfen gerade bei höheren Temperaturen immer mehr Berliner in eine besonders unbeliebte Rolle – zumindest aus Sicht mancher Opportunisten. Die Rede ist vom Jogger. Sobald das Thermometer die 20-Grad-Marke überschritten hat, wimmelt es nur so von jener Spezies in ihren unübersehbaren neonfarbenen Uniformen. Spätestens ab 25 Grad kennt das Schaulaufen dann keine Grenzen mehr: Ausgestattet mit den neuesten Carbon-Schuhen, Laufkleidung für mehrere hundert Euro und einer Laufweste mit Wasserflaschen, um bei einem viereinhalb Kilometer langen Run bloß nicht zu dehydrieren, geht es statt über Stock und Stein über Asphalt und noch mehr Asphalt.