Der 28 Jahre alte Inder Satyam Chaubey hatte zuerst Ingenieurwesen studiert. In erster Linie tat er es, weil seine Eltern es wollten. Besonders gefallen hat ihm das Studium nicht. Doch nach dem Bachelor schien es kurz so, als habe er das große Los gezogen. Im Jahr 2020 bestand er eine Prüfung, die ihn für eine Stelle im begehrten öffentlichen Dienst qualifizierte. Die Ergebnisse wurden aufgrund von Unregelmäßigkeiten allerdings widerrufen, und bei der Wiederholung der Prüfung fiel Chaubey durch, wie er der F.A.S. telefonisch aus Azamgarh im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh berichtet.Weil sich keine Alternative auftat, begann Chaubey ein neues Studium. Im Jahr 2023 machte er seinen Master in Betriebswirtschaft, ohne dabei allerdings einen bestimmten Plan zu verfolgen. „Hier machen die meisten ein Studium, ohne einen spezifischen Beruf anzustreben“, sagt er. „Es geht einfach um irgendeine Stelle.“ Auch mit seinem Master versuchte Chaubey es zunächst wieder im öffentlichen Dienst. In Indien hat ein Arbeitsplatz in diesem Sektor fast den Wert eines Sechsers im Lotto.Inzwischen hat Chaubey es allerdings aufgegeben, einen der begehrten Staatsjobs zu bekommen. „Von Stellen im öffentlichen Dienst kann man nicht einmal träumen“, sagt er. Mehr als vierzig Prozent der Arbeitsplätze würden praktisch im Voraus „verkauft“. Es gebe darüber hinaus Quoten für die Mitglieder benachteiligter Kasten. Irgendwann gebe man einfach auf. „Es gibt ein Alter, in dem man es immer wieder versucht – dieses Alter habe ich hinter mir“, sagt Chaubey.Jedes Jahr kommen zehn Millionen Jobsuchende hinzuNun konzentriert er die Jobsuche auf die Privatwirtschaft, aber auch dort ist er bisher erfolglos. Viele Arbeitsplätze würden über persönliche Verbindungen vergeben, sagt Chaubey. Seit seinem Abschluss hält er sich deshalb mit Gelegenheits- und Nebenjobs über Wasser. Er verkauft Souvenirs online, jobbt in Callcentern und gibt Kindern Nachhilfe. Vor Kurzem habe er eine Stelle bei einem Versicherungsmakler ausgeschlagen, erzählt er. Dort habe das Gehalt 18.000 Rupien betragen. „Das ist weniger, als ich mit der Nachhilfe verdiene.“Chaubeys Lebenslauf ist typisch für die Lage vieler junger Menschen in Indien. Die südasiatische Großmacht ist zwar unter den bedeutenden Volkswirtschaften diejenige mit dem stärksten Wachstum. Bisher ist es Indien aber nicht gelungen, seine gute Konjunktur in einen florierenden Arbeitsmarkt umzumünzen.Jedes Jahr suchen etwa zehn bis zwölf Millionen Menschen zum ersten Mal einen Job. Gerade Berufsanfänger finden aber kaum freie Stellen. Besonders schwierig ist die Lage für Universitätsabsolventen. Sie stellen mehr als sechzig Prozent der jungen Arbeitslosen. Da zwei von drei Indern jünger als 35 Jahre sind, handelt es sich um ein gigantisches Problem. Mehr als 900 Millionen Menschen sind in dieser Alterskohorte.